talking about sexual trauma

Our civilizations are traumatized by sexual violence. A poison we should neutralize by talking

Was passierte, nachdem ich den Pfarrer angezeigt hatte oder: Wie es NICHT gehen kann

8 Kommentare

Dieser Blog ist keine Klagemauer, meine Geschichte hielt ich schon immer für banal (im Sinne von gewöhnlich). Aus gegebenem Anlass – dem offenen Brief an die Kirchengemeinden – möchte ich aber hier schildern, wie es mir, Opfer eines übergriffigen Pfarrers, erging, als ich mich nach 32 Jahren endlich entschloss, den Pfarrer bei seiner Kirche anzuzeigen. Es war das Einzige, was ich noch tun konnte, denn seine Übergriffe – Gefummel bis zur manuellen und genitalen Vergewaltigung im Jahr 1973 – verjährten bereits an meinem 18. Geburtstag. Da hatte ich zwar Erinnerungen, verharmloste sie aber völlig.

Ich habe Pfarrer Niedermeier, der bis zu seiner Rente in Unterboihingen bei Stuttgart tätig war, 2005 bei der Kirche angezeigt. Ich hoffte auf Mitgefühl und Unterstützung. Sehr naiv, ich weiß, ‚Tschuldigung. Was ich bekam, waren Briefe, die mir sagten, man befrage jetzt den Pfarrgemeinderat und den Pfarrer. Dann, dass diese von nichts wüßten und dass das alles ohnehin nicht sein könne. Dann, ich möge die Vorwürfe zurückziehen. Keinerlei Angebote für Unterstützung natürlich. Erster Teil der Viktimisierung. Ich bekam Flashbacks, als wolle mir mein Körper noch einmal klar vor Augen führen, was geschehen war. Ich magerte ab, konnte nicht mehr schlafen, musste in Psychotherapie. Meine Ehe zerbrach. Ich lernte, die wirklichen von den falschen Freunden zu unterscheiden: Diejenigen, die noch was wissen wollten von mir, obwohl ich ein „Opfer“ war, ein Gebeuteltes, und diejenigen, die sich unauffällig davonmachten.

Zweiter Teil der Viktimisieurung: 2010 / 2011. Ohne Öffentlichkeit geht ja nichts, also arbeitete ich mit Stern TV zusammen, rückte in der Gemeinde mit Kameras an, man filmte das Gespräch mit dem neuen Pfarrer, das ich nun bekam, und der „Verdacht“, die Möglichkeit, es habe sexuellen Missbrauch durch den alten Pfarrer gegeben, kam doch tatsächlich auf die Homepage der Gemeinde.

Bei der anschließenden Berichterstattung in der regionalen Presse hieß es, ich werfe dem Pfarrer vor, während eines Gottesdienstes vergewaltigt worden zu sein (was natürlich NICHT zutraf). Damit stand ich als völlig unglaubwürdig bis durchgeknallt da. Diskreditierung. Das brachte mich kurz vor den Zusammenbruch. Es dauerte ewig, bis ich durchdrang zu meinen KOLLEGEN, denn ich schrieb damals für die Stuttgarter Zeitung. Bis endlich eine Gegendarstellung kam.

Der Prozess, den ich daraufhin gegen die Kirche wegen Verleumdung anstrengte, endete mit einem Vergleich. Der Justitiar der Kirche leugnete, das dem Journalisten so gesagt zu haben, und der Journalist machte von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch.

Würden Sie sich jetzt noch bei der Gemeinde Unterboihingen als Opfer melden?

Dass sich dann kinderpornographische Abbildungen im Nachlass des Pfarrers fanden, die Nachlassverwalterin auf irgendetwas stieß, dass sie so grausig fand, dass sie es gleich vernichtete – das stand dann in keiner Zeitung mehr zu lesen. Der damalige Vorsitzende der Missbrauchs-Kommission, Antretter, sorgte dafür, dass mir endlich eine „Anerkennungszahlung“ angeboten wurde .

