talking about sexual trauma

Our civilizations are traumatized by sexual violence. A poison we should neutralize by talking

Leben mit dem Stigma

Ein Kommentar

Diese Mal auf der Stirn: Wurde missbraucht – ist beschädigt, fertig: Als mir vor Jahren klarwurde, dass ich das zu tragen glaubte, habe ich das als „irrational“ und nicht real weggeschoben. Unsinn, es sieht niemand dieses Stigma, und ich bin so viel wert wie andere.

Nun. Ab und zu erinnerte mich das Leben daran, dass es Menschen gibt, die es wahrnehmen (also meine Schäden und damit Empfindlichkeiten), und meine Schwächen auszunützen versuchen. Was ja „normal“ ist. Manipulative Menschen gibt es überall, und ich weiß mich zu wehren.

Das Gefühl, „anders“ zu sein, bleibt. Ausgerechnet ein Buch, das uns angeblich die Trumpmania in den USA erklären soll, das Weihnachtsgeschenk eines Freundes, hat mir die ganze Dimension all dieser diffusen und hartnäckigen Gefühle beleuchtet und mir deutlicher gemacht, was an ihnen ist. Nämlich eine Menge. Da gibt’s gar nichts wegzuschieben. Alle mal herschauen. Das Problem ist überhaupt nicht das „sexuelle“ und dass man sich schämt. Das Problem besteht vor allem in den enormen Schwierigkeiten, zu vertrauen, und sich in Strukturen einzubringen, in denen Vertrauen die Leitwährung ist. Zu vertrauen stellt für uns nämlich eine Leistung dar, ähnlich wie für den Stotterer das Sprechen: Was andere selbstverständlich und ohne den geringsten Aufwand tun, kostet uns Überlegung, strategisches Denken und – Überwindung. Wieder und wieder, und immer aufs Neue. Das Buch? J.D. Vance, Hillbilly-Elegie.  Häh, was?! Das Buch eines Republikaners, der mit diesem durchgeknallten, narzisstischen Thiels befreundet ist (Gründer von PayPal, steckt viel Geld nunmehr, da älter werdend, in Forschung zu Möglichkeiten, ewig zu leben)? Yep. Das Buch ist sehr wenig politisch, nämlich. Hat eine intensive Debatte ausgelöst, aber da geht es selten um das, was mich an Vances Buch am meisten interessiert hat: Seine völlig ehrliche und dennoch liebevolle Auseinandersetzung mit seiner Familiengeschichte und den Schäden, die das Aufwachsen in im relativ geschlossenen Milieus der „Hillbillies“ bei ihm angerichtet hat. Vances Ehrlichkeit hat mich schwer beeindruckt, und ebenso einige seiner Beobachtungen, was das Aufwachsen mit Gewalt, in einer hysterischen Atmosphäre und in familiärer Instabilität mit ihm (und anderen) gemacht hat.

Das „Hillbilly“-Milieu schildert er gut, aber mich hat verblüfft, wie sehr sein Lebensgefühl Parallelen hat mit dem Meinen, obwohl ich nicht in den den Hügeln der Apalachen (Kentucky oder Alabama) in Armut aufgewachsen bin. Sondern in Europa, und auch nicht in (materieller) Armut (auch wenn in der Tat für uns Kinder möglichst wenig investiert wurde und ich meinen ersten warmen Wintermantel erst bekam, als ich mein eigenes Geld verdiente). Aber Vance sagt ja auch, dass es nicht hauptsächlich die Armut ist, die die Leute fertig macht. Sondern kaputte Familien, Gewalt und Desorientierung, und die Tendenzen zu selbstzerstörerischem Verhalten.

In die Diskussion, was zuerst da ist und was bedingt: Gewalt oder Armut – will ich gar nicht einsteigen. Das ist eine Art Henne-und-Ei-Diskussion; und klar prägen ihre Lebensbedingungen Menschen. Es ist auch gar nicht so, dass Vance stolzgeschwellt seine „Performance“ zeigt, wie er aus diesem Milieu kommend einen Abschluss an der Elite-Uni Yale schaffte: Er sagt es wieder und wieder, dass er das den Menschen zu verdanken hat, die für ihn da waren und ihn unterstützten. Die Großeltern z.B. – und das höre ich oft von Menschen, die in Gewalt-verseuchten Familien aufwuchsen: Dass eine gute Beziehung zu einem Großeltern-Teil hilfreich, ja rettend war.

Zum einen kann Vance einfach gut schreiben kann (oder ein/e Helfer/in) – oft sind die geschilderten Situationen tragisch und komisch zugleich; wie z.B. als seine Mutter den Jugendlichen um seinen Urin bittet, weil ihrer von der Arbeitsaufsichts-Behörde kontrolliert werden soll, und ihre Krankenschwestern-Lizenz auf dem Spiel steht (sie ist Medikamenten-abhängig, und als Süchtige darf sie eigentlich nicht arbeiten). Der Wendepunkt, der ihn dazu bringt, endgültig von zuhause aus und zur Großmutter zu ziehen. Oder sein Besuch bei einer „normalen“ Familie – in der NICHT dauernd herumgezetert wurde („alles Heuchler“).

