talking about sexual trauma

Our civilizations are traumatized by sexual violence. A poison we should neutralize by talking

Wie wird man / frau zum /zur VergewaltigerIn?

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Diese Frage ist ja nicht nur aus moralischen Gründen relevant; sie – so oder so – zu beantworten, kann auch Geld in die Kassen diverser Personen oder Institutionen spülen, die mit Lösungen und Therapie-Verfahren aufwarten; s. das ausgezeichnet finanzierte Projekt „kein Täter werden“, das bloß leider kaum Erfolge aufzuweisen hat.

Ich selbst will mit der Erörterung der Frage kein Geld verdienen, bloß wissen, wem ich besser aus dem Weg gehe, und mich darüber auch mit wichtigen Mitmenschen austauschen. Wie ich auf das unten verlinkte Video gestoßen bin, weiß ich nicht mehr recht; war es ein Kommentar auf der von Emma Watson initiierten Lese-Plattform „my shared shelf“? Jedenfalls hat es mich ins Grübeln gebracht.

Einerseits ist es ja herzerwärmend, wenn da zwei Menschen vor der Kamera stehen und von ihrer Erfahrung berichten – wie sie, jung und unerfahren, in die schreckliche Situation gerieten, Opfer und Vergewaltiger zu werden. Ich fand es mutig, damit an die Öffentlichkeit zu gehen (die beiden haben auch eine Buch über ihre „Aufarbeitung“ geschrieben) und habe mir das angesehen. Vor allem für den Täter ist das natürlich eine sehr schwierige Situation, die auch wirklich Mut erfordert. Insofern wäre es jetzt gemein, ihm vorzuwerfen, er habe „unauthentisch“ gewirkt. Obwohl ich das schon finde. Was mich aber weitaus mehr verwirrt und enttäuscht, ist – dass ich keine wirkliche Erklärung für sein Verhalten bekomme.

Vielleicht bekommt man es im Buch? Aber in einer Kritik auf „amazon“ wird auch genau das bemängelt: Dass man den Herrn und dessen Verhalten nicht wirklich versteht. Im Video nennt er als Gründe eine falsche Kultur, eine Kultur, die Übergriffigkeit normal findet und Bilder von Männlichkeit transportiert, die die Verfügungsgewalt über Frauen normalisieren, rechtfertigen, ja einfordern.

Das macht aus jedem männlichen Wesen einen potentiellen Vergewaltiger (erstens) und erklärt (zweitens) nicht, warum auch viele Frauen sexuell übergriffig werden. Denn da gehört das nun gar nicht zum Bild oder Klischee von Weiblichkeit. Dass manche Opfer (und sogar Richter) die Übergriffigkeit von Frauen als „Fürsorglichkeit“ verstehen (also auf die Täuschungs-Strategien der Täterinnen hereinfallen) ändert daran nichts.

Männer sind nicht qua Natur oder kulturellen Einflüssen Vergewaltiger. Angeboren ist Übergriffigkeit schon gar nicht (wie das Klaus Beier von „Kein Täter werden“ behauptet). Übergriffig wird, wer selbst Übergriffigkeit erfahren hatte, der Dominanz sexueller Gewalt unterworfen war, und das nicht verarbeiten konnte oder wollte. Die Mehrheit der Psycho-Therapeuten sieht das glücklicherweise auch so. Aber es ist erstaunlich, wie hartnäckig diese Zusammenhänge geleugnet und beschwiegen werden.

Sie anzuerkennen würde die enorme Dimension sexueller Gewalt, das Ausmaß der Kontaminierung unserer Zivilisationen mit ihr, noch stärker ins Licht rücken.

Und wir sind ja so offenbar schon überfordert genug. Ich wünsche dem (noch jungen) Mann, dass er sich der Erfahrung stellen kann, die ihn zu einer Handlung gebracht hat, die er wohl als „Ausrutscher“ betrachtet. Und der (auch noch jungen) Frau weiterhin jede Menge Mut.

 

Und hier auch noch der Link zum Artikel in der „Süddeutschen“ über Mütter als Täterinnen:

http://www.sueddeutsche.de/wissen/sexueller-missbrauch-die-mutter-als-taeterin-1.3707646?reduced=true

 

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3 Kommentare zu “Wie wird man / frau zum /zur VergewaltigerIn?

