talking about sexual trauma

Our civilizations are traumatized by sexual violence. A poison we should neutralize by talking

Aus der Serie „kontaminierte Hochliteratur“: Morrison, Bluest Eye

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Es ist gar nicht so, dass Toni Morrisons Erstling so tut, als rede er von was anderem, und eigentlich dreht es sich dauernd, aber nicht explizit, um sexuelle Gewalt. „The Bluest Eye“ (deutsch: „Sehr blaue Augen“) beschreibt Kindsein und Schwarzsein. In dieser Kombination. Inzest kommt da eben auch vor (weil es um Kindsein geht). Ich finde nicht, dass sie Tat und Täter wirklich realistisch beschreibt; oder jedenfalls verlässt sie dabei ihr durchdringender Blick. Es leuchtet mir nicht ein.

Der Rest schon. Sehr. „Bluest Eye“ – der Roman wurde nur ganz allmählich zum Klassiker – vollbringt das Kunststück, das Aufwachsen unter Armut und Rassismus so zu erzählen, dass es gleichzeitig als ganz normal und als völlig verrückt erscheint. Denn die Kinder, die Menschen, die Morrison begleitet, sind ganz normal. Sie empfinden Lebensfreude, Liebe, Angst, Scham, Trauer, Lust. Sie machen das Beste draus, denn sie haben Hoffnung. Zumindest anfangs. Wie das eben so ist.

Ein paar werden allmählich verrückt, aber das geschieht ohne großes Bohei. Schließlich ist es normal, dass ein Waisenjunge, der als Vierzehnjähriger, nach dem Tod der einzigen Bezugsperson, alleine klarkommen muss, nicht so recht weiß, wie man Beziehungen schätzt, pflegt, und seinen Kindern Liebe zeigt. Oder sie überhaupt liebt. Und es verhunzt.

Andere versuchen sich in die totale Disziplin zu retten, und versteinern dabei allmählich. Eine unauffälligere, aber sehr verbreitete Art, verrrückt zu werden, die ich noch nirgends so schlicht und anschaulich gezeigt bekommen habe. Eigentlich geht es um verinnerlichten Rassismus: Hassen, was mit „Schwarzsein“ verbunden wird: Sinnlichkeit, Überschwang, den Moment genießen, Schwitzen, Rennen, Schreien. Also den Versuch, den Vorurteilen möglichst wenig zu entsprechen, um so weniger schwarz zu sein. Bürgerliche = weiße Tugenden hoch zu halten.

Sie kommen einer merkwürdig bekannt vor, diese kastrierten Existenzen. Fünfziger Jahre in Deutschland. Da waren es nicht die Schwarzen, sondern andere, die sich zu schämen hatten: Frauen, Arme, Kleinbürger, die gerne wohlhabender und freier wären, sich aber letzteres nicht trauen oder nicht leisten konnten oder beides.

Zwischen diesen beiden Arten des Verrückwerdens also bewegen sich die Menschen in Morrisons Roman. Ein einfaches, einleuchtendes Prinzip, das die Erzählung vorantreibt. Wie es bei ihr ausgeht, bleibt bei der Ich-Erzählerin – sie ist ein Mädchen kurz vor der Pubertät – offen. Der größte Teil des kurzen Romans bewegt sich zwischen diesen beiden Polen, das macht ihn so spannend. Obwohl die Handlungsstränge einfach sind: Aufwachsen, einsam sein, sich verlieben, wieder einsam werden, Kinder bekommen, die erst einmal nicht einsam sind, weil sie einander haben, und womöglich noch Eltern, die sich zumindest ein wenig kümmern.

Löwenzahn lieben, Süßigkeiten kaufen und genießen, sich unter der Verachtung der Weißen wegducken, die wiederum von anderen Weißen verachtet werden, den heißen Tee genießen, den die Mutter ans Krankenbett bringt, die Annäherungsversuche anderer. Auf Eingangstreppen sitzen, frieren, sich langweilen, aufbrechen zu irgendeiner kleinen, aber ungemein aufregenden Unternehmung auf eigene Faust: Gewöhnliche Kinderleben, zum Anfassen detailliert beschrieben.

