talking about sexual trauma

Our civilizations are traumatized by sexual violence. A poison we should neutralize by talking

„Die Anzeige hat die Familie letztlich geheilt“

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Betroffene, die gegen ihre Missbraucher/innen vorgehen, das Schweigen brechen, womöglich Anzeige erstatten. . . das Weiterschreiben fällt schwer. Was passiert, ist ja aber bekannt: Das Opfer wird aus der Struktur ausgeschlossen. Die Familie wendet sich ab, wenn Täter oder Täterin ein Familienmitglied ist, der oder die Betroffene wird aus der Kirchengemeinde ausgeschlossen, wenn es der Pfarrer war. Die Solidarität, so unfassbar das eigentlich ist, gilt meist den Tätern/innen.

Aber das muss nicht so bleiben. Viele begreifen es erst wirklich, wenn der oder die Missbraucher/in vor Gericht und im Gefängnis gelandet ist. Bei Carla haben sich die Fronten dann ganz allmählich verändert. Ein paar Jahre später „stimmt“ die Welt wieder, und auch ihre Geschwister stehen zu ihr – und nicht zum Vater. Sowas gibt’s! Und die Bekräftigung der Gesellschaft, in Form eines Gerichtsurteils, trägt dazu bei. Das kommt jedenfalls im Interview mit Carla (die eigentlich anders heißt) heraus: 

Ich frage jetzt mal ganz provozierend: Hast Du durch die Anzeige gegen Deinen Vater deine Familie kaputt gemacht?

Im Nachhinein: Nein. Aber im Moment, als ich mich zur Anzeige gegen meinen Vater entschlossen hatte, und noch lange Zeit danach, hat sich das so angefühlt. In der Therapie, die ich in der Zeit gemacht habe, war diese Frage ein großes Thema, ich habe fast jedes mal drüber geredet. Meine Therapeutin hat mich immer darauf aufmerksam gemacht, dass mein Vater es war, der die Familie kaputt gemacht hat. Aber jetzt erst kann ich das auch fühlen.

Du warst 19 Jahre alt, und gerade von zuhause ausgezogen, als Du Anzeige erstattet hast. Wow! Das beeindruckt mich total, dass Du so früh den Mut hattest. 

Ich habe meiner Mutter vom Missbrauch erzählt, als ich 16 Jahre alt war. Sie hat meinen Vater sofort rausgeschmissen. Na ja, er wohnte weiter auf dem gleichen Grundstück, in einer Ferienwohnung gleich nebenan, aber immerhin. Und sie hat sich von ihm getrennt. Trotzdem fand ich die Situation noch nicht wirklich gut.

Immerhin hat Dir Deine Mutter geglaubt, das ist ja leider auch keine Selbstverständlichkeit. Warum hast Du dann das Gefühl bekommen, dass Deine Familie Dich nicht unterstützt? 

Ich habe drei Brüder, einen Älteren und zwei Jüngere. Die wollten schlicht und einfach nichts weiter wissen. Sie haben es mehr oder weniger ignoriert, obwohl meine Mutter ihnen gesagt hat, warum der Vater ausziehen muss. Schlimm wurde es aber, als ich mich zur Anzeige entschloss. Meine Mutter hat immerhin nicht versucht, mich davon abzuhalten, aber begeistert war sie nicht, das habe ich gemerkt. Und die erste Reaktion meines großen Bruders war zu fragen, ob ich es wegen des Geldes mache. Und er sagte mir, dass er weniger Geld fürs Studium bekommen würde, wenn mein Vater ins Gefängnis müsse.

Er hatte offenbar noch nichtmal Zweifel. Er fand nur, dass Du jetzt quasi nicht stören sollst. 

Ich konnte ihm das nicht verzeihen; und darüber haben wir auch immer noch nicht wirklich gesprochen, über diese furchtbare Reaktion von ihm. Aber immerhin haben wir wieder miteinander zu tun. Er hat inzwischen den Kontakt zu meinem Vater abgebrochen, und wir sind wieder im Gespräch. Das ist auch bei meinen beiden anderen Brüdern so.

