talking about sexual trauma

Our civilizations are traumatized by sexual violence. A poison we should neutralize by talking

Rückblick auf 2017: Und in Deutschland?!

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Sind in Deutschland die Öffentlichkeit und die Behörden; kurz: Die meisten Menschen besonders indolent, wenn es um sexuelle Gewalt geht? Jahrelang dachte ich: Na gut, ich erwarte halt mehr, weil ich selbst betroffen bin.

Das denke ich jetzt nicht mehr. Es hat sich in vielen Ländern einiges getan: Irland, Schweden, Frankreich, Australien, USA, Indien. Freilich ist in der Mehrheit anderer Länder sexuelle Gewalt schlicht uneingestandene Normalität. Aber Deutschland hält sich ja was zugute auf Fortschrittlichkeit und Einhaltung der Menschenrechte. Wenn es um sexuelle Gewalt geht, kommt dann aber eine wirklich bemerkenswerte Trägheit durch. Nicht nur dieser Artikel hat mich in meinem Eindruck bestätigt; hier geht es um die Übergriffe, von denen Ingrid Steeger schon vor Jahren berichtet hat – total folgenlos (dabei wäre es sehr einfach gewesen, die Täter zu identifizieren):

http://www.sueddeutsche.de/leben/jahresrueckblick-des-sz-magazins-weinstein-metoo-und-mein-treffen-mit-ingrid-steeger-1.3801718?reduced=true

Oder nehmen wir die Causa „Pädophile als Pflegeväter“ – dieses unsägliche, vom Berliner Senat unterstützte Projekt. Wie geht es da voran? Vor fünf Jahren schon war die Sache in den Medien; s. hier:  http://www.taz.de/!450552/

Stand der Dinge damals: „Die Berliner Senatsverwaltung für Jugend findet heute nach eigener Auskunft nicht mal mehr ein Organigramm des eigenen Hauses aus der Zeit des Pädophilieexperiments.“ Eva Nolte, damals Senatsmitarbeiterin unter Jugendsenator Horst Korber, SPD, war zuständig für die Erteilung von Betriebsgenehmigungen für neue Wohnprojekte. Befragt zu den pädokriminellen Experimenten Kentlers sagt sie nur: „Das könnte ich gewesen sein (die die Genehmigungen erteilte), aber daran kann ich mich nicht erinnern.“ Ob sie wohl einen Gedanken verschwendet hat an die Opfer des Experiments?

Die kommen schließlich fünf Jahre später mal zu Wort. Zu lesen in der Ausgabe des „Spiegel“ diese Woche.

https://magazin.spiegel.de/SP/2018/1/155021479/index.html?utm_source=spon&utm_campaign=centerpage

Fünf Jahre später: Hat sich irgend etwas Entscheidendes getan? Wurden Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen, haben Opfer echte Unterstützung erhalten? Fehlanzeige. Ist man mit der Aufklärung irgendwie vorangekommen? Der Senat hatte eine Studie in Auftrag gegeben, den WissenschaftlerInnen aber den Zugang zu entscheidenen Akten nicht gewährt: „Wir hätten uns mehr Engagement bei der Aufklärung gewünscht“, sagt Teresa Nentwig, die Leiterin der Göttinger Studie.

Jetzt soll es NOCH EINE STUDIE geben. Der neue Vertrag ist noch nicht unterzeichnet. Aber brauchen wir eine neue Studie? Sind die Fakten nicht längst auf dem Tisch, seit Jahren? Eine Studie, und noch eine Studie: Aussitzen, Zeit gewinnen, Verjährungsfristen wirken lassen. Geschützt werden all die hochrangigen Politiker und Verwaltungsmitarbeiter, die enge Verbindungen zum Initiatoren des Projekts „organisierter sexueller Missbrauch durch Pflegeväter“ hatten (Helmut Kentler, Lebensgefährte des Odenwaldschulen-Missbrauchers Gerold Becker). Alte, mächtige Seilschaften, die jahrzehntelang auch die kriminellen Machenschaften Beckers schützten.

