talking about sexual trauma

Our civilizations are traumatized by sexual violence. A poison we should neutralize by talking


Ein Kommentar

„Aufklärung“ predigen und Vertuschung praktizieren

Man hatte wohl gehofft, der Redakteur werde mich nicht finden. Acht Jahre lang hatte die Diözese Rottenburg-Stuttgart es geschafft, vor der Öffentlichkeit zu verbergen, dass der Pfarrer der Gemeinde Unterboihingen (mindestens) ein Kommunionkind missbraucht hatte. Und noch acht Jahre später versuchte man einem den Fall neu recherchierenden Journalisten weiszumachen, man habe mir die „Anerkennungs-Zahlung“ quasi aus Mitleid zukommen lassen – weil man gemerkt habe, dass mir „etwas Schlimmes“ passiert sei. Das Auffinden von Kindernacktbildern im Nachlass des Pfarrers wurde einfach verschwiegen.

So geht es weiter mit Vertuschung; es werden Veranstaltungen zu Prävention gemacht, und gleichzeitig wird Aufklärung verhindert, Gläubige werden belogen, damit die Glaubwürdigkeit von Opfern weiterhin fragwürdig bleibt. In Ulm sitze ich mit zwei Mitgliedern einer Missbrauchs-Kommission auf dem Podium, die auf meinen Bericht, wie mich ihr Vorgehen 2005 traumatisierte, mit steinernen Gesichtern reagieren. Einer Zuhörerin, die das empörte, und die deswegen an die Kirchenleitung schrieb, antwortete man, man habe sich nicht entschuldigen mögen, weil das als Rechtfertigung ausgelegt worden wäre. In der Tat wäre eine Entschuldigung angesichts des gleichzeitigen weiteren Verbreitens von Lügen völlig unangebracht gewesen.

Dass ich überhaupt mit auf dem Podium einer Veranstaltung zum Thema „Aufarbeitung“ saß, habe ich der Hartnäckigkeit der Veranstalter (Studentengemeinde Ulm) und des Moderators zu verdanken. Meine Anwesenheit war nicht bei allen Diskussions-Teilnehmern erwünscht.

Ich bin sehr froh, dass das Erscheinen der MHG-Studie das Interesse der Öffentlichkeit neu geweckt hat. Ich bin auch froh zu erleben, dass viele Gläubige nicht einverstanden sind mit der Strategie der Kirchenleitung, das Ganze auszusitzen. Zum erste Mal in meinem Leben erlebe ich Katholiken, die etwas bewegen möchten, und auch bereit sind, sich zu engagieren. Die Hirten und die „Schäfchen“ – diese Wunschvorstellung vieler Kirchen-Hierarchen entspricht wohl nicht mehr der Realität.

Schmerzhaft war bei der Podiumsdiskussion die Kaltherzigkeit und Engstirnigkeit kirchlicher Juristerei erneut zu erleben. Es gibt Juristen, denen ihre Kenntnis der Gesetze und ihr Eifer, für ihren Arbeitgeber einzustehen, die moralische Orientierung ersetzt.

Das Gute: Menschen mit Rückgrat erlebt zu haben. Und weiteren Betroffenen begegnet zu sein. Wir sind überall. Wir vernetzen uns.

Übrigens wird hier – nach acht Jahren – zum ersten Mal berichtet, dass es erstens eine Anerkennungszahlung ab  – auf der Homepage der Gemeinde stand noch Jahre später etwas von unbewiesenen Beschuldigungen; auf meine Aufforderung hin, das zu korrigieren, wurde jeglicher Hinweis auf das Thema entfernt. Zweitens weiß nun auch die Gemeinde, dass es starke Hinweise auf pädophile Neigungen bei ihrem Pfarrer gibt. Jahre später.

https://www.ntz.de/nachrichten/region/artikel/er-sagte-ich-solle-keine-angst-haben/

 

 

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Offener Brief an Kirchengemeinden, die von sexuellem Missbrauch durch Priester oder Mitarbeiter betroffen sind

Die weltweit erste Untersuchung sexueller Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche durch eine staatliche Stelle hat Erschreckendes zutage gefördert: Es wurde missbraucht, verharmlost und vertuscht bis in die höchsten Ebenen.  Leider gibt es keinen Grund zu glauben, dass das in Deutschland anders aussähe. Entsprechend werden Whistle-Blower – und das sind Missbrauchs-Opfer, die von der Kirche Rechenschaft und Genugtuung verlangen – von den deutschen Kirchen behandelt. Von evangelischer wie katholischer Kirche.

Opfer sexueller Gewalt durch Kirchen-Angehörige sind auch in Deutschland Bittsteller, die abgewehrt und mit heimlichen Zahlungen abgespeist werden, damit die Geschehnisse anschließend wieder mit dem Mantel des Schweigens verhüllt werden können. Das muss ein Ende haben. Die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch durch Priester und kirchliche Mitarbeiter muss in eine neue Phase treten. Sie braucht die aktive und proaktive Mitarbeit der Gemeinden und aktuellen Priester, Diakone und engagierten Laien.

Die Berichte Betroffener zeigen überall opferfeindliche Muster. Das hat u.a. das öffentliche Hearing „Kirchen und ihre Verantwortung zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“ am 27. Juni 2018 gezeigt.* Nur Menschen mit starken Nerven, viel Energie und Unterstützung können sich auf diesen aufreibenden und harten Weg machen, von der Kirche Genugtuung zu fordern, wenn sie als Kinder von Mitarbeitern  der Kirche sexualisiert misshandelt wurden. Die meisten Menschen nehmen lieber Abstand, und das ist kirchlicherseits auch so gewollt.

