talking about sexual trauma

Our civilizations are traumatized by sexual violence. A poison we should neutralize by talking

Sekundäre Viktimisierung – wozu?

4 Kommentare

Opfer einer Straftat bzw. eines Verbrechens zu werden ist schlimm genug. Die meisten Opfer können sich des Mitgefühls und der Strafverfolgung sicher sein. Außer diejenigen, die Opfer von Sexualverbrechen werden. Außer sie sind tot, das macht es einfacher: Man muss nicht mehr mit ihnen umgehen.

Das klingt zynisch, soll aber nur deutlich machen, was sekundäre Viktimisierung bedeutet: Dass man, einmal Opfer geworden, weiterhin immer wieder Opfer wird, nämlich der Ängste und Projektionen unserer Mitmenschen. Frauen, die vergewaltigt wurden, haben ein schlechtes Image – das haben Studien in Deutschland und in der Slovakei ergeben. Man schreibt ihnen negative Eigenschaften zu. Die meisten Menschen weichen dem Thema sexuelle Gewalt aus. Man behält die Erfahrung also besser für sich und behält auch seine Wut über die diesbezüglichen Zustände in der Welt besser für sich. Es herrscht da eine merkwürdige Blindheit, die sehr viele Menschen sich gerne erhalten möchten. Die Frage ist doch wohl, warum das so ist. Wenn sich Einbrüche häufen, wollen die meisten Leute ja sehr wohl wissen, woran das liegt.

Man könnte durchaus die Frage stellen: Cui bono? Was nützt die Blindheit, und wem nützt sie? Es ist ja nicht so, dass sekundäre Viktimisierung ein harmloses Phänomen wäre, dem man mit Verständnis für die armen, überforderten Mitmenschen und Bravsein beikommen könnte. Opfer sexueller Gewalt geworden zu sein ist ein Geheimnis, das man in vielen Fällen gut hüten sollte. Das mögen Arbeitgeber genausowenig wie potentielle Partner oder Kollegen. Siehe oben: Schlechtes Image der Opfer. Das übrigens Männer genauso betrifft wie Frauen, auch wenn es dazu keine Studien zu geben scheint.

Vermutlich ließen sich da eine Menge hübscher Berichte sammeln – von schrägen Reaktionen bis zu Kontaktabbruch oder Mobbing. Was man natürlich dann ertragen muss, oder bestenfalls im Therapeuten-Zimmer thematisieren kann, denn: Da beisst sich die Katze in den Schwanz.

Dass ich der Ansicht bin, dass sexuelle Gewalt in gesellschaftlichen Strukturen eine Funktion erfüllt, habe ich bereits ausgeführt (s. Beitrag „Nutzen der sexuellen Gewalt“). Sie trägt zur Hierarchie-Bildung bei, festigt Hierarchien, und legt fest, wer die „Loser“ sein sollen. Diejenigen, die gar nicht erst viel verlangen, weil ihnen jemand beizeiten klar gemacht hat, dass sie noch nicht einmal über ihren eigenen Körper Verfügungsgewalt haben.

Ich gehe nicht davon aus, dass das bewußt unterstützt wird, indem man die derart Bearbeiteten zum Schweigen (und damit ein Stückweit zum Verharren in ihrer Rolle) zu zwingen versucht (oder jedenfalls nur von einer kleinen Minderheit). Allerdings  würde ich behaupten, dass es durchaus für viele Menschen stabilisierend ist, die Welt in „Opfer“ auf der einen Seite und „Subjekte“ auf der anderen Seite zu teilen, und sich auf der richtigen Seite zu fühlen. Am besten ja vielleicht, um es quasi schwarz auf weiß zu haben, auf Seiten der Therapeuten oder Helfer.

Mit Sicherheit ist sexuelle Gewalt auch ein Hilfsmittel, autoritäre Stukturen zu erhalten bzw. zu bilden und zu stabilisieren. Ich habe zu dieser These allerdings bisher wenig wissenschaftliche Untersuchungen oder Studien gesehen. Gibt es sie nicht, oder habe ich sie nur übersehen? Für Hinweise wäre ich dankbar.