Auf der Homepage der Gemeinde fand ich Jahre später immer noch den gleichen Text, da sei jemand, der was behaupte, aber bewiesen sei nichts. Als ich die Diözese aufforderte, den Text zu aktualisieren, und von den Funden im Nachlass des Pfarrers zu berichten, verschwand der Hinweis völlig. Die Homepage ist wieder clean. Da stand auch, der Pfarrer habe das Verdienst gehabt, den Jugend- und Kinderchor zu gründen. Er wurde für die Schaffung seiner Jagdgründe gelobt. Das verschwand dann auf meinen Hinweis hin auch.

Als ich eine Veranstaltung in der Gemeinde anregte, zu der ich eingeladen werden wollte, hieß es, das sei nicht erholsam und ich sei nicht willkommen. Viele glaubten ohnehin nicht, dass mit dem Pfarrer irgendwas gewesen sei. Es gab dann stattdessen eine Veranstaltung zum Thema „Prävention“. Im Bericht über die Veranstaltung hieß es, es sei die Odenwaldschule als Negativ-Beispiel angeführt worden.

Wer auch immer ebenfalls sein Opfer war – diese Tortur haben sie sich erspart. Die, die noch in der Gemeinde leben, sowieso.

Noch Fragen?

Was ich beim Hearing „“Kirchen und ihre Verantwortung zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“ hörte, bestätigte mich in meiner Vermutung: So wie mir ging es sehr vielen. Das hat man aber jahrelang nicht wahrhaben mögen, noch beim letzten Hearing vor ein paar Jahren raunte mir ein künftiges Mitglied der Aufarbeitungskommission begütigend ins Ohr, die Kirchen machten das doch ganz gut. Mittlerweile ist man durch die Anhörungen zahlreicher Opfer zu anderen Ergebnissen gekommen.

War ja mal Zeit!!

Deswegen auch ein offener Brief an die Kirchengemeinden Deutschlands, weitere Unterzeichnende willkommen:

https://talkingaboutsexualtrauma.wordpress.com/2018/08/21/offener-brief-an-kirchengemeinden-die-von-sexuellem-missbrauch-durch-priester-oder-mitarbeiter-betroffen-sind/

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8 Kommentare zu “Was passierte, nachdem ich den Pfarrer angezeigt hatte oder: Wie es NICHT gehen kann

  1. Danke für die gut nachvollziehbare, sehr aufschlussreiche Darstellung. Es ergeben sich für mich ein paar Fragen.

    1. „Dass sich dann kinderpornographische Abbildungen im Nachlass des Pfarrers fanden, die Nachlassverwalterin auf irgendetwas stieß, dass sie so grausig fand, dass sie es gleich vernichtete – das stand dann in keiner Zeitung mehr zu lesen.“

    Hat die Nachlassverwalterin irgendwas über ihren Fund dokumentiert? Lebt sie noch?

    2. Wenn ein erwachsener Mann ein Kind penetriert, lässt das auf erhebliche sadistische Neigungen schließen, ggf. auf eine äußerst gefährliche Persönlichkeitsstörung. War dieser Pfarrer evtl. Teil eines Netzwerkes? Vielleicht einem von der Art, wie sie hier beschrieben werden? https://www.kinderschutz-zentren.org/sexualisierte-Gewalt-in-organisierten-und-rituellen-Gewaltstrukturen. Dafür würden sowohl die in Ihrem Fall über das bei Kirchen sowieso übliche Vertuschungsverhalten hinaus gehenden Anstrenungen der Verantwortlichen im Bistum und der betreffenenden Gemeinde sprechen, als auch der Ort, der für die Sexualstraftaten gewählt wurde und die Art und Weise, wie der Täter seine sadistische Sexualgewalt gegen ein Kind ausführte.

