talking about sexual trauma

Our civilizations are traumatized by sexual violence. A poison we should neutralize by talking

Mehr koordinierte Wut, mehr Politik: Das wünsche ich mir für 2017

Ein Kommentar

Unsere „Wutbanken“, wie der Philosoph Peter Sloterdijk das angesammelte Potential von Menschen nennt, die sich gegen Misstände und Unterdrückung wehren möchten, sind gut gefüllt – oder? Oder sind Missbrauchsopfer resigniert, fertig, völlig zurückgezogen, auf Hilfe und Führung wartend?

Viele sind das wohl, machen wir uns nichts vor. Wir leben in einer Umgebung, die dafür sorgt, dass man das Thema sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche; Schweigen und Leiden der Überlebenden, möglichst nicht thematisiert. Sekundäre Viktimisierung droht mit all ihren Folgen; Bestrafung und Beschämung der Opfer: Wer möchte sich dem schon aussetzen? Wir sind Freaks (wörtlich übersetzt: Etwas, was anderen Angst macht).

Trotzdem gibt es viele Orte, an denen man etwas tun kann: Das Thema an die Schule der Kinder, an die Vereine, in denen sie sind, herantragen. Fragen, ob es Schutzkonzepte gibt. Um Präventions-Veranstaltungen bitten (da gibt es genügend Ansprechpartner, die so etwas kompetent anbieten; z.B. Wildwasser und Tauwetter). In der eigenen Familie, im eigenen Freundes- und Bekanntenkreis wach sein, hinhören, Überlebenden zuhören und sie dadurch unterstützen. Das reicht oft völlig: Bereit sein, hinzusehen und zuzuhören.

Politik ist das noch nicht. Die kann erst kommen, wenn das Sprechen über das Thema 

endlich „normal“ geworden ist. Man sich darauf verlassen kann, dass von irgendwoher Unterstützung kommen wird, wenn man es angeht. Irgendwann werden Betroffene, die aufarbeiten durften statt zu verdrängen, an wichtigen Positionen sitzen. Kliniken leiten, ohne Helfer-Komplex, der sie über die anderen Betroffenen stellt, und ihnen erlaubt, besser zu verdrängen. Im Bundestag sitzen und Einfluss auf Gesetze nehmen.

Aber so fängt es an: Sichtbar werden, dort, wo es geht. Einander erkennen, sich verbinden, Kontakt halten. Die Wut nicht gegen sich selbst oder andere Betroffene / Überlebende richten! Sondern gegen die Täter, Mittäter, Strukturen, die ihnen die Freiheit gaben und geben, übergriffig zu sein, und gegen die schweigend Wegsehenden mit ihren trägen, verbrauchten Herzen.

Man sagt uns, wir möchten doch heil werden, und das im Therapie-Zimmer bewerkstelligen. Oder im engsten Familienkreis. Ich kann nur fragen: Wie soll das gehen in einer Umgebung, einer Gesellschaft, die Jahrzehnte lang zugelassen, ja gefördert hat, dass Kinder und Jugendliche sexueller Gewalt ausgesetzt werden (und auch Erwachsene – wie lange war Vergewaltigung in der Ehe erlaubt!). In einer Gesellschaft, in der Sexualität immer noch ein Thema ist, vor dem sich viele fürchten.

Dazu demnächst mehr, in einem Bericht von meiner Lektüre des Buchs „Yes means Yes – visions of female sexual power and a world without rape“, das es leider (noch) nicht auf deutsch gibt.

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Ein Kommentar zu “Mehr koordinierte Wut, mehr Politik: Das wünsche ich mir für 2017

  1. Ja, wir Überlebende sind Freaks, und ich denke, daran wird sich insgesamt wenig ändern. Das liegt nicht nur an unserer seelischen Beschädigung durch den erlittenen Missbrauch, sondern auch an unserer Mitwelt. Leider erlauben es die gesellschaftlichen Strukturen nicht, sofern man nicht in einem großbürgerlichen Kontext lebt und von daher mehr oder minder autark agieren kann, sich ohne spürbare Konsequenzen zu outen und mit offenem Visier für unsere Anliegen zu streiten. Deshalb haben wir UBSKM, die nicht Opfer waren; deshalb haben wir in den beratenden Gremien Opfer, die weiterhin ihre Identität verbergen. Deshalb agiere auch ich pseudonym, und bekomme deswegen als Blogger häufiger und seltsamerweise bislang überwiegend von ebenfalls Missbrauchten Vorhaltungen.

    Was bleibt, ist für mich, weiterhin die gesellschaftlichen Strukturen des Missbrauchs zu benennen. Zu diesen gehört auch das von Ihnen skizzierte Schweigegebot, sich mit seinem Fall nicht zu exponieren. Ja, wir sind Freaks, und wir machen durch unser Überleben Angst. Zu den passenden Gelegenheiten dürfen wir dann mal auf einer Talkshow-Couch Männchen machen und über Stöckchen springen, die man uns hinhält. Also werde ich weiterhin unbequem sein und pseudonym bleiben. Ich kenne die Wölfe, die uns hetzen, und locke sie nicht auf meine Fährte.

    Gesellschaftliche Strukturen des Missbrauchs sehe ich, um an der Spitze zu beginnen, zum Beispiel darin, dass der UBSKM es nicht wagt, eine Position gegen die Kinderehe einzunehmen. Dass er es unterlässt, sich gegen die Genitalverstümmelung von Knaben zu stellen. Dass er sich nicht zur seltsamen Haltung des UKASK-Mitglieds Briken äußert. Dass er mit Vereinbarungen die Kirchen exkulpiert, obgleich die den Ablauf ihrer notwendigen Aufarbeitung längst schuldhaft verlangsamt haben. Dass er nicht daran denkt, einen Staatsakt, wie es Österreich tat, zu organisieren, in dem die Institutionen ihre Schuld bekennen. Und ehe nicht ein solch offener, lauterer Rahmen geschaffen wurde, bleiben wir Freaks und irrlichtern besser am Rande der Gesellschaft.

    Erwähnenswert ist auch das Ausbleiben der Reform des OEG, die dem Runden Tisch bereits 2011 zugesagt wurde. Ebenso erschreckend ist auch, dass über die Übergabe der Studie von Teresa Nentwig „Die Unterstützung pädosexueller bzw. päderastischer Interessen durch die Berliner Senatsverwaltung“ zwar bundesweit geschrieben wurde, die Medien es aber fast durchweg unterließen, auf den Bericht zu verlinken, der im Grunde eine Dokumentation der gesellschaftlichen Strukturen sexuellen Missbrauches ist. So genau wollte man es dann doch nicht wissen, was faul im Staate ist; sondern die Gelegenheit nur nutzen, um ein weiteres Kapitel an Schändlichkeit unter den Teppich zu kehren.

    Letztlich stellen diese Strukturen aber auch den Rahmen dar, der in die Familien hineinwirkt. Denn die Orte der Verbrechen sind überwiegend die Familien, und sie werden es bleiben, solange nicht andere Strukturen geschaffen werden, die die Täter als die wahren Freaks offenbaren, die sie sind, nämlich schreckliche Kinderschänder. In diesem Sinne bin ich für einen Pranger und nicht für ein verpixeln und anonymisieren der Täter. Wer seine Kinder missbraucht, begeht ein öffentliches Verbrechen! Doch noch müssen sich leider immer noch die Opfer statt der Täter verstecken.

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