 

 

 

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4 Kommentare zu “Sekundäre Viktimisierung – wozu?

  1. Wenn ich mich anderen Menschen gegenüber erkläre, indem ich meinen Gemütszustand (PTBS) erkläre und die Daten des erlittenen Missbrauchs skizziere, begegnet mir überwiegend betroffenes Schweigen. Es ist einerseits gut, da Nachfragen mich nur belasten würden, andererseits ist das Schweigen aber ebenfalls belastend, weil ich es als ausgrenzend empfinde. Es ist eben schlicht ein Tabubruch, über das Mokita zu sprechen.

    Befriedigung sexueller Lust hat immer auch etwas mit Objektivierung zu tun. Sexueller Missbrauch ist die Pervertierung dieser Objektivierung. Das Opfer wird zum Objekt, zum Gegenstand vermeintlicher Befriedigung. Ich denke nicht, dass derlei Taten etwas mit einer gewollten Verfestigung autoritärer Strukturen zu tun hat. Der Vergewaltiger ist stets Einzeltäter und nicht der Avantgardist, gesellschaftlicher Entwicklungen. Da ist das Subjekt des Täters, der sich durch seine Macht und Gewalt über sein Opfer erhöht. Seine Tat ist ihm Selbstzweck. Das Objekt seiner Tat ist ihm gleichgültig.

    Das Schweigen der Gesellschaft – wie Sie es nennen: die sekundäre Viktimisierung – hat etwas mit Hilflosigkeit zu tun, der ich auch in meinem persönlichen Umfeld begegne. Über das Geschehen kann ich deshalb nur mit anderen Opfern aus meinem Umkreis sprechen. Wir Opfer sprechen darüber. Die nicht Betroffenen schweigen darüber. Es liegt wohl auch daran, weil sexuelle Gewalt überwiegend im familiären Umfeld stattfindet, weswegen man sie auch kommunikativ kaum externalisieren und abstrahieren kann.

    Durch sexuelle Gewalt lassen sich autoritäre Strukturen allenfalls temporär erhalten, eher wirkt hier sexuelle Gewalt, wie jede andere Gewalt auch, langfristig destruktiv. Es gibt Beobachtungen, die schildern, wie Vergewaltigungen in Kriegszeiten nicht nur den Feind demoralisiert, sondern auch die Truppen der Vergewaltiger. Vergewaltigungen sind demnach Auflösungserscheinungen, weswegen sie auch bei intakten Truppen sanktioniert werden. Ob es wissenschaftliche Untersuchungen dazu gibt, weiß ich nicht.

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  2. Danke für Ihren Kommentar. Können Sie mir hierfür eine Quelle nennen: „Es gibt Beobachtungen, die schildern, wie Vergewaltigungen in Kriegszeiten nicht nur den Feind demoralisiert, sondern auch die Truppen der Vergewaltiger.“ ?

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  3. Tut mir leid, ich versuchte gerade, dazu zu recherchieren, fand aber nur widersprüchliches.

    Offensichtlich bin ich auf die Nachkriegspropaganda vom ehrbaren deutschen Soldaten reingefallen. Der Artikel „Sexuelle Gewalt im Zweiten Weltkrieg“ rückt diesen Umstand zurecht. Zwar wird dort festgestellt, „dass 5.349 Soldaten der Wehrmacht bis 1944 wegen „Sittlichkeitsvergehen“, vor allem „Notzucht“ verurteilt wurden“, gleichzeitig wird aber auch berichtet, dass die Strafverfolgung von Vergewaltigung durch Soldaten öfters ausgesetzt wurde.

    Es war demnach auf bei allen beteiligten Truppen eher ein „taktisches“ Moment, ob und wann man Vergewaltigungen verfolgte oder nicht.

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  4. Vielen Dank für Ihre Bemühungen. Schade. Ihre These gefiel mir.

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