talking about sexual trauma

Our civilizations are traumatized by sexual violence. A poison we should neutralize by talking

Geht es in „la Mala Educación“. . .

3 Kommentare

. . . um „Begehren“?

Als ich den Almodovar-Film mit einer Freundin anschaute, wunderte ich mich sehr darüber, dass ihr gar nicht aufgefallen war, dass es in dem Film um sexuellen Missbrauch und seine Folgen ging. Für mich war das sonnenklar, deswegen hatte ich den Film ja sehen wollen. Diese Freundin hatte sich allerdings nie mit dem Thema sexuelle Gewalt auseinandersetzen müssen, und offenbar interessierte sie am dem Film anderes.

Mich interessierte die Person des missbrauchten Jungen, Ignacio, aus dem später die Transsexuelle Zahara wurde, mit ihren Identitätsproblemen. Und ihrer Zerstörtheit. Mich interessierte auch das Gebrochene am Film: Es schien die Verwirrung wider zu spiegeln, die traumatische Erfahrungen stiften – die Grenzen des Körpers und der Wahrnehmung wurde gesprengt, die Realität liegt in Fetzen, die erst wieder zusammengesetzt werden müssen.

Heute lese ich die damaligen Filmkritiken und freue mich darüber, dass man die wohl so heute nicht mehr schreiben würde. Oder würde noch irgendwer behaupten, die Figur des Paters Manolo, des Missbrauchers, „beleuchte die verschiedenen Gesichter der Begierde“, wie das 2004 Almodovar in einem seiner Interviews nach Herauskommen des Films formulierte? Würde man noch sagen, das erpresste 12jährige Opfer, Ignazio, „gibt sich dem Pater hin“ (findet man noch so auf Wikipedia)? Die Zeit schreibt in der Einleitung zum Interview mit dem Regisseur, der Schüler habe mit dem Pater „eine sexuelle Affaire gehabt“. Würde ein Journalist der „Zeit“ heute noch derart verharmlosend über einen Gewalt-Akt gegen ein Kind schreiben?

Wenn man Fritz Göttler liest, schaudert’s einen auch: „Sein Film handelt von den Mechanismen der Verführung an sich. Der man nur entgehen kann, wenn man den Lauf der Welt anhält, wenn man innehält im Fluss der Zeit.“ Wenn ich gar Annette Scholz‘ Filmkritik wieder lese, muss ich schier brechen: „Mit stilvoller Selbstverständlichkeit bannt Almodóvar die Leidenschaft zwischen Gleichgeschlechtlichen und die Anziehungskraft, die ein zwölfjähriger Junge auf einen erzkatholischen Pfarrer ausüben kann, auf Celluloid.“

Die Zeiten, in denen man sexuelle Gewalt mit Begehren und Liebe verwechseln wollte, SIND vorbei, oder? Ich will es ganz fest glauben: Sie sind vorbei.

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3 Kommentare zu “Geht es in „la Mala Educación“. . .

  1. Glauben versetzt Berge. Also will ich Ihnen Ihren Glauben belassen. Doch damit die Berge sich versetzen, muss man über die Tabus reden, man muss sie enttabuisieren. Leider wird nur darüber gesprochen, solange man den Missbrauch gegen den passenden Gegner skandalisieren kann, so wie es zuletzt gegen die katholische Kirche ging. Während die Aufdeckung des sexuellen Missbrauchs bei und im Umfeld der Grünen oder der Odenwaldschule kaum Echo fand. Oder wie im Fall Raddatz, der kurz vor seinem Tod schilderte, wie er von seiner Mutter und seinem Stiefvater sexuell missbraucht wurde, überhaupt nicht debattiert wurde. Ja, wie Raddatz selbst den erlittenen Missbrauch banalisierte, ist entsetzlich und zeigt in aller Schärfe, wie das Tabu des sexuellen Missbrauchs durch Frauen und in der Familie heute noch wirkt.

    Im übrigen ging es mir ebenso wie Ihnen, als ich den Film im Fernsehen gesehen habe, ich war entsetzt von der Zerstörung des Ignacio aka Zahara, die ihre Ursache in dem Seelenmord des Priesters an ihm hatte.

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    • Sexueller Missbrauch durch Frauen ist noch ein sehr großes Tabu. Man hört wenig darüber. Verharmlosung ist eine weit verbreitete Strategie, um auf die Überforderung zu reagieren. Und Männern fällt es wohl noch schwerer, Übergriffe zu thematisieren, als Frauen. Niemand will ein Opfer sein.

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  2. Ich denke, dass die Erschwernis, als Opfer dieser Verbrechen, das Thema zu kommunizieren, nur in zweiter Linie eine Frage des Geschlechts ist, dagegen vordergründig eine der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit und Haltung. Die Benennung, Verurteilung und Hilfe für weibliche Opfer sexuellen Missbrauchs machte es erst möglich, dass Frauen und Mädchen inzwischen zugehört und geglaubt wird, wenn sie Übergriffe anzeigen und Behandlungen aufsuchen. – Dagegen können die meisten nicht verstehen, wie einem Mann oder Jungen überhaupt ein solches Verbrechen widerfahren kann, ohne dass er es nicht wollte und somit indirekt doch auch Beteiligter gewesen sei. Ein Verdacht, dem auch weibliche Opfer heute noch ausgesetzt werden, und dem sie vor noch drei, vier Jahrzehnten generell ausgesetzt waren, man denke nur an Freuds unsägliche Konstruktion des Ödipuskomplexes, der für Jahrzehnte die psychologische Praxis beeinflusste, und in denen die Opfer häufig nochmal nachträglich beschämt und missachtet wurden.

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