talking about sexual trauma

Our civilizations are traumatized by sexual violence. A poison we should neutralize by talking

80 Millionen € für Forschung – und die Betroffenen?

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„Um die Arbeit zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt sowie vor Vernachlässigung und Missbrauch auf eine fundierte Basis stellen zu können, hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung seit 2011 rund 63 Millionen Euro zur Verfügung gestellt und ist auf dem Weg, eine auch international sichtbare Forschungslandschaft aufzubauen, aus der wirkungsvolle Beiträge für die Praxis hervorgehen sollen.“

https://www.bmbf.de/de/schutz-von-kindern-und-jugendlichen-vor-sexueller-gewalt-1241.html

Weitere 16 Millionen Euro wurden zusätzlich ab 2016 zur Verfügung gestellt. Als wichtigstes Ziel wird genannt (oder zumindest ist es das Einzige, das eine Unter-Überschrift im Text wert ist): „Schuztkonzepte entwicklen“.

Schutzkonzepte zu entwickeln ist sehr wichtig.

Was aber ist mit den geschätzten 8 Millionen Menschen, die als Kinder oder Jugendliche bereits Opfer sexueller Übergriffe wurden; mit den geschätzten 1 Million Kindern, die, auch sie, Opfer von Übergriffen wurden – oder sind?

Sexuelle Gewalt löst in mindestens 70 % der Fälle ein posttraumatisches Belastungssyndrom aus, das schnell chronifiziert, und zahlreiche Krankheiten auslöst. Ich spreche hier mal nur von den Kosten für die Allgemeinheit (Depressionen, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Burn-Out, etc), denn wir leben in einer Gesellschaft, deren Politiker/innen vor allem die Sprache des Geldes verstehen.

Lieber würde ich von Gerechtigkeit sprechen, von Wiedergutmachung und der Inklusion von Menschen, denen unschuldig Entsetzliches widerfuhr, und die damit weitestgehend allein gelassen wurden –  und weiterhin werden. Gehören sie zu uns, oder nicht?

Die Frage, was Forschung BETROFFENEN bringt, stellt sich also.

Nachdem wir aktiven Betroffenen „unsere Wunden gezeigt haben“ (z.B. auf Hearings des UBSKM) – wer hat davon wirklich etwas, außer den nun emsigen Wissenschaftlern? Ein in verschiedene Aufarbeitungsprozesse und Forschungs-Projekte eingebundener Betroffener schrieb mir kürzlich:

„Ich habe ein einziges Mal in Kassel gehört, wie ein Psychologe auf einer Bühne  gesagt hat: „Und dann müssten wir uns schon mal fragen: Was machen wir mit denen, die schon Opfer geworden sind“?

Der Saal war voll mit Fachleuten, die sich gefragt haben: Was will denn der?“

Daraufhin entspann sich zwischen uns ein Gespräch über die laufende Forschung, und auf meine Frage, „Siehst Du Hilfreiches?“, erhielt ich folgende Antwort:
„Wenn Du nach „hilfreich“ fragst, ist die Antwort klar: Ja, Nein, ich weiß nicht. Für wen Hilfreich? Für Betroffene? Nein! Interessantes, Wissenswertes, ja, das gibt es in den Aufarbeitungsprojekten. Im Grunde genommen sind aber weit über 90% der Dinge, die getan werden, nicht direkt hilfreich für Betroffene. Wenn es gut läuft, sind sie indirekt hilfreich. (Man hält das Thema hoch, nimmt Einfluss auf politische evtl. Endscheidungen, zeigt den Betroffenen Solidarität. . .) Ich habe aber bisher kein einziges dem Thema gewidmetes Forschungsprojekt, keine einzige Hilfseinrichtung, keine Beratungsstellen und keine Unterstützung kennengelernt, die hilfreich war oder ist.

