talking about sexual trauma

Our civilizations are traumatized by sexual violence. A poison we should neutralize by talking

Opfer, Betroffene, Überlebende?

Ein Kommentar

Was ist der richtige Ausdruck, wenn man als Kind oder Jugendliche/r sexueller Gewalt ausgesetzt war und mit dieser Tatsache und den Folgen leben muss? Natürlich ist man noch ganz viel anderes; einfach ein Mensch, der so einiges erlebt hat und damit irgendwie klarkommt. Andere haben Krebs überstanden, oder den frühen Tod eines Elternteils oder Unfälle oder anderes Schlimmes.

Der Unterschied ist, dass – Opfer? Überlebende? Betroffene? – sexueller Gewalt Ausgrenzung befürchten müssen und allermeist auch erlebt haben. Man wird weitgehend damit allein gelassen. Wurde. Es wird ja besser. Aber ein ganz allgemein hilfreicher Umgang ist noch was anderes. Mit „hilfreich“ meine ich zunächst „nicht ausgrenzend“, „nicht abwehrend“, „nicht stigmatisierend“. Ich hätte gerne, dass Menschen ihre Projektionen abschalten, wenn sie auf „Opfer“ treffen.

Ich selbst bezeichne mich meist als „Betroffene“, aber eigentlich ist mir das zu technisch. Der Ausdruck trägt das Label „Opfer, das sich nicht so nennen will“. Positiv gewendet: Opfer, das aus seiner Opferrolle bewusst ausgestiegen ist, reflektiert hat, wie Opfer entstehen.

Dabei ist der Ausdruck „Opfer“ eigentlich der Kraftvollere, Deutlichere. Gerade wenn ein Kind sexueller Gewalt ausgesetzt wird, wird es geopfert, und zwar aktiv: Von denjenigen, die missbrauchen und von der Umgebung, die es schützen sollte, aber lieber wegsieht oder gar mitmacht. Das Kind wird der Stabilisierung destruktiver Strukturen und Menschen geopfert. Man möchte nichts ändern, keine Konflikte riskieren, es soll alles so weiter funktionieren, wie gehabt, und wenn es dazu ein Menschenopfer braucht, wird das akzeptiert.

Natürlich will aber niemand ein Opfer sein. Auch diejenigen nicht, die sich durchaus noch in den Mustern weiter bewegen von Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein, fehlender eigener Verantwortung, Unfähigkeit, sich zu schützen. Schon gar nicht, wenn man sich da mühsam herausgearbeitet hat und etwas Glück hatte, so dass man sich anders erleben konnte und das andere – sich schützen, etwas bewirken können – dann auch mal verinnerlicht.

Wie wär’s mit „Überlebende/r“? Ein starkes Wort, das den Vorteil hat, positiv besetzt zu sein. Man hat’s geschafft, Lebensbedrohliches überstanden, Gefahr abgewendet, war zäh, schlau, hat sich durchgesetzt gegen schlimmste Widrigkeiten. Es trifft auch insofern, als sehr viele Gewaltopfer (auch und gerade sexueller Gewalt) sich immer wieder in Lebensgefahr gefühlt haben, weil Schmerzen und Angst so groß waren; und ihr Leben nicht selten auch real bedroht war. Schließlich können schwere sexuelle Übergriffe auch physisch schlimme gesundheitliche Beeinträchtigungen nach sich ziehen. Ich gehe besser nichts ins Detail.

Auch in anderer Hinsicht ist der Ausdruck treffend: Das Erleben von Todesangst ist ungeheuer prägend, destruktiv, verheerend in vielerlei Hinsicht. Ich brauche das nicht auszuführen. Einen sehr interessanten Aspekt der Konditionierung durch Todesangst hat Oksana Sabuschko hat in ihrem Roman „Feldstudien über ukrainischen Sex“ entdeckt und dargestellt: „Sklaverei ist die Infizierung mit Angst“, schreibt sie da. Und Todesangst führe in die mentale Sklaverei, die Dauerangst. Eine Beobachtung, die ich sehr interessant und zutreffend finde. Übrigens auch im Hinblick auf meine Überlegungen, was eigentlich Täter und Täterinnen mit ihren Übergriffen so bezwecken. Vieles natürlich, aber eine „Abrichtung“ des Opfers ist zumindest ein für sie positiver Nebeneffekt.