    3. „Da stand auch, der Pfarrer habe das Verdienst gehabt, den Jugend- und Kinderchor zu gründen.“
    Die meisten Opfer verdrängen, was ihnen angetan worden ist. Das wird von unserer Kultur auch so gefordert und gefördert. Aufarbeitung und Bewältigung, oder gar Anzeigen bzw. das Öffentlichmachen sind die Ausnahme. Leider trägt solches Verhalten aber zur transgenerationalen Weitergabe der Sexualgewalt bei. Aus anderen Kontexten systematischen Kindesmissbrauchs wissen wir, dass sich dann die ohnehin schon recht hohe Rate von Personen, die ihren Sex an Kindern abreagieren erhöht bzw. die Zahl an Menschen, die von so etwas phantasieren, zu steigen scheint. Dr. Thomas Knecht, ein in der Schweiz lebender Forensiker, sprach in einer TV-Sendung zum Fall „Jegge“ davon, dass 20 Prozent der Männer auf etwas ansprechbar seien, was er als „Kindersex“ bezeichnete. Etwas, das so alltäglich ist, wie das Sprechen darüber tabuisiert wird. Abgesehen von der Tatsache, dass die meisten Menschen nicht in den Ruch kommen möchten, als Kind von einem Erwachsenen sexuell missbraucht worden zu sein. Manche Opfer nutzen so genannte „Kinderpornografie“, um quälenden Täterintrojekten und Flashbacks zu begegnen. Besser wäre eine spezifische Traumatherapie, aber die ist rar und vielen Betroffenen macht so etwas Angst. Manche haben die durchaus berechtigte Sorge, dass ihre Daten nicht geschützt werden. Kann es sein, dass die Reaktionen der Diözese und speziell der Gemeinde über das hinaus gehen, was hier im Hinblick auf das verbreitete „Unglauben-äußern“ dargelegt wird? https://www.missbrauchsopfer-josephinum-redemptoristen.de/was-wir-als-missbrauchsopfer-mitzuteilen-haben/

    Viele Grüße von
    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

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  2. Das sind gute Fragen – die kinderpornographischen Abbildungen, so ein Schuhkarton oder sowas voll davon, kamen nämlich nicht aus dem Nachlass. Die hat „einer“ „irgendwo“ (vielleicht im Pfarramt) abgeliefert. Wer das war? Wieso das Zeug (das dem Pfarrer gehörte) ausgerechnet bei dem gelandet war?
    Ich habe das brieflich abgefragt: Keine Antwort.
    Da ließe sich so einiges vermuten, ja.

    Ich habe auch gefragt, was das Grausiges war, das die Nachlass-Verwalterin fand: Keine Antwort.
    Wer sie ist? Keine Antwort.
    Top transparent.
    Die Beweismittel sind m.E. vernichtet worden.
    Top professionell.
    Auf eine eher perverse Art professionell (also Institution schützend, keineswegs der Aufklärung dienend).

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    • Wie ist Ihr Eindruck: hat der verstorbene Täterpriester selbst Missbrauchsabbildungen hergestellt, ggf. getauscht? Perversion ist zwar kein fachlich korrekter Ausdruck mehr, trifft aber in seiner umgangssprachlichen Bedeutung den Kern dessen, was so viele MissbrauchstäterInnen umtreibt genauer als der Begriff „Paraphilie“. Ich bin nicht katholisch geprägt, in einer evangelisch-lutherischen Umgebung aufgewachsen. Deshalb sprang mir die Kombination des nach außen hin betulich-romantisierend-sentimentalen Geweses um Sexualität mit brutaler Dumpfheit und grotesker Vulgarität, die mir so typisch für das katholische Milieu zu sein scheint, von Anfang an ins Auge. Kein guter Ort für Kinder. Ein Milieu, in dem Liebe mutmaßlich wirklich nur in abstrakter Weise, in der zu einem dreigeteilten Geistwesen namens „Gott“ gelebt werden kann. Die irdische Form ist viehisch.

      Das Pendant, der typisch protestantische, reduziert-fade Missbrauchssadismus, wird Übrigens in dem Film „Das weiße Band“ punktgenau abgebildet.