Nehmen wir ein anderes Beispiel, Pädokriminalität in der katholischen Kirche. Weil da einfach vieles öffentlich ist und auf dem Tisch liegt; ich weiß wohl, dass die meisten sexuellen Übergriffe auf Kinder und Jugendliche in ihren Familien geschehen. Aber Institutionen haben den „Vorteil“, dass mehr öffentlich wird als in Familien. Australien hat die Verbrechen der katholischen Kirche beispielhaft aufgearbeitet und daraus auch Konsequenzen gezogen. Irland ebenso; das erzkatholische Irland: Vor ein paar Jahren hatte die Regierung von der Verweigerung der Kirche, bestimmte juristische Standards anzuerkennen, so genug, dass der Botschafter des Vatikans des Landes verwiesen wurde.

Hier: Eine gescheiterte Studie (die Kirche wollte sich vorbehalten zu bestimmen, was aus der Studie veröffentlicht wird und was nicht; das wollten die Beauftragten nicht mitmachen). Jetzt: Neue Studie, mit handzahmen Wissenschaftlern, die natürlich auch nur Zugang in bestimmten Bistümern zu bestimmten Teilen der Archive haben. Das wird sich noch ziehen. So lange, bis alle längst vergessen haben; man wacht kurz auf und denkt sich: Ach das? Ist das nicht schon längst erledigt? Da habe ich doch schon vor zehn Jahren so viele Artikel gelesen.

Aussitzen. Mit sowas kennt sich eine fast 2000 Jahre alte Institution freilich auch aus. Und Staat und Politik lassen es zu.

Wieso wird hierzulande aber in allen Bereichen so stark weiter verschleppt und verdrängt? Wieso nimmt die Politik keine Impulse aus der Gesellschaft auf, seitdem die Verjährungsfristen für sexuelle Gewalt wenigstens im Zivilrecht deutlich verlängert wurden? Liegt es daran, dass Deutschland so voll ist von kriegstraumatisierten Menschen und ihren bis in die zweite und dritte Generation geschädigten Nachkommen? Das sind so Fragen, die ich mir stelle.

Eine Stelle im TAZ-Artikel gab mir zu denken; dort wird ein Gespräch mit einem ehemaligen WG-Mitbewohner Kentlers geschildert. Die Autoren des Artikels merken an: „Je mehr ihm klar wird, dass er Kentlers Andenken schaden könnte, desto wortkarger wird er. Der ehemalige Sozialarbeiter scheint überfordert mit den Widersprüchen, die sich in der eigenen Vergangenheit auftun, wenn man alles noch einmal genauer betrachtet: Kann es sein, dass sein langjähriger Freund Helmut, der vielen ein Lebenshelfer war, zugleich ein Schreibtischtäter war?“ Kentler bleibt auch vielen anderen der im Artikel Befragten ein Idol, das sie sich nicht nehmen lassen wollen. Eine alte Weg-Gefährtin Kentlers vertritt allen Ernstes weiterhin und ungerührt die Auffassung, sie kenne außer Kentler keinen, der sich so sehr für junge Menschen eingesetzt habe. Na dann.

Widersprüche werden geleugnet, der Held muss ein Held bleiben; er darf keinesfalls vom Sockel. Warum? Was ist mit diesen Leuten?

Fragen über Fragen. Zum (beinahe) Schluss noch ein Artikel der Journalistin Christiane Peitz, die ins gleiche Horn stößt wie ich: http://www.tagesspiegel.de/kultur/metoo-debatte-in-deutschland-wurde-bis-heute-kein-prominenter-taeter-genannt-woran-liegts/20791726.html

Wobei der Artikel dann auch gegen Ende hin merkwürdig ausfranst und vage alles Mögliche anmerkt und beschreibt; was soll das „Wesen der männlichen Sexualität“ mit all dem zu tun haben; und ja, es wird in Deutschland weniger geoutet als in den USA und mehr analysiert, das ist schön. Aber wir sprechen hier von strafrechtlich relevanten Übergriffen, die ungemeldet und ungeahndet bleiben, weil unsere Kultur so ist, dass sie lieber die Opfer bestraft als die Täter. Weil das so viel einfacher ist. Bequemer; keine Konflikte generiert.

