talking about sexual trauma

Our civilizations are traumatized by sexual violence. A poison we should neutralize by talking

„False Memory Syndrom“ – eine Entgegnung

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Es ist eines dieser Ungeheuer von Loch Ness der Presse-Landschaft: Das False-Memory-Syndrom. Aus welcher Ecke es jeweils lanciert wird, dürfte das Wissenswerteste sein, was diese Artikel angeht. Eine geneigte Leserin dieses Blogs hat mir erlaubt, ihren Kommentar an den „Spiegel“ dazu hier zu veröffentlichen.
Wieso eigentlich jetzt gerade das wieder? Merkwürdigerweise kam ja gerade eine weitere interessante Meldung:
Ein Schelm, wer da irgendetwas denkt?

Sehr geehrte Damen und Herren,
mit Entsetzen habe ich den Artikel „Wenn die Tochter dem Vater plötzlich Missbrauch vorwirft“ von Jutta Jüttner gelesen. Selten habe ich im Spiegel oder Spiegel Online einen Artikel gelesen, der ein derart sensibles Thema so einseitig und schlecht recherchiert darstellt.
Dieses „Syndrom“ ist nämlich keinesfalls unumstritten, es ist auch nicht wissenschaftlich anerkannt. Außerdem wird es häufig benutzt, um TäterInnen zu schützen und Opfer sexuellen Missbrauchs zu diskreditieren. Wird so ein Thema dennoch journalistisch aufbereitet, dann erwarte ich, dass die Kritikpunkte und Ungereimtheiten des „Syndroms“ benannt und diskutiert werden. Dies ist leider nicht geschehen.
Im Folgenden führe ich einzelne Kritikpunkte aus:
Im Artikel wird nirgends erwähnt, dass dieses „False Memory Syndrom“ in keinem Klassifikationsverzeichnis (ICD oder DSM) zu finden oder anerkannt ist. Stattdessen wird suggeriert, dass es ein klinisches und von ExpertInnen anerkanntes und unumstrittenes Krankheitsbild ist. Das ist es jedoch nicht.
Weiter wird mit keinem Wort erwähnt, dass der Begriff des „False Memory Syndroms“ auf ein Ehepaar zurückgeht, dessen Tochter dem Vater sexuellen Missbrauch vorgeworfen wird (Jennifer Freyd). Dieser Zusammenhang ist für die Einordnung des „Syndroms“ essentiell und dürfte daher keinesfalls unerwähnt bleiben. Schließlich kommt dadurch die Frage auf, ob das Ehepaar Freyd von einem rein wissenschaftliches
Erkenntnisinteresse oder doch eher von Interesen des Selbstschutzes geleitet wurde.
Auch stellt Frau Jüttner dar, dass die laborhaften Experimente von GedächtnisforscherInnen in direkter Linie zum „False Memory Syndrom“ führen. Auch das ist ein grober Fehlschluss. Die erwähnten Studien sind einzelne Experimente, in denen die Erinnerung an klar abgrenzbare, nicht traumatische Ereignisse in einer künstlichen Laborsituation untersucht wurden. Von diesen Experimenten kann jedoch kein Rückschluss darauf gezogen werden, inwieweit in einem „False Memory Syndrom“ traumatische, teilweise jahrelange Lebensereignisse „eingeredet“ werden können.
Weiter schreibt Frau Jüttner, dass „traumatische Erinnerungen besonders gut erinnert“ würden; ein Rechtspsychologe wird zitiert, der konstatiert: „Sexuellen Missbrauch vergisst man nicht“. Wo kommen hier die vielen anderen Wissenschaftler, Psychologinnen und auch RechtspsychologInnen zu Wort, die anderer Ansicht sind? Nämlich zum Beispiel, dass die Verdrängung, also das „Vergessen“ von sexuellem Missbrauch in der Kindheit ein Mechanismes des Gehirn sein kann, unerträgliche und ausweglose Situationen überstehen zu können? Indem Frau Jüttner nicht auf die unterschiedlichen Ansichten eingeht, lässt sie Herrn Stelles Meinung als allgemeingültig stehen. .
Die Einseitigkeit des Artikels ist nicht nur ein Ärgernis für mich als Leserin. Es ist vor allem ein Schlag ins Gesicht für alle Opfer von sexuellem Missbrauch, die sowieso schon viel zu oft darum kämpfen müssen, dass ihnen zugehört und geglaubt wird. Ich bin entsetzt, dass der Spiegel einen solch unausgewogenen Artikel veröffentlicht hat. Wo sind all die Maßnahmen zur Qualitätssicherung, haben sie hier (wieder) versagt?
Mit freundlichen Grüßen,
eine Sozialwissenschaftlerin
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