Im Gegenteil. Ich bin Mann und potenziell erst einmal Täter. Das wird mir z.B. überall dort vermittelt, wo man sich ausschließlich um Frauen bemüht, die Opfer sexualisierter Gewalt in ihrer KINDHEIT(!) wurden. Denn wir waren alle Kinder und wenn wir zu dieser Zeit sexualisierte Gewalt erlebten, dann waren wir alle: Missbrauchte Kinder. Nur die Täter unterschieden – je nach dem was sie gerade begehrten – zwischen weiblich und männlich.

Nun wird bei der zu vergebenden Hilfe ebenso unangebracht unterschieden. Die Ratschläge und Empfehlungen die man bekommt, scheinen mir oft „Binsen“ Das ist mir alles bekannt und es mir wiederholt zu sagen, bringt nichts. Ich erkenne auch, dass eine Mehrzahl der Helfenden, neben dem sozialen Aspekt, ein Eigeninteresse verfolgt. Das weckt die Skepsis in mir und Misstrauen, denn gerade als Betroffener fällt es mir schwer zu erkennen, wann gerade und unter welchen Kriterium, helfend gehandelt wird.

Vieles wäre auch egal, wenn ich nach zehn Jahren Aufarbeitung sagen könnte, “ Es hat sich verbessert“. Hat es sich aber nicht, weil absolut nichts hilfreich war. Nur indirekt! Zum Beispiel fällt es mir heute schwer, dem Kind, das ich damals war, eine Schuld oder Mitschuld zu geben, denn durch die Aufarbeitungserkenntnisse wird deutlich, ich – das Kind – war dem Verbrechen und Verbrechern vollkommen hilflos ausgeliefert.

Wirklich hilfreich wäre für schwer traumatisierte Menschen, mit chronifizierten Trauma-Folgeschäden, eine nachhaltige Veränderung der ÄUSSEREN Lebenssituation! Druck aus den so anstrengenden Leben vieler Betroffener zu nehmen, hätte oberstes Ziel sein müssen. Das kann nur der Staat – also die Gesellschaft – und der/die ist nicht dazu bereit. Maßnahmen die „Druck mindernd“ wären, könnten sein: Ausstellen einer Krankenkassenkarte mit der man besser gestellt ist als andere Versicherte. Monatliche Zahlung von Geldern, die es ermöglichen auch ohne Arbeit gut leben zu können.

Ich stelle mir immer vor, ich bin mit meinen Schädigungen anerkannt und bekomme einfach mein Gehalt weiter, ohne noch zur Arbeit zu müssen. Ich kann dann selbst und das erste Mal frei und ohne Druck entscheiden, was ich machen möchte. Hätte man das mir vor 10 Jahren so „gegönnt“, man hätte mir – da bin ich sicher – 10 bis 20 Lebensjahre zusätzlich geschenkt. Und zwar gute Jahre! Aber das war und bin ich niemandem wert, ist mein Leben nicht wert und das ist die Bestätigung des Lebensmusters: Ich war nie etwas wert!

Beginnend mit der frühsten Kindheit, wertlos. Das bekomme ich im Umgang mit mir – nachdem ich doch so eindrücklich versucht habe zu berichten und zu erklären – nun ganz deutlich zu spüren. Denn nichts in meinem Leben hat sich entscheidend geändert. Das hätte auch nur passieren können, wenn man Möglichkeiten geschaffen hätte, mit denen es mir hätte gelingen können dem „äußeren Druck“ zu entgehen, um sich dann besser mit der inneren Situation auseinandersetzen zu können.“

 

Unser Gespräch hatte so begonnen:

„Ja, wir haben uns gezeigt“

Fr. 8:35 nachm.

„Das war oft ein Fehler. Aber wenn ich das sage, sagt man mir: Das bist du mit deiner verschobenen Betroffenen-Wahrnehmung“

Fr. 8:36 nachm.

 

War es ein Fehler?

