talking about sexual trauma

Our civilizations are traumatized by sexual violence. A poison we should neutralize by talking

Die altmodische Feministin sind SIE, Catherine!

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„nein, liebe Catherines, ungeschickte Anmache ist kein Delikt, genauso wenig aber ist ein erigierter Penis, der in der Metro gegen einen Frauenschenkel gepresst wird, ein Ausdruck dieses berühmten gallischen erotischen Esprits, den man wohl wirklich schleunigst auf die UNESCO-Liste der immateriellen Welterbe setzen sollte, bevor die #MeToos ihn ausrotten.“ (Fiona Schmidt, s.hier http://cheekmagazine.fr/contributions/cheres-catherines-reponse-tribune-monde-fiona-schmidt/)

Fiona Schmidt ist auch Französin, wenn auch nicht so berühmt wie Catherine Deneuve, die den Aufruf der 100 gegen #MeToo ebenfalls unterschrieben hat. Leider steht sie auch nicht so prominent für aufregende Weiblichkeit wie Deneuve. Das Zitat habe ich gewählt, weil es das ausdrückt, was mir wichtig ist: Deneuve und Konsorten beanspruchen für sich, den französischen erotischen Esprit zu repräsentieren, und das nimmt man ihnen leider ab. Sie repräsentieren aber leider eigentlich etwas ganz anderes: Eine repressive und autoritäre Auffassung von Sexualität.

Man beachte die Überschrift des Aufrufs der 100, die behaupten, Kampagnen wie #MeToo würden zu einem neuen Puritanismus führen. Da steht:  Das Recht der Männer, „lästig zu fallen“ („le droit d’importuner“) sei unerlässlich, um die „liberté sexuelle“ zu erhalten. (Wörtlich: «Nous défendons une liberté d’importuner, indispensable à la liberté sexuelle»). Nun hat die Süddeutsche, weil Deneuve nicht zu kriegen war, eine andere prominente Mitunterzeichnerin und militante Vertreterin der „sexuellen Freiheit“ interviewt, Catherine Millet:
http://www.sueddeutsche.de/kultur/me-too-debatte-in-frankreich-viele-der-frauen-die-sich-zu-wort-melden-haengen-einem-veralteten-feminismus-an-1.3820380
Sie hat eine Menge Zustimmung geerntet. Ich denke aber, dass sie diejenige ist, die einem alten Feminismus anhängt; und ihre Haltung zur Sexualität und zum Körper ist ganz und gar nicht meine. Dazu später mehr. Den Schuh des Puritanismus ziehe ich mir deswegen noch lange nicht an.

Was die 100 Unterzeichnerinnen dieses „Gegen-Aufschreis“ merkwürdigerweise komplett ausblenden, ist die Tatsache, dass etwa 15% der Mädchen bereits strafrechtlich relevante sexuelle Gewalt erfahren haben, wenn sie erwachsen werden, und gut die Hälfte mit anderweitig übergriffigem Verhalten konfrontiert wurden. Dass es Menschen gibt, die sich in Abhängigkeits-Situationen befinden, und abwägen müssen, welche Konsequenz es hätte, Grenzen zu ziehen, kommt im Text auch nicht vor.

Wir sind leider alle schon ziemlich konditioniert, wenn wir erwachsen sind. Jungen und Männer übrigens durchaus auch, wenn auch anders. Das sind leider oft Konditionierungen durch üble Tradition; nämlich der Tradition des Rechts des Stärkeren, zu dessen Durchsetzung die Ausübung sexueller Gewalt letztlich dient. Da ist es nicht so realistisch zu verlangen, es möge sich doch jede/r selbst wehren. Diese Zeiten kommen vielleicht noch. Lieber wäre mir, eine andere Sexualkultur würde sich durchsetzen, in der übergriffiges Verhalten keinen Platz hat. Utopisch? Eine Gesellschaft, in der Maschinen die meiste Arbeit machen, galt bis vor kurzem auch als utopisch.

„Eine deplatzierte Männerhand auf einem Frauenknie oder die plumpe Annäherung eines Arbeitskollegen verdiene jedoch nicht unbedingt eine moralische oder juristische Verurteilung, sondern allenfalls eine Ohrfeige, finden manche.“ (So Joseph Haniman in der SZ). Ohrfeige nach Hand auf dem Knie? Ich möchte sehen, was da los wäre. Das wäre Körper-Verletzung, und ich weigere mich strikt, habe mich stets geweigert, und bin stolz darauf, auf Übergriffigkeit meinerseits mit Übergriffigkeit zu reagieren. Aber letztlich ist der Aufruf der 100 auch ein Aufruf zur Selbstjustiz.

Implizit hängen die Autorinnen des Briefs selbst an veralteten (und diskriminierenden) Stereotypen männlicher Sexualität: „Nous sommes aujourd’hui suffisamment averties pour admettre que la pulsion sexuelle est par nature offensive et sauvage“. Sexualität an sich sei natürlicherweise beleidigend und wild. Und die Unterzeichnerinnen seien informiert darüber und vorbereitet darauf. Abrichtung gelungen, würde ich sagen. Sexualität ist also an sich übergriffig, und Frauen prüde, oder Prüderie verlangend, die das nicht akzeptieren. Als würden diese Frauen die freie Entfaltung „männlicher“ Sexualität und damit von Sexualität überhaupt beschneiden. Übrigens auch ein Argument vieler Männer.