Fehlt und einfach die Zuversicht, dass eine Welt ohne Gewalt sehr wohl gibt, und sie viel besser funktionieren würde als die, die wir kennen? Und wir alle glücklicher wären? Aber eigentlich schreibe ich gar nicht so gerne so lange Posts. Wer’s bis hierher geschafft hat, bekommt hier noch was Positives zu lesen:

Es gab für mich dieses Jahr einige Entdeckungen, die mir den Überdruss genommen haben vor einem endlos erscheinenden Aufarbeitungsprozess der Traumafolge-Schäden, mit denen ich leben muss. Mehr als zehn Jahre nach Aufbrechen des Traumas (und damit dem Anfang der Aufarbeitung) scheint mir das Ganze endlich eine neue Qualität zu bekommen. Ich fühle mich so stabil, dass der Abstand größer ist, und ich neu oder wieder auftretende Erinnerungen, Alpträume und schwerstgeschädigte Persönlichkeitsanteile mit relativer Gelassenheit zur Kenntnis nehmen kann. Dazu dann ein bisschen mehr im Dreikönigs-Post 🙂

Einstweilen wünsche ich allen einen frohen Jahreswechsel, und ein schönes und erfolgreiches Jahr 2018. Ich weiß, das klingt jetzt bisschen „geschäftlich“. Aber was Erfolg ist, und in welchen Bereichen man / frau ihn sich wünscht, bestimmt ja Jede/r selbst.

 

 

 

 

 

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3 Kommentare zu “Rückblick auf 2017: Und in Deutschland?!

  1. Die jüngsten Debatten um sexuelle Gewalt, Ausbeutung und Belästigung sehe ich als Zeichen dafür an, dass weltweit immer mehr Mädchen und Frauen der Gesellschaft einen alten informellen Vertrag aufgekündigt zu haben scheinen.

    „Vergewaltigungsmythen sind Konsequenzen eines gesellschaftlich anerkannten Verständnisses einer unterschiedlichen männlichen und weiblichen Sexualität. Männern wird demnach Triebhaftigkeit unterstellt und Frauen die Verpflichtung der Kontrolle eigener und männlicher sexueller Aktivität auferlegt. Vergewaltigungsmythen sind also sozial etablierte Meinungen zu Vergewaltigungsdelikten, die auf soziokulturell tradierte moralische Normvorstellungen, auf biologisch-deterministische Menschenbilder oder auf rechtsinadäquate Vorstellungen zurückzuführen sind.[4] Gestützt wurden diese Vorstellungen in der Vergangenheit durch wissenschaftliche Untersuchungen damaligen Erkenntnisstands. Der Psychoanalytiker Sigmund Freud beispielsweise sprach Frauen eine „latente masochistische Tendenz“ zu und sah bei der Sexualität von Männern „eine Beimischung von Aggression, von Neigung zur Überwältigung, deren biologische Bedeutung in der Notwendigkeit liegen dürfte, den Widerstand des Sexualobjekts noch anders als durch Werbung zu überwinden“.[5]“
    https://de.wikipedia.org/wiki/Vergewaltigungsmythos

    Schade fand ich, dass bei metoo und den Offenbarungen um sexuelle Übergriffe im Hollywood-Milieu wieder einmal männliche Opfer zu kurz kamen und Täterinnen nahezu unerwähnt blieben. Aber das kann sich ja zukünftig ändern.

    Ich bin gespannt, was sich daraus ergibt und wünsche einen schönen Jahreswechsel und einen guten Start nach 2018.

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  2. „Ich fühle mich so stabil, dass der Abstand größer ist, und ich neu oder wieder auftretende Erinnerungen, Alpträume und schwerstgeschädigte Persönlichkeitsanteile mit relativer Gelassenheit zur Kenntnis nehmen kann.“

    Danke, liebe N-d-e, mit dieser Bemerkung haben Sie mir, der erst in der Hälfte Ihrer Zeit in einer kPTBS steckt, Mut gemacht. Denn derzeit habe ich eher den Eindruck die seelischen Belastungen meines Missbrauches werden immer dichter und komplexer.

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    • Das freut mich sehr! Ich kenne das aber, dass ich denke: Hört das denn nie auf? Kommt’s jetzt immer noch dicker? Das Problem ist ja auch, dass es nicht geht, auf halbem Wege stehen zu bleiben. Es geht immer weiter. Aber es lohnt sich. Dazu übrigens in den nächsten Wochen ein weiterer Post (was dann eben alles doch geht, und wie gut vieles auch weren kann).

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