Einer von Deinen Brüdern ging sogar noch zum Vater in die Lehre, obwohl er wußte, was geschehen war! 

Meine Brüder haben es sich bequem gemacht. Ich konnte nach einem Jahr in der Konstellation – wir im alten Haus, Vater auf dem gleichen Grundstück – nicht mehr so weitermachen. Meine Mutter, mein kleiner Bruder und ich sind ins Nachbardorf gezogen. Meine beiden anderen Brüder blieben mit meinem Vater im alten Haus. Mein großer Bruder verstand sich nicht mit meiner Mutter, da blieb er lieber beim Vater. Und mein zweiter Bruder begann sogar die Ausbildung im Betrieb meines Vaters. Obwohl wir im Nachbarsdorf wohnten, haben wir einander fast nie gesehen. Ich war total überrascht, als mir mein großer Bruder zum 18. Geburtstag ein Geschenk brachte. Aber die Kommunikation blieb total oberflächlich.

Hast Du den einen Bruder mal gefragt, wie er die Ausbildung beim Vater absolvieren konnte? 

Viel später habe ich ihn zur Rede gestellt, wie er das fertig gebracht hat. Er ist weinend zusammengebrochen, und hat mir gesagt, er wünschte sich, es sei alles nur ein böser Traum. Meine Großeltern väterlicherseits haben uns Weggezogene übrigens auch einfach aus ihrem Leben gestrichen. Als hätte es uns nie gegeben. Glücklicherweise hat mich die Großmutter mütterlicherseits aber sehr unterstützt. Schade, dass sie so weit weg wohnt.

Wie meistens ist eine lange Zeit vergangen von der Anzeige bis zur Prozess-Eröffnung. Wie ging es Dir in der Zeit? 

Zwischen Anzeige und Verfahren vergingen zwei Jahre. Ich musste dann auch nochmal aussagen, weil meine Aussage „veraltet“ war. Grässlich. Ich war schon ausgezogen und lebte weit weg von meiner Familie. Aber ich hatte hier ganz gute Kontakte, war gut aufgefangen durch die Therapie, und mein bester Freund war immer für mich da, auch wenn er woanders lebte. Ohne Rückhalt hätte ich das nicht durchgestanden. Wenn meine Mutter sich gegen mich gestellt hätte, weiß ich nicht, ob ich’s durchgezogen hätte. Jedenfalls nicht so früh. Der Prozess fiel dann ausgerechnet in eine Prüfungsphase meines Studiums. Drei Tage nach meiner Aussage vor Gericht, war die erste Klausur. Ich habe sie bestanden. Aber eine prüfungsrelevante Präsentation hat der Freund, mit dem ich sie vorbereiten sollte, praktisch allein gemacht. Er wußte bescheid und hat mich da quasi „durchgehievt“.

Wann kam das Urteil?

Zweieinhalb Jahre nach Prozessbeginn, aber erst ein knappes Jahr später musste mein Vater dann auch ins Gefängnis. Und das obwohl er schon vorbestraft war wegen sexuellen Missbrauchs. Seiner Freundin hat er am Vorabend gesagt, dass er ins Gefängnis muss und warum. Aber sie ist mit ihm zusammen geblieben. Mein kleiner Bruder hat es auch erst beim ersten Besuch im Gefängnis erfahren. Da ist ein Freund unserer Familie mitgekommen, und als mein Bruder gefragt hat, warum mein Vater im Gefängnis ist, hat er rumgedruckst. Der Freund hat meinen Vater aber dazu gebracht, Klartext zu reden.

Deine Brüder waren jetzt erst gezwungen, sich wirklich mit dem Geschehenen auseinander zu setzen. 

Bis dahin haben sie gemacht, was für sie am bequemsten war – im großen Haus wohnen, die Lehre. Ich hatte mich anlässlich Weihnachten mal mit meinem großen Bruder getroffen. Er wußte nicht mal, wo ich wohne, was ich mache. Hatte ihn nicht interessiert. Ich habe ihn gefragt: Wie kannst Du noch mit dem Vater umgehen? Aber er hat abgeblockt: Er denke nicht drüber nach, und der Vater sei das geringere Übel, da er mit Mutter nicht könne. Da war der immerhin schon 22 Jahre alt. Verdrängen ist bequem.