  1. Bei einem (sexuell unerfahrenen) Mann reicht es, wenn er einen ganz normalen Porno nachstellt, weil er es nicht besser kennt und weiß. Wenn so jemand keine Partnerin findet, die bereit ist, das anfänglich auszuhalten und nach und nach zu regulieren, dann drohen diese primitiven und groben Verhaltensweisen sich zu verfestigen. Möglicherweise blüht vor diesem Hintergrund das Geschäft mit der Prostitution und der Pornografie http://www.berliner-zeitung.de/berlin/zwischen-klischee-und-kriminalitaet-so-steht-es-wirklich-um-die-prostitution-in-berlin-28596370

    „Es sieht aus wie ein brutaler Sport. „Nach einem Porno will man eigentlich ein Jahr keinen Sex“, sagt Hagen.“ http://www.taz.de/!5069926/ Angeblich gilt jeder achte Klick auf eine Internetseite einer pornografischen.

    Ich bin auf einem traditionellen Bauernhof aufgewachsen. In meiner Kindheit nutzten die Männer in meinem Umfeld natürlich keine Pornoplattformen, die kamen erst auf, als ich schon lange erwachsen war. Sie hatten höchstens Pornoheftchen, einige wenige auch Super-8-Filme. Aber ich erinnere, wie mir als Kind auffiel, dass einige Männer beim Anblick kopulierender Haustiere in sexuelle Erregung verfielen. Möglicherweise diente das dann auch als Stimulanz für den Sex mit der Ehefrau. Besonders feinfühlig waren die Erwachsenen in meinem Umfeld nicht. So mancher, damals als vollkommen normal und üblich geltende eheliche Sexualakt, müsste heute strafrechtlich verfolgt werden. Wir Kinder waren ständig auf hab Acht, weil es einige Männer und ältere Jugendliche gab, die jede Gelegenheit für sexuelle Anmache und Übergriffe nutzten. Das waren gleichzeitig die, welche noch mehr Alkohol tranken als ohnehin üblich. Die Verrohung, die sich während der Zeit des Deutschen Faschismus festgesetzt hatte, wirkte in der Region, in der ich aufgewachsen bin, noch lange nach.

    Wie Frauen zu Täterinnen werden: schwer zu sagen, weil gesellschaftlicher Konsens darüber besteht, dass sie zwar „verführerisch“ sein sollen, aber in sexueller Hinsicht defensiv. Werden Frauen Mütter, gilt ihre Sexualität ohnehin als abgeschaltet. Tradiert ist nur der Archetypus des Mutter-Sohn-Inzests (Euphemismus für Missbrauch) und die „reife Frau“, die einen Jugendlichen „in die Liebe einführt“. Ich empfehle diesen Film: http://www.diehaendemeinermutter.de/
    Das Unrechtsbewusstsein ist bei weiblichen Tätern vermutlich noch weniger entwickelt als bei männlichen.

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  2. Liebe Nicht die Einzige,

    Ihre skizzierte Erklärung des Täters frei nach Simone de Beauvoir: „Man wird nicht als Vergewaltiger geboren, man wird zu einem“, ist im Grunde infantil und eine Verweigerung der Verantwortung. Da erscheint mir ein SS-Arzt wie Hans Münch (Link aufrichtiger, der seine wenigen guten Taten nicht gegen seine Untaten aufrechnete, sondern sich zu seiner Schuld bekannte. In einem sehr späten Interview, war er noch klarer, wohl bedingt durch die beginnende Demenz, die ihm ein relativieren von Wohl- und Untat erschwerte:

    „Ja, natürlich bin ich ein Täter. Ich habe viele Leute gerettet. Dadurch, daß ich ein paar Leute umgebracht habe. […] Ich bin ein human eingestufter, nicht verurteilter Kriegsverbrecher. Ich konnte an Menschen Versuche machen, die sonst nur an Kaninchen möglich sind. Das war wichtige wissenschaftliche Arbeit. […] Das waren ideale Arbeitsbedingungen, eine exzellente Laborausrüstung und eine Auslese von Akademikern mit weltweitem Ruf. […] Die Malaria-Experimente waren ganz harmlos. Ich habe einen Test gemacht: Ist der Mann immun oder nicht? […] Im Hygiene-Institut war ich König. […] Die wären vielleicht nicht vergast worden, aber sie wären jämmerlich an Seuchen krepiert.“ (Quelle: Spiegel)

