talking about sexual trauma

Our civilizations are traumatized by sexual violence. A poison we should neutralize by talking

Was „Überleben“ (und endlich einfach leben) wirklich bedeutet

Ein Kommentar

Neulich fragte mich mal wieder jemand: „Geht das denn nie vorbei“? Jemand, die mir nahe steht, wohlgemerkt. Sie hatte mich in einer triggernden Situation erlebt, der ich mich nicht rechtzeitig entzogen hatte.

Dochdoch, wenn ich lange genug lebe, wird es vorbei gehen. Wenn ich früher hätte anfangen dürfen, mich mit all dem zu befassen, statt es Jahrzehnte lang verdrängen zu müssen, wäre ich noch weiter als jetzt (und ich bin schon sehr zufrieden). Heilung ist möglich. Aber darum geht es nicht.

Mich wird man nie loswerden, und wenn ich zehnmal endlich ohne mit der Wimper zu zucken einen katholischen Gottesdienst über mich ergehen lassen kann, ohne Angst- oder Heulanfälle zu bekommen (was jetzt nicht wirklich mein vorrangiges Lebensziel ist).

Es ist schließlich noch lange nicht vorbei. Ich zitiere die amerikanische Feministin Leah Lakshmi Pieptzna-Samarasinha, die ihre Kindheit und Jugend so beschreibt: „Ich wußte immer, dass es eine Welt gab, in der alles in Ordnung war; und die Welt, die WIR kannten: Wir Mädchen, die durch den Schulhof gingen und völlig aus unseren Körpern gebeamt waren; in engen Kleidern und Make-Up oder in Hoodies und Schlabber-Look. Wir konnten nirgendwo hingehen, außer endlich großwerden und zum Teufel endlich entkommen. Wenn du es einem Verwandten erzählt hättest, wärest Du angeschrieen worden, hättest Du es jemand anderem erzählt, hätte man dich ignoriert, dann angeschrieen, oder ins Heim geschickt. Wo es weiter passiert wäre, aber schlimmer.“

Wem kommt das nicht bekannt vor? Wer ist sicher, dass es heute GANZ ANDERS wäre? Was war nochmal das Land, wo schöne Weihnachts-Ansprachen gehalten werden (ich darf erinnern: Man feiert den Geburtstag eines wehrlosen Kindes) aber gnadenlos das Ehegatten-Splitting aufrecht erhalten wird, statt endlich ein Steuer-Splitting für Kinder einzuführen (die können nämlich nichts zum Haushaltseinkommen beitragen, auch wenn sie es wollten), und wo mal wieder ein Gesetz abgeschmettert wurde, das Allein-Erziehenden einen Unterhaltsvorschuss über das 11. Lebensjahr der Kinder hinaus garantiert, wenn der Vater nicht zahlt (denn meistens ist es die Mutter, die alleinerziehend ist)? Da ist so Vieles wichtiger als die Rechte der Schwächsten.

Die oben zitierte Leah Lakshmi Pieptzna-Samarasinha, die häufig Lesungen macht, berichtet, dass sie immer wieder gefragt wird: Wie es geht zu heilen. Was man tun müsse. Und sie schreibt, die Antwort falle ihr immer schwerer: „Ich habe die Verantwortung zu teilen, was ich weiß. Aber was ich weiß, ist schwer zu verpacken und zu vermitteln“. Dann schildert sie (in einem Artikel im Buch „Yes means yes – visions of a world without rape“ ) ihren Weg, der in politischem Engagement (und einem unbeschwerteren Leben!) mündet.

JedeR hat ihren, seinen eigenen Weg; und nicht jedem / jeder liegt es, nach außen zu gehen mit einem so schwierigen Thema. Trotzdem bin ich überzeugt, dass es nicht im stillen Kämmerlein zu lösen ist. Weil das bedeuten würde, sich ganz vielen Zumutungen zu beugen: Niemanden zu behelligen. So zu tun, als hätte man ganz allein mit dem Thema zu tun, und für „die Anderen“ sei es eine Zumutung („die Anderen“ haben ganz oft auch damit zu tun, aber natürlich merkt man das nicht, wenn man ihm systematisch ausweicht). Bei dem Thema ist es schon politisch, es überhaupt anzusprechen.

„Was wäre, wenn wir statt individueller Menschen, die deprimiert zu Hause sitzen und bestenfalls in Therapie gehen, was wäre wenn wir uns zusammen täten, um dieses System, das uns gemacht hat, zu erschüttern und zu verändern“? Fragt Leah Lakshmi. Ich bin gar nicht so revolutionär. Umbauen wäre gut. Das dauert. Aber ohne das kann ich mich nicht einfach zurücklehnen und denken: Ich bin sicher. Meine Kinder sind sicher. Reicht doch.

 

 

 

 

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Ein Kommentar zu “Was „Überleben“ (und endlich einfach leben) wirklich bedeutet

  1. Nein, es geht nie vorbei! Es hat mich geprägt, und die Prägung ist Teil meiner Lösung, und das ist und bleibt uns eigen. Ein Problem lässt sich niemals aus dem Problem heraus lösen; eine Erkenntnis von Einstein. Ich bleibe Teil meiner Geschichte und darum wird mir auch der Schrecken bleiben. Sicher es wird anders, es wird teilweise leichter, der Schrecken verblasst, aber es geht nie vorbei. Diese Freiheit wurde mir durch die Täter – die Mutter, den Vater und die Schwägerin – geraubt. Ich müsste mich wie Münchenhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Was letztlich bedeutete, ich müsste mich in grandioser Weise selbst verleugnen.

    Bakunin, ein Anarchist, meinte einmal, eine Revolution müsse so gründlich sein, dass kein Stein des alten Hauses, in das neue Haus gesetzt würde. Jiddu Krishnamurti meinte in ähnlicher nur spiritueller Weise, dass eine psychologische Revolution notwendig sei, bei der der Mensch alle psychische Konditionierung in sich lösche, um frei zu sein. Beide waren Utopisten, denn sie meinten, man könne seine Welt und seine Entwicklung transzendieren. Ein Irrweg, den auch ich eine Weile begangen hatte. Bis ich erkannte, ich komme aus meiner Geschichte so nicht heraus, sondern verleugne sie nur auf andere Weise.

    In dieser Erkenntnis liegt für mich der entscheidende Punkt, ich muss aufhören, meine Geschichte und mich zu verleugnen. Dies ist zunächst ein ganz privates Geschehen, in stiller Einsamkeit mit mir selbst. Dann mit Hilfe eines Begleiters, eines Therapeuten, der mir den blinden Fleck erhellt, den ich bei meiner inneren Betrachtung stets mit mir trage. Das bedeutet nicht zwingend, mich mit meiner Geschichte öffentlich zu outen. In meinem privaten Kreis halte ich das Outing jedoch für notwendig, um meine Eigenheiten verständlich zu machen, und um zu erkennen, wem ich trauen darf.

    Dieses Selbstverständnis ist mit ein Grund, warum ich – trotz aller Kritik – der Aufarbeitungskommission berichten werde. Denn indem ich mich zeige, zeige ich, dass ein Überleben möglich ist. Dies ist für mich ein Schritt zur Selbstbefreiung im Rahmen des Möglichen. Und indem ich mich wandle, wandle ich auch die Welt. – Man mag darüber lächeln, doch wer es wagt, sich seiner Geschichte zu stellen, wird sehen, im kleinen Rahmen ist es möglich, die Welt und damit sich selbst zu verändern.

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