talking about sexual trauma

Our civilizations are traumatized by sexual violence. A poison we should neutralize by talking

Trilogie über Leben mit sexueller Gewalt:

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Herbjörg Wassmo, das Haus mit der blinden Glasveranda (und folgende Bände).

„sie war nicht so scheu und selbstzerstörerisch, wie die Leute es gerne hätten. Sie verachtete Unterwürfigkeit, und das war schlimm von ihr“ – einer dieser hellsichtigen Sätze aus dem ersten Band der Trilogie der norwegischen Autorin Wassmo. Der (meines Wissens) erste preisgekrönte Roman zu diesem garstigen und aus der „hohen“ Literatur weitgehend ausgesperrten Thema , und er hat sogar internationale Anerkennung gefunden.

In Deutschland freilich (und typischerweise) unter dem Etikett „Frauenliteratur“. Es handelt sich aber um Weltliteratur, die geradezu bildhaft und intensiv eine Welt heraufbeschwört und so beschreibt, wie man es noch nie gelesen hat.

Und auch eine Realität sinnlich erfahrbar macht, die man auch noch nie so „erlesen“ konnte: Die eines sexuell traumatisierten Kindes, später der Jugendlichen. Das ist keineswegs deprimierend, sondern im Gegenteil ermutigend. Denn diese Thora (so heißt das Mädchen) mobilisiert alles an Lebenskräften und –freude, was sie in dem eher trostlosen Fischerdorf auf einer norwegischen Insel irgend finden kann, und das ist eine Menge mehr als die meisten ihrer Mitmenschen.

Wie jede/r große Schriftsteller/in hat Wassmo klare Standpunkte (sonst könnte sie ja nicht so klar sehen), verurteilt aber niemanden. Nicht die Mutter, die als „Deutschenhure“ mit ihrem „Deutschenkind“ (Thora ist die Tochter eines deutschen Soldaten) keinen anderen Mann mehr bekommen hat als einen schwerbeschädigten und übergriffigen Alkoholiker, und für diesen mehr da ist als für ihre Tochter. Nicht die Menschen, die mit Thoras Familie im „Tausendheim“ leben, einer verfallenen Villa voller Sozialfälle, und mehr Kinder in die Welt setzen, als sie versorgen können.

Sie schildert die Strukturen, in denen sich die Menschen bewegen – saisonale Arbeit, die Frauen systematisch schlechter bezahlt bekommen als Männer, eine gewaltige und gewalttätige Natur, erbarmungslose Winter, und die Demut und Resignation der Menschen, das Fehlen von Kommunikation weil der Mensch so wenig bewirken zu können scheint.

Und sie schildert die Macht der Liebe und des Zusammenhalts trotz allem. Die Tante von Thora und ihr Mann haben eine lebendige und liebevolle Beziehung und retten sie mit ihrer Zuwendung vor der totalen Verzweiflung und dem emotionalen Tod.
Besonders beeindruckend finde ich Wassmos Schilderungen, wie sich das Leben „in Schande“ (so formuliert es Thora) anfühlt. Natürlich kann sie sich lange, lange niemandem offenbaren, die Mutter steht ja hinter dem missbrauchenden Stiefvater. An solchen Loyalitäten hat sich ja bis heute leider kaum etwas geändert, obwohl Thoras Geschichte in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts spielt.

Hier noch ein Auszug, der mich lebhaft an schlimme, schlimme Zeiten erinnert hat:
„Die Worte waren für sie verschwunden. Sie musste sich zusammennehmen, um etwas zu finden, worüber sie mit den anderen reden konnte. Sie saß nur da – meistens. Lächelte. Lauschte aufmerksam ihren Liebesaffären, ihren Streitereien, ihren Träumen. Indessen verbluteten alle Gefühle. (. . . ) Sie bekam eine Art Status als Klagemauer und Seelsorger. Das schweigsame Mädchen von der Insel war neutral und bedrohte niemandes Position. Sie war sogar tüchtig in der Schule, so dass sie zum Abschreiben der Aufgaben taugte.“

Am Ende (ich bin erste am Ende des zweiten Bandes, habe aber „vorausgelesen“) scheint sich die ungeheure Energie dieses verzweifelten, lebenshungrigen, kluge, Menschenkindes aber dann doch verbraucht zu haben. Ob sie es schafft, dem Irrewerden zu entrinnen, bleibt offen. Sie ist so völlig einsam und am Ende, nachdem sie schließlich und endlich vollends entkommen ist, wie das eben meist so ist. Ein anderes Ende wäre wohl Kitsch gewesen.

Es bleibt jedem Leser, jeder Leserin selbst überlassen, sich das Entrinnen und den langsamen Wiederaufbau und hoffentlich eine Rückkehr ins Leben und unter die Menschen und zur Lebensfreude auszumalen. Vielleicht ein Thema für eine/n andere/n begabten Autoren / Autorin.

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