    Was im Kern sagte Munch damals, 1998, in dem Spiegelinterview? Ich interpretiere es so: Ich konnte es, weil ich die Macht und die Gelegenheit dazu hatte. Also tat ich, was ich konnte! Und genau das ist es, was ich den Tätern und Täterinnen sexualisierter Gewalt gleichfalls nachsage, sie tun es, weil sie Gelegenheit und Macht dazu haben. Diese Begründung mag vielen zu simpel sein, weil sie scheinbar nichts erklärt. Indes sie bietet für mich eine ausreichende und einsichtige Erklärung. Für viele mag die Ablehnung dieser Banalität wohl daran liegen, dass sie Machtwillen nicht als einen den Menschen selbsterhaltenden Trieb betrachten wollen, der zudem eng mit der Libido verknüpft ist – so wie übrigens auch Angst.

    Mag es im demonstrierten Fall bewahrte Angst und Macht, also Angstlust und Machtlust sein, die die beiden – Täter und Opfer – zusammenarbeiten lässt und auf die Bühne treibt. Jedenfalls musste ich das Video nach wenigen Minuten abschalten, da mich beider Attitüde unsagbar triggerte. Mögen sie es als Versöhnung sehen, so meine ich dagegen, das Versöhnung immer nur einseitig sein kann. Ein Täter kann sich nicht versöhnen. Er kann allenfalls vom Opfer entschuldet werden, doch dafür brauchte es schon immer eine Vorleistung: nämlich Reue und die Bitte um Entschuldigung. Einst waren es Sühnesteine, heute ist es Schmerzensgeld, doch eine Versöhnung halte ich bei sexueller Gewalt im Grunde für unmöglich. Täter und Opfer eines sexuellen Missbrauchs können niemals (mehr) familiär werden – nichts anderes bedeutet versöhnen.

    Dass ich den Gedanken, dass die Opfer von heute die Täter von morgen sein können, nicht teile, habe ich in verschiedenen meiner Blogbeiträge dargelegt. Zudem wird niemand durch erlittenen Missbrauch zwangsläufig zum Täter. Der Täterschaft liegt immer auch der Wille zur Tat zugrunde. Wer Täter wird, hat sich hierzu zwanglos entschieden. Dafür stehen – wenn auch diffuse – Statistiken ( Link), die aufzeigen, dass 4 bis 12 % der als Kind missbrauchten Männer später selbst Täter werden. Die überwiegende Zahl der Täter hat sich also nicht aus einem Opfergarten herausgemendelt, sondern rekrutiert sich auf Menschen ohne entsprechende Vorschädigung. Dennoch gilt vielfach in der Argumentation die einfachere Erklärung für die Untat, die Täterin war selbst einmal Opfer.

    Dies liest sich auch insbesondere aus vielen Publikationen, in denen Frauen als Täterinnen geschildert werden. Hier wird der Gemeinplatz: erst Opfer, dann Täter, immer wieder redundant vorgetragen. Zum Beispiel in dem Buch „Frauen als Täterinnen“, zu dem Prof. Barbara Kavemann (Mitglied der UKASK) ein Vorwort geschrieben hat und darin ausführlich erläutert, welche Mühe es ihr machte, Frauen überhaupt als Täterinnen wahrzunehmen. Dies gelang ihr dann letztlich leichter durch den falschen Narrativ, dass hinter jeder missbrauchenden Frau einst ein Mann als Täter stand.

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  3. @Lotosritter,

    bei allen Erhebungen zu Missbrauchserfahrungen gibt es einen Element, das die Datenlage unsicher macht. Nämlich die Tatsache, dass Traumatisierungen, denen wir vor Erreichen unseres vierten Lebensjahres ausgesetzt sind, in erster Linie im impliziten Gedächtnis gespeichert werden. Also als Sinneseindrücke und Wahrnehmungen, die wir zwar unterbewusst nutzen, aber für gewöhnlich nicht räumlich-zeitlich-sprachlich wiedergeben können, da wir sie normalerweise in keinen logischen Zusammenhang stellen können, so dass sie uns lediglich im Unterbewusstsein begleiten und ggf. leiten können.