Erste Ergebnisse wurden hier veröffentlich:

https://www.klett-cotta.de/ausgabe/Trauma_&_Gewalt_Heft_02_Mai_2015/58952

Auffallend ist das Einbeziehen genetischer bzw. epigenetischer Forschungen in viele Projekte (intergenerationelle Weitergabe; Ursachen von Übergriffigkeit). Mir ist allerdings nicht ganz klar, was man mit einem Forschungsergebnis anfangen soll, das statuiert, dass Kinder Misshandelter Gene mitbekommen, die sie mit erhöhter Wahrscheinlichkeit wieder ihre Kinder misshandeln lassen werden (erhöhte Stressanfälligkeit z.B.). Ich wage mal zu behaupten, dass das völlig unwichtig ist. Oder dass Kinder Misshandelter möglicherweise eine genetische Störung haben. Denn was folgt daraus in praktischer Hinsicht?

Das Schönste in diesem Heft in puncto „praxisrelevante Forschungsergebnisse“: Empfehlungen eines Forschungs-Projekts für angeblich hoch effiziente Kurztherapien für Missbrauchs-Betroffene.

Prost Mahlzeit.

 

 

5 Kommentare zu “80 Millionen € für Forschung – und die Betroffenen?

  1. Der Gedanke, rundum gepampert zu sein und nicht arbeiten zu müssen, ist mir fremd. Ich arbeite gerne und habe verschiedene Tätigkeiten in meinem Leben durchgeführt. Ich möchte nicht von der Gesellschaft oder vom Staat abhängig sein. Ich denke auch, dass eine Fremdversorgung mir bei der Bewältigung meiner PTBS wenig hilft. Sie mag streckenweise Sinn haben, doch sie wäre kein dauerhaft positives Konzept.

    Ich fand Hilfe in acht Jahren Traumatherapie. Zuletzt bei der Traumaambulanz der LMU München; davor bei zwei engagierten Psychotherapeutinnen. Hier halte ich die Unterstützung durch die Krankenkassen für ungenügend und fahrlässig. PTBS soweit zu kurieren, dass sie nicht mehr belastend und lebensgefährdend ist, braucht viel Zeit. Sie kann nicht nach 80 Therapiestunden abgeschlossen sein. Hier fordere ich schon lange eine Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung. Leider entzieht sich bei dieser Problematik der Staat stellvertretend für die Gesellschaft immer mehr seiner Verantwortung. Gleichzeitig wird zu wenig in die Ausbildung von Traumtherapeuten investiert.

    Was die Geneforschung Bereich der PTBS angeht, meinen Sie wahrscheinlich die Erforschung der Funktion der Epigene. Sie kann hilfreich sein und Erkenntnisse bringen. Prof. Ulrike Schmidt vom MPI für Psychiatrie leistet hier viel. Ob der Weg zur Entwicklung eines Medikaments der sinnvolle Ansatz ist, bezweifle ich. Es wird die Pille zur Aktivierung resilienter Epigene wohl nicht geben.

    Forderungen an die Gemeinschaft müssen sinnvoll sein. Eine goldene Krankenkarte ist es nicht. Ich will als posttraumatisierter Patient nicht bevorzugt, sondern nur angemessen behandelt werden. Mein schreckliches Schicksal hat mich nicht privilegiert, sondern mich nur zum Freak, zum Ausgesonderten, gemacht. Es anzunehmen bleibt meine Aufgabe, die mich weiterführen kann. Genesung im Sinne von seelischer Wiederherstellung wird es bei mir nicht geben. Es ist nur ein Aus- und Einheilen der erlittenen Schäden möglich.

    Ein paar Rentenpunkte mehr würde ich akzeptieren, denn die Gesellschaft steht durch ihr Wegschauen und durch ihre Duldsamkeit gegenüber den Tätern wohl in meiner Schuld. Jedenfalls ist das „reformierte“ OEG eine Missachtung der Überlebenden. Diese Missachtung ist allerdings ein gesamtgesellschaftliches Problem, so die unverständliche Duldsamkeit gegenüber den Kirchen und anderen Institutionen. Sie hätten längst zu massiven Entschädigungsleistungen gesetzlich verpflichtet werden müssen.