Mich stört am Begriff „Überlebende“ aber das Pathos. Und ich will bloß nicht auf diesen posttraumatischen Zustand der Dauerangst festgeschrieben werden. Entspannt klingt das nicht. Aber vielleicht ist es auch so, dass es den meisten „Betroffenen“ immer schwerfallen wird, sich wirklich zu entspannen und endlich zu glauben, dass „es“ vorbei ist. Für immer.

Vermutlich gibt es keinen richtigen Begriff in einer Sprachgemeinschaft, die den Umgang mit der Sache noch gar nicht in eine positive Kultur gefasst hat. Sondern vorzugsweise verdrängt und weggesehen hat, Opfer bestrafend, die zum Hinsehen aufforderten. Man könnte sich ja an der Resilienz freuen von Individuen und auch Strukturen, die Heilung oder zumindest Verarbeitung ermöglichen (ich mag den Begriff „Heilung“ nicht, weil er einen zu erreichenden Idealzustand voraussetzt, den ich für inexistent halte). Man könnte sich ein paar Fragen über unsere Zivilisationen stellen und inwiefern da noch einiges zu verbessern wäre, zum größeren Wohl aller.

Vielleicht ergibt sich dann auch ein zutreffender, weder diskriminierender, noch technischer, noch pathetischer Begriff.

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Ein Kommentar zu “Opfer, Betroffene, Überlebende?

  1. Ich denke, welchen Begriff man für sich als Verbrechensopfer selbst wählt, ist auch eine Frage der psychischen Entwicklung nach der Tat. Es gab eine Zeit, in der ich mein Posttrauma gut unterdrücken konnte, in der ich mich wohl selbst nicht einmal als Opfer bezeichnen hätte wollen; obgleich dieser Terminus nun mal der richtige ist, sobald man ein Verbrechen oder einen Unfall überstanden hat. Vielleicht hätte ich damals, wenn ich mich in Hinsicht zum erlittenen Missbrauch überhaupt hätte nennen sollte – denn ich sprach damals auch nicht darüber -, tatsächlich den Begriff „Betroffener“ gewählt. Dies beschreiben Sie ja präzis mit dem „Opfer, das sich nicht so nennen will“. Wobei ich Ihre Annahme von der positiven Wendung nicht nachvollziehen kann; denn dazu sieht mein Prozess zu anders aus.

    Zum Begriff Überlebender. Wenn man eine schwere Krankheit oder einen Unfall überlebte, ist man sicher ein Überlebender, aber man nennt sich kaum so. Dieser Begriff wird überwiegend von Überlebenden der Shoa und des sexuellen Missbrauchs in der Kindheit benutzt. In beiden Fällen bedeutet die Verwendung dieses Begriffs auch die Behauptung, dass man die Opferrolle überwunden habe. Ich verstehe mich in diesem Sinne zwar auch als Überlebender, weil ich das Erlittene zudem als Seelenmord bezeichne, aber ich nenne mich selbst im Gespräch nur selten so. Für gewöhnlich gebrauche ich dabei doch den Begriff Opfer. Er klingt mir weniger pathetisch.

    Vorbei ist beim Posttrauma leider nichts. Das Verbrechen ist zwar ausgestanden, es wird aber dennoch häufig scheinbar akut durchlitten. Das Leiden an dem erlittenen Verbrechen besteht also meist in irgendeiner posttraumatischen Form fort. Albträume zum Beispiel verschwinden selten. Seltsamerweise werden sie gar intensiver, je länger das Verbrechen zurückliegt; so jedenfalls bei mir und ähnlich bei vielen anderen Opfern.
    Mein Therapieziel bezeichne ich seit Ausbruch der akuten PTBS, indem ich sage: „Ich möchte komplett werden.“ Denn derzeit empfinde ich mich noch als zerbrochen. Vielleicht nenne ich mich am Ende, falls ich als gut gekitteter Scherben überleben kann, als „Kompletter“. Derzeit bin ich davon aber vermutlich noch weit entfernt.

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