    Es gibt eine weit zurück reichende Kultur der sexuellen Ausbeutung und des Missbrauchs von Säuglingen und Kleinstkindern. Verbrechen an besonders hilflosen, vollkommen ausgelieferten Geschöpfen. Kriminalität deren Existenz unsere heutige Gesellschaft nahezu komplett und äußerst hartnäckig negiert. Insbesondere dann, wenn es um Frauen oder weibliche Jugendliche als Täterinnen geht. Dabei fliegt diese Bevölkerungsgruppe aus geschlechterollenbezogenen Gründen besonders unauffällig unter dem gesellschaftlichen Radar hindurch. Lange Zeit war man sogar der Ansicht, dass so kleine Kinder derartige Übergriffe ja eh vergäßen, sie deshalb auch nicht so schlimm seien. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Was früh implizit gespeichert wird, prägt uns auf einer basalen Ebene, auf die wir nur sehr schwer bewusst zurückgreifen können. Was dazu führt, dass traumatische Inhalte bei in früher Kindheit beschädigten Menschen zwar intensiv wirken, aber nur schwer bearbeitet und korrigiert oder kompensiert werden können. Viele Opfer schaffen das, manche scheitern daran und werden krank.

    Dass über den Missbrauch von Tieren genauso viele auf besonders ordinäre Weise gruselige „Witze“ im Umlauf sind, wie über die sexualisierte Misshandlung von sehr kleinen Jungen und Mädchen veranschaulicht, dass diese Art der Folterung von ganz kleinen Kindern höchst präsent ist. Und zwar im Schattenbereich des Verbotenen und Tabuisierten, der zwar als schmuddelig gilt, aber gerade darum auf so viele Menschen eine besonders große Faszination ausübt. Manche werden sich von so etwas angezogen fühlen, weil sie von solchen Taten phantasieren und sich damit sexuell stimulieren, andere wählen solche Stimuli, weil sie den damit verbundenen traumatischen Wiederholungszwang als entlastend erleben.

    Bezeichnenderweise sind es die Digitalen Medien, die uns buchstäblich vor Augen führen, was Viele nicht sehen wollen oder zu sehen nicht aushalten. Gewalt, Entwertung, nachgestellte und reale Missbrauchsszenarien gehören zu den Rennern im Bereich der (semi-)professionellen Pornografie.

    Dass so etwas schon lange existiert, veranschaulicht folgender Fall:

    http://www.nydailynews.com/news/crime/nab-hamptons-broker-piles-kid-porn-article-1.217504
    http://www.sueddeutsche.de/panorama/kinderpornos-bei-adligem-gefunden-man-sah-ihn-immer-mit-schoenen-frauen-1.854015
    http://www.wallstreet-online.de/diskussion/500-beitraege/1118076-1-500/kinderpornographie-m-von-wrede-verhaftet

    http://www.27east.com/news/article.cfm/Sag-Harbor/152586/Sag-Harbor-man-gets-six-years-for-possessing-child-pornography
    http://nypost.com/2007/03/07/hamptons-perv/

    Matthias von W. müsste mittlerweile entlassen sein. Soweit ich informiert bin, lebt er unter dem Namen seiner Ehefrau in Berlin. Von W. hat übrigens das Aloisiuskolleg besucht und besaß dort als einziger Schüler einen Schlüssel zum sehr hochwertig ausgestatteten Photolabor des Schulleiters Pater Ludger Stüper. Dieser Jesuit, den ich als „Chefmissbraucher“ an dieser Einrichtung bezeichnen möchte, war als manischer Photograph und Filmer von Jungen bekannt. Wie viele seiner Produkte noch vorhanden bzw. im Umlauf sind, ist leider schwer festzustellen. Genauso wenig, was dieser Jesuit unter welchen Umständen auch immer eigentlich alles abgelichtet hat, zu welchem Zweck er das tat und mit wem er seine Werke teilte.

    VG
    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

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