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    • Ich sehe da einen gewisssen Widerspruch zu Ihrem Blogbeitrag:
      https://lotoskraft.wordpress.com/2020/01/02/ein-ueberlebender-geht-am-stock/

      Sie kämpfen ja um Anerkennung und Unterstützung. Das bei anderen als Wunsch nach „sozialer Hängematte“ und „pampern“ zu interpretieren, finde ich unfair.
      Ich schaffe es, finanziell für mich und meine Kinder zu sorgen und bin stolz darauf. Aber manchmal frage ich mich schon, was es langristig mit mir macht, wenn ich trotz z.B. der häufigen und intensiven Migränen oder trigger-bedingt gerade belasteter psychischer Situation – halt arbeite. Bin ich nun tapfer und eigenständig oder gehe ich fahrlässig mit meiner Gesundheit um?ich

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  2. Nun sind Steuerfreibeträge und Sitzplatzanspruch im ÖNV, die mit einem GdB plus Merkmal einhergehen, nicht mit einem Bürgergeld für Überlebende vergleichbar. Hier wird gar mehr als ein Bürgergeld gefordert: „Monatliche Zahlung von Geldern, die es ermöglichen auch ohne Arbeit gut leben zu können.“ – Das wäre in etwa die Durchschnittsrente. Weil von Mindestsicherung lässt sich nicht gut leben.

    Konkret würde ich eine OEG-Rente von 300 € für eine angemessene durchschnittliche Entschädigung halten. Damit wäre manches leichter. Rentenpunkte habe ich erwähnt, da viele Missbrauchsopfer eine schlechte Erwerbsbiografie haben und hier ein Ausgleich gewährt werden würde. Grundsätzlich wäre ich aber dafür, dass zuerst die Täter in Obligo genommen werden. Sie also aus ihrem Vermögen für die Leistungen aufkommen müssten. Dafür müsste auch ausreichend Schadensersatz bezahlt werden. 400.000 für jeden Missbrauchsfall wäre für mich eine Bezugsgröße. Institutionen wie Einzeltäter müssten das aufbringen.

    Mir gefallen alle Forderungen nicht, die sich an den Staat richten. Der Staat soll lediglich das Recht der Überlebenden durchsetzen und ein für sie angemessenes Recht setzen.

    Wir Überlebende gehen wohl mehr oder minder alle fahrlässig mit unserer Gesundheit um, und illusionieren uns das als tapfer und eigenständig. Es bleibt ein steter Kampf gegen die Verheerung die die Täter in uns hinterlassen haben.

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    • Wahrscheinlich ist es etwas peinlich, auf dem eigenen Blog das letzte Wort haben zu wollen, oder so zu scheinen; aber ich muss noch etwas loswerden:
      „Mir gefallen alle Forderungen nicht, die sich an den Staat richten.“
      Das mag sein, aber wer soll bitte eine Schadensersatzzahlung durchsetzen, wenn nicht der Staat?
      Was ist mit denen, die von Menschen sexualisiert misshandelt wurden, die das Geld nicht aufbringen können? Sie lehnen einen Rente ab. Wenn ich 400.000 € umrechne, komme ich auf 400 Monate Rente à 1000 €, ob ich so lange noch lebe? Und die Rente ist die deutlich realisitischere Option.
      Was einem gefällt – nun ja. Pragmatismus ist gefragt.

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  3. Ich erspare Ihnen die Peinlichkeit und respondiere: Um den Schadensersatz einzutreiben braucht es den Staat. Für seine Festlegung Gerichte, wobei die Exekutive hier einen Rahmen vorgeben müsste, damit die Judikative nicht beliebig urteilen kann.

    Ich bin für so wenig Staat wie möglich. Für Täter, die nicht bezahlen können, sollte der Staat eintreten, und das Inkasso für die Rückzahlung der Schuld übernehmen.

    Bei einem durchschnittlichen Lebenseinkommen von 2 Mio, wie es derzeit realistisch ist, sind 400.000 eine angemessene Forderung für den erlittenen Schaden eingeschränkter Leistungsfähigkeit für die Folgen des Kindesmissbrauchs. Würde die Summe im Politikbetrieb verhandelt werden, würde sie ohnehin abschmelzen.

    Ob sie verrentet, verbaut oder verplempert wird, sollte im Belieben der Leistungsempfänger bleiben.

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