      Nicht-Betroffene können oft nicht nachempfinden, dass Kindesmissbrauch nicht mit schlechtem Sex unter Erwachsenen vergleichbar ist, also eben keine Banalität darstellt, wohl aber im normativen Sinne alltäglich ist. Beim Lesen Ihres Berichtes wurde mir wieder einmal klar, warum die Menschen des Mittelalters die sexuelle Gier dem Teufel zugeschrieben und damit externalisiert haben. Im Täter, in der Täterin fokussiert sich übergroße Bösartigkeit und Vernichtungswille auf das kindliche Opfer. Die Missbrauchsattacken transportieren meiner Ansicht nach Todesenergie. Das ist nicht mit der nach psychoanalytischen Verständnis bei jedem Sexualakt vorhandenen und notwendigen (normalen) Aggression zu vergleichen.

      Noch eine Frage: wissen Sie, wo und wie dieser perverse Täterpriester aufgewachsen ist? Woher kam sein Faible für Musik und Kinderchöre?

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  3. Die Schachtel mit den pornographischen Fotos erinnert an die Schachtel mit Nackt- und anderen erotisierten Bildern von verstörten Schülern des AKOss, die Pater Stüper für seine sadistische Lust abgelichtet hatte, die sein treuer Adlatus, der Vorzeigejesuit aus Göttingen Pater Theo Schneider ganz unverhofft aus dem Nachlass, aber trotz gegenteiliger Behauptung (schliesslich sollten ja alle Bilder bereits seit 2007 vernichtet sein) noch 2010 aus privater Obhut der Überprüfung übergab. Dabei war es nicht einmal die letzte Schachtel mit Nacktfotos des pädosexuellen Fotografen…Die Vorgehensweise hat daher offensichtlich keinen Exklusivcharakter. Also schon wieder der Hinweis auf die Spuren einer systemischen Unkultur.

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    • Wichtiger Hinweis, das war auch mein erster Gedanke als ich das las. Im Falle des Aloisiuskolleg gibt es starke Indizien auf Organisierte Missbrauchskriminalität bzw. Komplexkriminalität. Leider überlässt man wie in anderen Fällen auch, die Aufklärung und Aufarbeitung Opfern und Mitbetroffenen und die kommen eben nicht an alle Informationen ran. 2007 wurde in den USA einer der Lieblingsschüler des Haupttäters Und Schulleiters (Jesuitenpriester Ludger Stüper) verhaftet http://www.bild.de/news/vermischtes/deutscher-baron-gestaendnis-3467540.bild.html (ausnahmsweise eine authentische und wahrhaftige Berichterstattung)
      http://www.sueddeutsche.de/panorama/kinderpornos-bei-adligem-gefunden-man-sah-ihn-immer-mit-schoenen-frauen-1.854015.
      Matthias von W. soll den Schlüssel zu Stüpers High-Tech-Filmlabor besessen haben. Stüper, dieser manipulative Sadist und manische Fotograf und Filmer von Jungen muss im Laufe von 40 Jahren Aufenthalt auf dem Schul- und Internatsgelände Massen an Missbrauchsabbildungen gefertigt haben.
      Matthias von W. wurde zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, die er inzwischen abgesessen hat. Er soll jetzt unter dem Namen seiner Frau zusammen mit dem gemeinsamen Kind in Berlin leben.

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  4. Danke für die Kommentare, die so einiges Nachdenken anregen. Die „Gleichgesinnten“ finden einander, auch Kindes-Missbraucher(innen). Sie vernetzen sich, und „teilen“ sich Opfer. Das ist mit ein Grund, warum ich auf korrekter Aufarbeitung bestehe: Es gab mit Sicherheit weitere Opfer. Womöglich Jungen oder Mädchen, die auch zuhause missbraucht wurden. Sie sollen eine Chance auf Aufarbeitung bekommen. Eine Chance auf ein Leben jenseits des Traumas. Vertuschung und Verweigerung von Aufarbeitung durch die Gemeinden ist unterlassene Hilfeleistung. Sie helfen, Traumata zu verfestigen. Das geht nicht.

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  5. Pingback: Offener Brief an Kirchengemeinden – Lotoskraft

  6. Pingback: Bischof Fürst und die Missbrauchs-Kommission von 2002: Eine Täterschutz-Kommission | talking about sexual trauma

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