Es ist schwer, sich hernach von diesem Stück Leben zu trennen, es geht mir nach. Ich sehe die Straßen, den winzigen Süßigkeiten-Laden, die Küche mit der Spüle, den Baum im Hinterhof, der von bloßem, lehmigem Boden umgeben ist, weil es für Rasen zu schattig ist. Ich könnte glatt weitererzählen, so vertraut ist mir diese total andere Welt geworden, die Welt Afro-Amerikaner in den 40er Jahren in Ohio, USA. Lange habe ich die Magie des Erzählens nicht mehr so intensiv erfahren.

Der Rest läuft so mit, wird ganz langsam und ohne Aufhebens deutlich: Der Selbsthass, den Ausweglosigkeit produziert. Die Selbstzerstörung, die aus dem Hass kommt. Die Verinnerlichung der Werte, die einen und eine entwerten: Blondsein schön, blaue Augen schön. Schwarzsein hässlich. Sich in Traum- und Fantasiewelten flüchten, in denen die gleichen Werte gelten, und vollgestopft mit Selbsthass und Frust aus dem Kino kommen.

Das hübsche, brave, weiße Mädchen der Herrschaft lieben und umhegen, das Haus der reichen Weißen in Schuss halten – und das eigene Haus aufgeben und die Kinder vernachlässigen. So soll es sein, so ist es. Damit fängt die Unterordnung an. Mehr braucht es kaum.

Deswegen auch die blauen Augen. Das schwärzeste und ärmste der Mädchen; diejenige, die zwölfjährig auch noch vom eigenen Vater vergewaltigt wird, schwanger wird, ein sterbendes Frühchen gebären muss, verrückt wird – ihre letzte Rettung, meint sie, wären blaue Augen. Sie sucht einen Scharlatan auf, der soll sie ihr verschaffen. Der, selber ein armes Schwein, weiß genau, was sie meint. Er versucht nicht mal, sie zu missbrauchen, was er sonst gerne mal mit Mädchen tut. Der Brief, den er nach dem Besuch des verirrten kleinen Wesens verfasst, an Gott gerichtet, ist ein Höhepunkt an klarsichtigem Irrsinn, eine ohnmächtig hassende Meditation, ein Zeugnis abgrundnüchterner Verzweiflung. So armselig der Kerl sonst ist, da zeigt er Stil.

Die Stelle muss ich gleich nochmal lesen, da ist noch irgendwas Besonderes dran.

Vorher sei noch mitgeteilt, dass die Debatten und Zensur-Versuche um das Buch seit seinem Erscheinen 1970 nicht aufgehört haben. Es wurde an etlichen Schulen „gebannt“ (zuletzt 2013). Weil so Unanständiges wie Inzest und Rassismus, das mutet man Kindern zwar ja zu. Aber doch nicht offen. Und schon gar keine Darstellungen davon. Das überfordert sie nämlich.

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2 Kommentare zu “Aus der Serie „kontaminierte Hochliteratur“: Morrison, Bluest Eye

  1. Es kommt nicht oft vor, dass eine Literaturkritik praktische Auswirkungen auf mein Leben hat. Diesmal doch. Ich werde „Sehr blaue Augen“ jetzt endlich lesen. Danke!

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  2. Weil so Unanständiges wie Inzest und Rassismus, das mutet man Kindern zwar ja zu. Aber doch nicht offen. Und schon gar keine Darstellungen davon. Das überfordert sie nämlich.

    Die „Geschichten die zählen“ werden sicher auch nicht Eingang in den Unterricht finden. Ebensowenig wird die echte Cindy aus Marzahn jemals mit ihrer Geschichte eine Bühne betreten. Ja, sie wird niemals ein Publikum haben, aber dafür wird es „kluge“ Menschen geben, die genau wissen, was Cindy fehlt und was sie braucht.

    Im praktischen Rassismus werden diese Ungerechtigkeiten sichtbar. In der gelebten gesellschaftlichen Aussonderung der Prekären bleibt sie unsichtbar. Ebenso wie das Prekäre der Wohlbestallten unsichtbar bleibt. – Nebenbei ein Grund, warum ich für Schuluniformen bin.

    Eigentlich reagiert jeder, der darüber verrückt wird, gesund. Und irgendwie erlebe ich mich selbst seit meiner Kindheit als ver-rückt. Schon damals bin ich abgerückt, für die einen seltsam geworden für die anderen plemplem, für einige wenige aber rund mit Sprüngen, ein lebendiges Craquelé.

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