Woran hast Du gemerkt, dass sich der Wind dreht? 

Vor kurzem hat mein kleiner Bruder geheiratet. Bei der Hochzeit war die ganze Familie da, alle außer dem Vater und seiner Mutter. Mein Bruder wollte nicht einmal mehr, dass der Vater und dessen Mutter von der Hochzeit wissen. Jetzt gibt es das „toxische Trio“: die Freundin des Vaters, der Vater, und die Mutter des Vaters. Sonst waren alle aus der Familie da und es war ein schönes Fest. Meine Brüder wollen aus dem Haus ausziehen, wenn mein Vater aus dem Gefängnis kommt.

Aber wie kam es zu diesem Sinneswandel? 

Die Freundin meines Bruders hat dazu einiges beigetragen. Sie hat immer darauf gedrängt, die Familie kennen zu lernen, und hat sich schier von ihm getrennt, als sie erfuhr, warum der Vater im Gefängnis sitzt. Das zu verschweigen, war für sie ein enormer Vertrauensbruch. Sie hat auch darauf gedrängt, dass mein Bruder sich mit mir ausspricht. Und mein Vater hat sich letztlich auch selbst ins Aus katapultiert, nachdem er sah, dass das mit der Verdrängung nicht ewig funktionieren würde. Er, seine Freundin und seine Mutter haben sich mit meinen Brüdern angelegt, wollten nicht, dass sie im Haus Renovierungen vornehmen. Er sieht seine Verbündeten wohl mittlerweile woanders. Mein jüngster Bruder hat mittlerweile sogar die Großmutter zur Rede gestellt, wie sie noch zu ihrem Sohn stehen kann.

Ende gut, alles gut?

Noch nicht ganz, aber alles in allem habe ich das Gefühl: Ich bin durch. Ich brauche keine Therapie mehr, habe eine schöne Beziehung und eine Arbeit, die mir Spaß macht. Ich habe zwar manchmal immer noch das Gefühl, dass Folgen des Traumas weiter an mir haften. Ich weiß auch nicht, ob ich meinen Brüder ihren Opportunismus wirklich werde verzeihen können. Eine Entschuldigung werde ich wohl vom großen Bruder nicht bekommen.  Er sagt einfach: „Ich kann mir das nicht vorstellen, kann da nicht drüber nachdenken“. Ich habe Angst, dass er sich komplett zurückzieht, wenn ich die Verletzung anspreche. Aber immerhin hat er gesagt, dass er stolz auf mich ist.

Das ist ja immerhin mal eine klare Aussage! Glaubst Du, dass die Gefängnis-Strafe für Deinen Vater zum Heilungs-Prozess beigetragen hat? 

Ja, auch wenn er nicht so lange ins Gefängnis musste, wie ich es gerne gehabt hätte. Vorher hat er einfach sein Leben normal weitergelebt. Ich musste umziehen, ich war die „Komische“, niemand wusste recht, wie man mich behandeln sollte. Meine schlimmste Angst, dass sich die Beziehung zu den Brüdern ändert, wurde wahr. Aber jetzt ist klar: Sie müssen sich damit befassen, dass sie einen Perversen als Vater haben. Dann erst können wir unsere Beziehungen neu sortieren und aufbauen. Erst dann. Ich hoffe, wir bekommen das hin. Erst dann wären wir – vielleicht – sowas wie eine „heile“ Familie, die wir früher ja nie waren.

Welche Art von Unterstützung hättest Du Dir noch von außen gewünscht? 

Puh, von Behörden z.B.? Das einzige, woran ich mich erinnern kann, ist ein Anruf vom Therapeuten meines Vaters, nachdem ich meiner Familie vom Missbrauch erzählt hatte. Mein Vater musste ja wegen der ersten Verurteilung Therapie machen. Der hat am Telefon versucht mir zu verklickern, dass das ja wohl nicht so schlimm gewesen sei, mit den Übergriffen. Ich hab irgendwann nur noch geheult. Wie so einer erfolgreich Missbraucher therapieren soll? Keine Ahnung.

 

 

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