Noch interessanter wird es, als er seine Versuche schildert, an einer Universität angenommen zu werden; und später auch, Vorstellungsgespräche zu bewältigen. Auch dies entbehrt übrigens nicht einer gewissen Komik: Erstes Vorstellungsgespräch in Armee-Hose und Hoodie (durchgefallen); bei einem anderen: Er muss heimlich aus dem teuren Restaurant bei einer Freundin anrufen und fragen, wie das viele Besteck zu verwenden sei und was dergleichen schwierige Situationen mehr sein können, wenn man die Verhaltens-Codes der wohlhabenderen Schichten nicht kennt.

Dieses Problem hatte ich ja gar nicht. Was mich aber hartnäckig begleitet, ist die Tatsache, dass ich mich oft unsicher fühle, und ganz besonders in neuen Arbeits-Situationen, mit Menschen, die ich noch nicht gut kenne. Freilich, das ist für niemanden ganz einfach, man / frau muss sich orientieren, aufmerksam sein, sich auf Menschen einstellen. Aber das aktiviert doch tendenziell den GANZEN Radar, den ich so mit mir rumschleppe; denjenigen nämlich, der dauernd – auch – auf lebensbedrohliche Situationen hin scannt. Das bringt natürlich ein gewisses Stress-Level mit sich.

Wie daraus Überreaktionen resultieren können, schildert Vance auch recht plastisch. Wie er lernen muss, dass er nicht dauernd seine Ehre verteidigen und auf andere losgehen muss. Dass er einen Verkehrs-Rowdie nicht stellen und ihm eine reinhauen sollte. Dass er bei Konflikten locker bleiben sollte, statt abzuhauen oder sich in Schweigen zu verschanzen. All diese Reaktions-Mechanismen des hoch gefährdeten Kindes und Jugendlichen: Was sollen wir mit denen bloß machen? Ich rechne es Vance hoch an, dass er über diese „Schäden“, mit denen er heute noch leben muss, ehrlich schreibt. Über den Alptraum beispielsweise, in dem er seinen Hund verfolgt, mit der Absicht, ihn zu erwürgen – und es gerade noch schafft, diesen Impuls zu entkräften, indem er den angstvollen Blick des Hundes an sich heranlässt, und damit sein Mitgefühl wieder aktivieren kann.

Traumatisierte in der Welt der „Normalen“, der Menschen, die emotionale Ausnahme-Situationen kaum oder nicht gekannt haben, Aufregung meiden, sich darauf verlassen, dass sie anständig behandelt werden und dass niemand ihnen Böses will, ja, dass man sie unterstützt: Immer diese Sorge, dass ich unangemessen reagieren könnte; ob ich mit Kritik adäquat umgehen kann, ob man / frau mir auch wohl will. Oft auch diese dauernde Angst vor Abwertung, bzw. die ständige ERWARTUNG jetzt aber mal abgewertet zu werden (wie ich das von Kindheit und Jugend kannte). Wieviel Nähe, wieviel Distanz gut sind.

Das ist ein ständig zu überwindender Graben, eine ständige Herausforderung. Damit herauszurücken, dass ich bestimmte, besondere Schwierigkeiten habe, ist meist keine Option: Ich weiß viel besser, wie ich mit meinen Dispositionen umgehen muss, als andere das wissen können; Rücksicht zu erwarten, funktioniert einfach nicht, oder bestenfalls in einer Partnerschaft, wo Zeit ist, sich kennen zu lernen und für Beziehungsarbeit.

Vance bittet die Wohlhabenden darum, sich doch den Menschen aus niedrigeren Schichten zu öffnen, ihnen den Weg nach „oben“ leicht zu machen. Er hat ja auch Unterstützung erfahren. Das Grundproblem streift er damit, fürchte ich, nur. Es geht eigentlich um das Kapital „Vertrauen“. Vertrauen können und auf dieser Basis mit Menschen umgehen, die auch vertrauen. Vertrauens-behindert, so fühle ich mich. Als ich jung war, frisch aus meiner dysfunktionalen Familie kommend, war es viel, viel schlimmer; jetzt geht es einigermaßen. Damals kannte ich die Regeln von Gemeinschaften, die auf Vertrauensverhältnissen basieren, schlicht nicht. Ich war völlig überfordert und desorientiert. Einerseits wußte ich, dass ich dahin, wo ich herkam, nicht zurückwollte: Zurück zu manipulativen, von Gewalt strukturierten Gruppen. Aber ich hatte keine Ahnung, wie ich mich woanders einfügen sollte. Ich versuchte, am Rand zu bleiben, zu beobachten, möglichst nichts Falsches zu sagen. Das ging Jahre so, bis ich mich etwas sicherer fühlte. Kein Wunder, dass es schwer war, Arbeit und Partnerschaft zu finden und erst spät funtionnierte. Mit Armut hatte das alles gar nichts zu tun.

