talking about sexual trauma

Our civilizations are traumatized by sexual violence. A poison we should neutralize by talking

Studie die Zweite: Gewaltbetroffene in jeder Schulklasse

Ein Kommentar

Knapp 60 Prozent der Jugendlichen haben in den drei Jahren vor einer Umfrage des deutschen Jugend-Instituts sexuelle Gewalt erlebt. Drei Prozent der Jungen und fünf Prozent der Mädchen zu sexuellen Handlungen gezwungen. Jungen reden überwiegend gar nicht über sexuelle Übergriffe, die sie erlitten, Mädchen zu einem Drittel auch nicht. Der Familie vertrauen sich die Wenigsten an: Wenn, dann wird mit gleichaltrigen Freundinnen oder Freunden darüber gesprochen.

4300 Jugendliche wurden befragt, die sich 90 Minuten Zeit nahmen, den Fragebogen auszufüllen. Was das Ergebnis über die Atmosphäre und Kultur aussagt, was Sexualität angeht, ist niederschmetternd: Sexuelle Gewalt und Übergriffigkeit gehört zum Alltagsleben und zur sexuellen Kultur. Fast die Hälfte der Mädchen müssen Witze über ihren Körper über sich ergehen lassen, bei den Jungen sind es mehr als ein Drittel. Über Mädchen werden Gerüchte verbreitet. Porno-Konsum ist, vor allem unter Jungen, weit verbreitet, zehn Prozent der Mädchen wurden sexuell belästigt, und drei Prozent der Jungen. 

Die Untersuchung hat das hessische Kultus-Ministerium beauftragt. Auch hier wieder, um die Lehrerschaft zu motivieren, sich für das lästige und anstrengende Thema zu interessieren; sensibler zu werden („das gibt’s bei uns nicht!“), Fortbildungen in Anspruch zu nehmen und beispielsweise die „Aufklärung“ im Biologie-Unterricht auch für eine Thematisierung des Phänomens „sexuelle Gewalt“ zu nutzen. „Sexuelle Bildung jenseits der biologischen Abläufe vermitteln“, nennt das Heinz Kindler, der Leiter der Fachgruppe Familienhilfe und Kinderschutz im Jugend-Institut. Vielleicht gar nicht so einfach in einer Kultur und Atmosphäre, die so stark von omnipräsenter, aber verborgener und umthematisierter sexueller Gewalt  beeinträchtigt ist.

http://www.sueddeutsche.de/bildung/sexuelle-gewalt-angemacht-bedraengt-gezwungen-1.3660354

Hier kann die Studie gedownloadet werden

 

 

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Ein Kommentar zu “Studie die Zweite: Gewaltbetroffene in jeder Schulklasse

  1. Aufschlussreiche Ergebnisse. Aber: verwundern sie wirklich?

    Missbrauchsopfer und Mitbetroffene haben 2010 mit großer Unterstützung der Medien und vieler Fachleute bewirkt, dass ein zuvor marginalisiertes Thema in der Mitte der Gesellschaft ankam. Damit erhielt es eine notwendige Beachtung, für die sich größtenteils weibliche Pioniere schon seit Jahrzehnten eingesetzt hatten. Zu den Maßnahmen, die die politisch Verantwortlichen in Folge des Missbrauchstsunami trafen, gehörte die Bereitstellung von Forschungsgeldern. Eines der Ergebnisse dieser Erhebungen liegt jetzt vor.

    Unser Blick auf Sexualität ist abhängig von der jeweiligen Perspektive sehr unterschiedlich, aber immer auch von hartnäckigen kulturell determinierten Mythen eingetrübt. Fachleute nehmen eine eher medizinische Sicht ein, die breite Masse scheint wahlweise romantisierend, anzüglich-vulgär oder interessiert-wehmütig auf die menschliche Sexualität zu gucken. Religiös geprägte Milieus behandeln den gesamten Bereich restriktiv und stark tabuisierend, messen ihm damit aber gleichzeitig eine zentrale Bedeutung zu. Als vor Jahrzehnten die so genannte „Sexuelle Revolution“ einsetzte, wurde der menschlichen Sexualität sogar eine starke politische Bedeutung zugeschrieben. Die Werbewirtschaft und die Medien schließlich könnten einpacken, gäbe es den Sexhype nicht. „Sex sells“ heißt es nicht ohne Grund.

    Pragmatische, realistische und von Eigeninteressen und Vorurteilen befreite Betrachtungen, so wie sie durch die wissenschaftlichen Studien zu sexuellen Gewalterfahrungen angestellt werden, bilden deshalb in diesem Bereich bisher eher die Ausnahme. Dabei sind gerade sie so notwendig, damit junge Menschen Orientierung und Vorbilder finden, die ihnen in sexueller Hinsicht eine normale und ungestörte Entwicklung ermöglichen. Auf dass sie sich weder an der Pornokultur im Netz, noch an Menschen orientieren müssen, die Sexualität zur „schönsten Nebensache der Welt“ verklären und somit nur irreal positive Erwartungshaltungen produzieren, bei denen Enttäuschungen schon vorprogrammiert sind.

    Wir sollten Kindern und Jugendlichen die Gelegenheit geben, ein Verhältnis zum Bereich des Sexuellen zu finden, das zu jedem einzelnen Heranwachsenden und seiner Lebenssituation passt und Störungen möglichst wenig Raum lässt.

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