talking about sexual trauma

Our civilizations are traumatized by sexual violence. A poison we should neutralize by talking

Straftatbestand „Ausbeutung Schutzbefohlener“

2 Kommentare

Das Lied mit der Verjährung kennen wir ja in- und auswendig. Wenn ich jedesmal was schreiben würde, wenn die mal wieder Täter (geständige) schützt, dann wäre der Blog hier sehr voll. Aber dieser Fall hier gab mir doch zu denken. Nicht wegen der Verjährung, sondern, weil ich mal wieder ein vertrautes Muster erkenne, über das aber nicht explizit gesprochen wird: Hier wurden Schutzbefohlene (Heimkinder) ausgeliefert an einen Missbraucher. Wiederholt, systematisch. Die Heimleiterin kann wegen Verjährung (des sexuellen Missbrauchs) auch nicht mehr belangt werden. Aber es scheint sich auch niemand zu fragen, wie sie dazu kam, zehnjährige Mädels mit einem Herrn wieder und wieder in sein Büro fahren zu lassen; und ihnen dann auch noch nicht zu glauben, wenn sie von sexualisierten Misshandlungen erzählten.

http://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/Ehemalige-Heimkinder-Missbrauch-ohne-Strafe,missbrauch1408.html

Sie behauptet, die Ausflüge unterbunden zu haben, als bei einem der Ausflüge der Kauf von Unterwäsche erfolgte. Ok. Ein Mann geht Unterwäsche kaufen mit 10jährigen Mädchen. Die er schon ganz oft mit zu sich genommen hat. (Groschen? Ist da irgendwo ein Groschen?) Dieser Herr da (der ausfindig gemacht wurde, und siehe da, man stellte fest, dass er wegen sexuellen Missbrauchs vorbestraft war). Ein Sänger, der berühmt war, und trotzdem in ein Kaff am Bodensee kam um aufzutreten, und hinterher war immer irgendwie ein Messdiener da – ein Ort des Missbrauchs anderweitig, aber alles verjährt. Ein Heim, in das eine schwangere Missbrauchte „entsorgt“ wurde, dann wieder rausgegeben. Der Missbraucher unterstützte das Heim finanziell. Internatsschulen, deren Zöglinge immer mal wieder merkwürdige Ausflüge machen mussten, zu merkwürdigen Typen.

Das klingt paranoid, ich weiß. Aber ich fürchte, es ist logisch: Kinder als Zahlmittel, Tauschmittel für Gefälligkeiten, finanzielle Zuwendungen, vielleicht auch andere Zuwendungen; vielleicht auch das Ausliefern von Kindern als Kompensation und zur Stabilisierung der eigenen psychischen Abgründe.

Es gibt einen blinden Fleck, was das angeht. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Ich bin keine Juristin. Aber soviel ich weiß, gibt es den Strafbestand „sexuelle Ausbeutung Schutzbefohlener als Mittäter“ nicht. Vielleicht wird er irgendwie anderweitig abgedeckt. Es ist eins, sexuellen Missbrauch verjähren zu lassen. Vorteilsnahme, Bestechlichkeit in Verbindung mit sexuellem Missbrauch ist doch wohl deutlich leichter nachzuweisen.

Wäre vermutlich ja auch verjährt.

Aber es wäre ein Straftatbestand, der den Blick vom „bösen“ Missbraucher (dem man leider nix nachweisen kann, oder es ist eh zu spät) auf das Umfeld lenken würde. Genauso, wie es ein Dorf braucht, um ein Kind aufzuziehen, braucht es nämlich auch ein Dorf, um es zu missbrauchen. Oder jedenfalls eine Gruppe von wegschauenden, überforderten, oder auch profitierenden Erwachsenen. Vor allem Letzteres scheint das Vorstellungsvermögen vieler Menschen deutlich zu übersteigen.

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2 Kommentare zu “Straftatbestand „Ausbeutung Schutzbefohlener“

  1. „(Groschen? Ist da irgendwo ein Groschen?)“

    Auch in diesem Fall wäre es nicht das erste Mal, dass ziemlich viele Groschen in die Geldbörsen der für die kindlichen Opfer Verantwortlichen gefallen sind. Sowieso ist es am einfachsten, gegenüber den missbrauchten Kindern zu behaupten, man könne das, was sie berichten nicht glauben. Und wenn es um direkte Vermittlung gegen Entgeld geht, ist das der beste Weg, die Betroffenen zum Schweigen zu bringen.

    Davon abgesehen: dass eine erwachsene Frau, die mutmaßlich über die ganz normalen und üblichen sexuellen Erfahrungen mit Männern verfügt, nicht die absolut folgerichtigen Schlüsse zieht, wenn sie erfährt, dass ein männlicher Erwachsener mit Mädchen im Grundschulalter Wäsche kaufen geht und sie in ein ansonsten menschenleeres, abgelegenes ehemaliges Ferienheim mitnimmt, halte ich für nicht glaubhaft. So viel Naivität mag die Heldinnen von Heftchenromanen und Rosamunde-Pilcher-Filmen kennzeichnen. Aber reale Frauen mit ein klein bisschen Lebenserfahrung wissen doch, dass die menschliche Sexualität nicht nur romantische und schöne Seiten hat. Und in Bezug auf Männer, die sich an der traditionellen männlichen Sexualkultur orientieren, gilt das erst recht.

    Heißt für mich: die damalige Heimleiterin hat die Unwahrheit gesagt. Und dass sie trotzdem weiter mit Kindern arbeiten durfte, lässt Böses erahnen.

    VG
    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

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  2. Schon 2010 berichtete die Frankfurter Rundschau (siehe hier) über die sexuelle Ausbeutung von Schutzbefohlenen als eine besondere Struktur des sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen. Das schlimme daran ist, diese Formen der Mittäterschaft durch Duldung und Ignoranz werden gesellschaftlich immer noch ignoriert. Als 1999 die FR über den Missbrauch in der Odenwaldschule schrieb, blieb dieser Bericht ohne Echo. Erst 2010 als der Missbrauchsskandal der katholischen Kirche allüberall hochkochte, wurde auch die Odenwaldschule zu einem Thema. Gleichzeitig wurde offenbar, dass Lehrer, den Missbrauch an der Schule klar erfassten, als Konsequenz aber nur ihre Stellung kündigten und schweigend gingen.

    Ich finde es auch sehr bedenklich, dass derlei Verbrechen ungesühnt bleiben; denn damit bleiben sie im allgemeinen auch unerwähnt, sofern sich nicht irgendwo ein Redakteur findet, der sich Sporen verdienen möchte oder in dem Thema engagiert geblieben ist. Zumindest müsste es hierfür das Institut einer richterlichen Rüge geben, sofern die Strafbarkeit des Verbrechens selbst verjährt ist. Dies auch in Hinsicht auf Entschädigungsleistungen durch das OEG.

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