Gesellschaften, die nicht auf vertrauensvollen Beziehungen basieren, sind instabile Gesellschaften, die ihre Mitglieder schädigen. Stabilität in solchen Gesellschaften kann nur durch Terror hergestellt werden: Und das macht sie unfähig zur Anpassung und Weiterentwicklung. Das gilt für kleinere Gruppen, wie für ganze Staaten sein: Wieviele Menschen sind in Deutschland durch die Erfahrung von Krieg und Totalitarismus traumatisiert, von der Erfahrung, von vorgeblichen „Freunden“ ausspioniert und verraten worden zu sein? Auch die sozialen Medien zerstören übrigens durch die oftmals unsäglichen Umgangsformen, durch Hetze und Drohungen, eine Menge Vertrauen, und das unterminiert durchaus auch unsere Gesellschaften. Aber das ist eine andere Diskussion.

Ich versuche, mich anzupassen; weiß inzwischen recht schnell, ob ich vertrauen kann oder nicht, und weiß auch, wie das geht. Trotzdem fühlt es sich oft „gefährlich“ an. Mit Strukturen, in denen manipuliert und schikaniert wird, kenne ich mich instinktiv aus. Da komme ich her. Das bedeutet praktischerweise auch, dass ich diese erkennen und meiden kann. Aber in den anderen fühle ich mich auch unsicher, da muss ich dauernd den Verstand eingeschaltet lassen, relativ bewusst vorgehen.

Was die „andere“ Seite tun könnte, damit ich mein „Stigma“ vergessen kann? Vielleicht mal aufhören, die dunklen Seiten der menschlichen Existenz zu verdrängen? Es gibt sie, diese gutbürgerliche Ruhe und das Wegschauen, wenn es Unbequemes wahrzunehmen gäbe. Man lebt mit dieser Art von Unreife recht angenehm, auch wenn sie die Welt nicht gerade schöner und besser macht. Und wir sind dann die Blöden, die mit dem Destruktiven, Gewalttätigen umgehen und es zu verwalten haben. Vielleicht gibt es da so eine Art unbewusster „Arbeitsteilung“. Aber das wäre jetzt schon wieder der Anfang eines weiteren Posts: Wie strukturiert Gewalt, auch – oder gerade! verleugnete, verdrängte Gewalt, eine Gesellschaft?

 

 

 

 

 

 

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Ein Kommentar zu “Leben mit dem Stigma

  1. Wir Verletzten – insgeheim stigmatisierten – schwanken zwischen Vertrauen und Misstrauen, so jedenfalls ich. Missbrauch im familiären Umfeld zerstört grundlegendes Vertrauen. Er greift einen Urinstinkt, ein Urverlangen an und korrumpiert es. Diese Verletzung wird niemals ganz ausheilen. Es bleiben Verlorenheit und Misstrauen zurück. Gleichzeitig ist in mir das Verlangen, Vertrauen zu wollen, Vertrauen zu finden; denn Vertrauen zu können, ist ein Stück Sicherheit.

    Ein Punkt, der für mich Vertrauen gefährdet, ist, dass das vorgebliche Vertrauen, das mir aus bürgerlichen Kreisen gewährt wird, häufig unehrlich ist, weil es meist unausgesprochen auf einem Nehmen und Geben beruht. Dieses Nehmen und Geben aber kann ich schwer einschätzen und misstraue darum zuviel Freundlichkeit. – Ja, es führte gelegentlich dazu, dass ich die Hand, die mich fütterte, biss.

    Auch habe ich sicher viel in mich gesetztes Vertrauen enttäuscht, da ich es in seiner Ehrlichkeit nicht erkannte, sondern als ein Mittel zum Zweck ansah. Andererseits war ich oft auch in kindlicher Weise vertrauensselig, da „Gottvertrauen“ für mich auch eine Überlebensstrategie war, die mir Vorzüge einbrachte. Manche Bösewichte können ihren treuen Hund nicht totschlagen, so wie es Vance auch erzählt. Also vertraue ich manchmal auf Vorschuss.

    Manchmal wird mein Vertrauensvorschuss enttäuscht. Derlei Enttäuschungen stecke ich anscheinend meist ziemlich unberührt weg, als sei es normal, hintergangen zu werden. Da bin ich wohl entsprechend konditioniert. Denn das existentielle Vertrauen, das Kinder zum Überleben brauchen, wurde bei mir durch beide Eltern massiv zerstört. Gottlob gab es einige Erwachsene um mich, die mir durch ihren Zuspruch Perspektiven ermöglichten, durch die ich die zersetzende Gewalt der Eltern hinterfragen konnte. – Allerdings fand ich nicht mehr das Vertrauen, mich zu offenbaren.

    Ich lese gerade das Buch „Verkörperter Schrecken“ von Bessel van der Kolk. In ihm wird u.a. auch der hirnorganische Schaden dargestellt, der durch frühe und nachhaltige Vernachlässigung, Kindesmisshandlung und Kindesmissbrauch entsteht. Es ist ein Buch, in dem ich meine Situation damals wie heute durchwegs wiedererkenne.

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