talking about sexual trauma

Our civilizations are traumatized by sexual violence. A poison we should neutralize by talking

Buchtipp: „Das verfolgte Selbst“

2 Kommentare

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Der Titel sprach mich an, weil er mein Lebensgefühl als Kind und Jugendliche ausdrückte: Mein Selbst wurde verfolgt. Gewalt und Missbrauch waren die Mittel, gar nicht erst ein Selbst bei diesem Kind – mein eigenes Selbst – stark werden zu lassen, sondern es sich möglichst rabiat selbst zu entfremden und es total zu desorientieren, um es desto leichter lenken und manipulieren zu können.

Das ist, was ich schon damals instinktiv wußte: Dass es meinen Peiniger/innen eigentlich darum ging. Dass das u.a. deswegen ihr Ziel war, weil sie selbst so leer waren, und die Leere irgendwie füllen mussten, aus der immer wieder mal ein Zombie sich emporzustrecken drohte – nämlich das geschundene Kind, das sie mal waren – das zu begreifen habe ich dann noch sehr lange gebraucht. Von dem Buch erhoffte ich mir also etwas ganz Anderes als das, was es enthält: Ich wollte wissen, warum das Selbst so vieler Kinder verfolgt wird. Und was das bedeutet, Millionen ehemals verfolgter Selbst(e?s?) als Mitglieder unserer Gesellschaft zu haben.

Das Buch berichtet aber eher vom Stockholm-Syndrom dieser verfolgten „Selbste“: Wie Kinder, die Misshandlungen ausgesetzt sind, brav selbst die störenden Anteile bei sich selbst unterdrücken, so wie die übergriffigen Erwachsenen das ihnen ja beibringen, indem sie sie dazu zwingen. Dass das leider nicht automatisch endet, wenn man / frau erwachsen ist, und wie hilfreich und bereichernd es ist, damit aufzuhören (wofür es oftmals Begleitung braucht, deswegen haben die Autoren, Psychologen, dieses Buch geschrieben; für ihre Kolleginnen und Kollegen).

Mit dem Begriff „Dissoziation“, der ja im Untertitel steht, konnte ich nicht viel anfangen, und niemand sollte sich davon abschrecken lassen: Es geht den Autoren keineswegs um „Zustände“ von Dissoziation, wie sie aus aktueller Überforderung entstehen können, sondern um die Aufspaltung der Persönlichkeit „verfolgter“ Kinder und Menschen, die fundamentale Bedürfnisse jahrelang wegstecken müssen, weil sie nicht erfüllt oder mit Füßen getreten werden. Es geht auch nicht, oder nicht vor allem, um multiple Persönlichkeiten, die sozusagen das Ergebnis besonders horrender und belastender Situationen sein können.

Wütendes Kind, schutzbedürftiges Kind, sehendes Kind: Alles unerwünscht, darf keinesfalls gezeigt werden, und wird von daher weggepackt, und dann leider durchaus auch vergessen. Das tun Kinder natürlich nicht, weil sie so brav sind, sondern um zu überleben und eventuell weniger aufs Maul zu kriegen; sie tun sich selbst Gewalt an, aber wenigstens haben sie’s selbst unter Kontrolle. Das Problem ist, dass der erwachsene Mensch, der oder die ja als Solcher dann so einiges auf die Reihe bekommen muss, sich oft nicht weiter um diese Überlebens-Mechanismen kümmert, sondern wie erlernt und verinnerlich weiterlebt: Mit einem ziemlich verarmten Persönlichkeitsanteil, der das Leben „führt“, und störende und bedürftige Anteile verwaltet und weiter unterdrückt.

Ich habe das Buch selektiv gelesen, das leicht lesbar ist, auch wenn es sich an ein Fachpublikum wendet. Ich will ja niemanden behandeln, sondern besser verstehen, wie aus einem verfolgten ein gefestigtes Selbst wird. Das ist an sich eine interessante Frage, mit der sich zu beschäftigen nicht nur für Gewalt-Betroffene bereichernd ist. Irrationale, vielleicht wenig geliebte oder als lästig empfundene Seiten haben wir alle. Gleichzeitig fordert der Alltag uns als ausgeglichene, besonnene und präsente Menschen – nicht immer einfach.

Mich hat diese Lektüre Persönlichkeitsanteile kennen lernen lassen, von denen ich noch gar nichts wusste. Ziemlich krasse: Das Heuschrecken-Mädchen beispielsweise. Ein Wesen mit flachen, dunklen, irislosen Augen ohne Höhlen , und einem fadendünnen Mund, der nicht zu öffnen ist. Stumm einer überbelichteten Welt ausgesetzt. Dürr und zerbrechlich, fast schon mumifiziert. Nicht ansprechbar, nicht zugänglich.

Ohne dieses Buch hätte ich mich vermutlich sehr erschreckt oder geekelt, und sie weiter weggeschoben. Aber da waren ein paar emphatisch erscheinende Menschen, wenn auch nur über ihr Buch kennen gelernt, die um die Existenz solcher merkwürdiger Anteile wußten, und auch mit umgehen konnten; ja dazu ermutigten, sie zur Kenntnis zu nehmen und zu würdigen. Vermutlich brauchte ich diesen Standpunkt, um überhaupt eine Alternative zur verinnerlichten Ablehnung zu sehen, oder auch, sie mir zu erlauben. Da kamen dann auch noch einige weitere Aspekte meiner Selbst recht undramatisch zum Vorschein. Ziemlich einfach eigentlich. Ich lese sonst kaum psychologische Bücher, aber ich finde, dass dieses zur weiteren Festigung meines Selbst beigetragen hat.

Hier noch die Rezension durch einen „Fachmann“ (Psychologen), die den Inhalt des Buches systematischer wiedergibt (ich kenne ihn ansonsten nicht): http://www.frank-bassfeld.de/fileadmin/Inhalte/Buchbesprechungen/Das_verfolgte_Selbst.pdf

Onno van der Hart, Ellert R.S. Nijenhuis; Kathy Steele, Das verfolgte Selbst. Strukturelle Dissoziation und die Behandlung chronischer Traumatisierung

Kostet 49 Euro, ich habe es in einer Bibliothek gefunden und ausgeliehen.

 

 

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2 Kommentare zu “Buchtipp: „Das verfolgte Selbst“

  1. Hab ich auch vor einiger Zeit angefangen, bin bei der Hälfte stecken geblieben… Sehr viel Theorie, in der ich mich nicht wiederfinde… Ich mag viel lieber das neue Buch von Steele/Boon/vanderHart (2016) – sehr empfehlenswert! lg s.

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  2. Dieses hier: „Die Behandlung traumabasierter Dissoziation: Eine praxisorientierte, integrative Vorgehensweise“ ?

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