Die ehemalige französische Familienministerin Laurence Rossignol schätzt die Unterzeichnerinnen so ein: „On a là un classique regroupement des antiféministes patentées, qui pensent que la domination masculine n’existe pas, les défenseuses du lobby des clients de la prostitution.“ (Klassisches Sammelbecken von Anti-Feministinnen, die behaupten, es gebe die Dominanz von Männern nicht und die die Prostitution bzw. die Freier verteidigen). „Was hat Catherine Deneuve bei denen verloren“, wundert sich Rossignol.

https://www.francetvinfo.fr/societe/harcelement-sexuel/video-laurence-rossignol-la-tribune-liberte-d-importuner-est-une-gifle-qui-ne-rend-service-qu-aux-predateurs_2554661.html

Sexuelle Freiheit. Genießen wir heute, sagt Catherine Millet. Die sich in jüngeren Jahren (vielleicht auch jetzt noch) viel solcher Freiheit genommen, ihre Sexualität ausschweifend gelebt hat (ich benutze diesen Ausdruck, weil sie ihn umstandslos unterschreiben würde). Sie hat darüber ein viel beachtetes und gut verkauftes Buch geschrieben, das ich nicht gelesen habe. und ihre Sexualität nach eher in der masochistischen Haltung genossen (ihr zufolge). Das steht ihr zu.

Andere möchten anderes genießen. Was mich angeht: Gegenseitiger Respekt, auch vor den Bedürfnissen nach Nähe, und im Angesicht unserer jeweiligen Verletzlichkeit, ist die Grundlage für alles Andere und Weitere. Ich weigere mich, auch beim Sex noch stark sein zu MÜSSEN. Und ich konsumiere Sex auch nicht wie irgendeinen Sport. Das fände ich respektlos mir selbst und meinem/r Partner/in gegenüber. Was andere machen, ist mir egal. Aber ich lasse mich nicht prüde nennen, wenn ich letztlich im Gegenteil meine Sinnlichkeit, die ja auch mit Sensibilität zu tun hat, achte und schütze.

Wie heißt es in einem (deutschen) Kommentar zum „Brief der 100“? „Der Text verharmlost ekelhaftes Verhalten von Männern zwar, spricht aber gleichzeitig Frauen die Macht zu, selbst die Grenzen zu ziehen“. Da freue ich mich ganz arg. Wieso sind wir darauf, dass wir doch die Macht haben, bloß alle nicht selbst gekommen?

http://www.sueddeutsche.de/politik/me-too-debatte-maenner-macht-und-grenzen-1.3819539

 

 

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2 Kommentare zu “Die altmodische Feministin sind SIE, Catherine!

  1. Ach, über und zur Sexualität hat jeder was zu sagen, die Eltern, die Geschwister, diejenigen, die mich missbrauchten, die Pfaffen, die Lehrer, die Politiker, die Journalisten und und und nicht zuletzt Dr. Sommer sel. … Sie alle meinen, sie könnten anderen einreden, wie sie Sexualität leben und rezipieren sollten. Sie alle können und konnten mir schon immer den Buckel hinabrutschen.

    Durch Missbrauch war meine Sexualität beschädigt, und das gründlich und dauerhaft. Ich fand sie erst allmählich wieder, fügte sie zusammen und begann, sie anzunehmen, so dass ich inzwischen meine Erotik leben und genießen kann. Es ist die Erotik zwischen mir und meiner Frau. Wir leben seit 47 Jahren zusammen. Diese Erotik ist unsere Intimsphäre, offen nach innen, tabu nach außen. Eine Auffassung, die uns immer mal als obsolet vorgehalten wurde.

    Ich sehe, was ich im November schon zu #metoo geschrieben habe, einen Graben, eine Front, die zwischen „Männer“ und „Frauen“ errichtet wird. Beide in Anführungszeichen, weil es längst nicht mehr um reale Menschen, reale Erotik und realen Missbrauch geht, sondern alles zusammen nur noch ideologisiert wird. Es geht um Macht, um Deutungshoheit und letztlich um sehr viel Geld. So jedenfalls meine Wahrnehmung der Dinge.

    Ich lese immer wieder einmal in der „Illustrierten Sittengeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart“ von Eduard Fuchs und bin dabei jedesmal fasziniert, wie Sexualität Moden und Gerüchten unterworfen ist – die auch zu sozialen Zwängen wurden -, einen Teil davon konnte ich in meinem Leben selbst beobachten und einen Teil davon haben Opfer sexualisierter Gewalt erlitten. Von daher nehme ich was jetzt geschieht einerseits nicht ernst und andererseits bitter ernst, denn auch in dieser Debatte scheinen für mich viele Strukturen des Missbrauchs auf, die auch über den aktuellen Anlass hinaus nachwirken werden.

    Ob es letztlich besser wird, mag ich nicht einschätzen, es wird anders. Jedenfalls einen echten Fortschritt haben wir seit den 80er Jahren tatsächlich erreicht: sexualisierte Gewalt und Kindesmissbrauch werden in der westlichen Welt ein offenes Thema bleiben, solange wir es thematisieren. Damit meine ich, es wird nicht von selbst als stete Gefahr im öffentlichen Bewusstsein bleiben, denn es gibt genügend Ansätze in Politik und Gesellschaft den Missbrauch wieder zu relativieren und somit zu legalisieren.

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  2. Lieber Lotosritter, Glückwunsch zur langen Beziehung. Und dass Sie und Ihre Frau weiter aneinander und miteinander wachsen können. Denn das wird ja wohl auch nach so langer Zeit nicht enden.

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