Die bisherigen „Prozesse“, die die Kirche eher den Betroffenen als den Tätern gemacht, kann und muss man als kollektive Retraumatisierung der Opfer bezeichnen: Unbeantwortete Briefe, „Verhöre“, bei denen z.T. Staatsanwälte im Ruhestand eingesetzt werden, Juristen in den kirchlichen Missbrauchs-Kommissionen (deren Mitglieder meist mit dem Thema sexuelle Gewalt nicht vertraut sind), Weitergabe von Daten an Täter. Und dann – nur, wenn Verschleppung und Abwehr nicht funktionierten – eine heimliche „Anerkennungszahlung“ lächerlichen Ausmaßes. Eine sekundäre Viktimisierung der Opfer ist so fast vorprogrammiert.

Schöne Worte, „Scham und Trauer“ oder päpstliche Briefe helfen nicht. Es braucht:

  • Eine zentrale Dokumentation der Missbrauchsfälle, öffentlich zugänglich.
  • Unabhängige Missbrauchs-Kommissionen, die nach Standards arbeiten
  • Die Suche nach weiteren Opfern, wenn sich eine Gemeinde als betroffen erweist
  • Konkrete Angebote der Unterstützung (statt Diskreditierung und Diskriminierung!) an diese – alles andere ist unterlassene Hilfeleistung!
  • Angemessene Entschädigungen
  • Den ehrlichen Willen zu Aufklärung der Taten und Unterstützung der Betroffenen

Dazu müssen zuerst die bisher anerkannten Opfer erneut gehört werden, und zwar mit Unterstützung unabhängiger Mediatoren/innen. Die Fälle gehören auf die Homepage der Gemeinden, mit Angabe einer UNABHÄNGIGEN Stelle, an die sich weitere Opfer wenden können, und Hilfsangeboten. Die Gemeinde-Mitglieder brauchen Hilfe in Form von Seelsorge und Unterstützung von außen, um die Tatsache zu verarbeiten, dass ihre Spiritualität von einem Kindes-Missbraucher ebenfalls missbraucht wurde.  Sie können sonst die Geschehnisse nicht wahrhaben und müssen Opfer weiter ausgrenzen.

Wir fordern Taten statt Worte. Endlich.

Informationen zum Hearing: https://www.aufarbeitungskommission.de/meldung-27-06-2018-kirchen-und-ihre-verantwortung-zur-aufarbeitung-sexuellen-kindesmissbrauchs/

Der vollständige Bericht der Grand Jury aus Pennsylvania ist hier zu finden: https://content-static.ydr.com/documents/pa-grand-jury-clergy.pdf

Rückfragen und Rückmeldungen an:   nicht-die-einzige@web.de

 

Unterschrieben von:

 

Kerstin Claus, Mitglied im Betroffenenrat

Tina Dewes, Betroffenenbeirat ergänzendes Hilfesystem EHS/FSM und Hannah Stiftung

Christian Fischer, Initiative Ehemaliger Johanneum Homburg

Bernd Held, Initiative Ehemaliger Johanneum Homburg

Matthias Katsch, ECKIGER TISCH e.V.

Prof. Heiner Keupp, Mitglied der Unabhängigen Aufarbeitungskommission

Anselm Kohn, Initiative Missbrauch in Ahrensburg

Matthias Mala, Schriftsteller

Astrid Mayer, Betroffene Gemeinde Unterboihingen im Bistum Rottenburg-Stuttgart

Hans-Martin Münch

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, Opfer von sexualisierter Misshandlung im familiären Umfeld, ehrenamtliche Mitarbeit beim Fonds Sexueller Missbrauch

Winfried Ponsens, Mitglied im Betroffenenbeirat des EHS, Geschäftsführer MoJoRed (Missbrauchsopfer Collegium Josephinum Bonn und Redemptoristen e. V. )

Alexander Probst, Betroffener „Domspatzen“

Hermann Schell, „Schafsbriefe“

Heiko Schnitzler ECKIGER TISCH BONN e.V.

Thomas Schnitzler, Betroffener Bistum Trier

Gottfried Schoedl, Domspatzen / Etterzhausen

Henning Stein, Betroffenenbeirat ergänzendes Hilfesystem EHS/FSM

Jürgen Sterk, Betroffener Bistum Freiburg

Sylvia Witte, Betroffene Redemptoristen, 1. Vorsitzende MoJoRed e.V. und Mitglied im Betroffenenbeirat EHS/FSM

Detlev Zander, Betroffener und Sprecher von „Missbrauch in der Brüdergemeinde Korntal“

 

Brief wurde am 3. September an Presse und versch. kirchliche Stellen verschickt.


Ein Kommentar

Studie die Zweite: Gewaltbetroffene in jeder Schulklasse

Knapp 60 Prozent der Jugendlichen haben in den drei Jahren vor einer Umfrage des deutschen Jugend-Instituts sexuelle Gewalt erlebt. Drei Prozent der Jungen und fünf Prozent der Mädchen zu sexuellen Handlungen gezwungen. Jungen reden überwiegend gar nicht über sexuelle Übergriffe, die sie erlitten, Mädchen zu einem Drittel auch nicht. Der Familie vertrauen sich die Wenigsten an: Wenn, dann wird mit gleichaltrigen Freundinnen oder Freunden darüber gesprochen.

4300 Jugendliche wurden befragt, die sich 90 Minuten Zeit nahmen, den Fragebogen auszufüllen. Was das Ergebnis über die Atmosphäre und Kultur aussagt, was Sexualität angeht, ist niederschmetternd: Sexuelle Gewalt und Übergriffigkeit gehört zum Alltagsleben und zur sexuellen Kultur. Fast die Hälfte der Mädchen müssen Witze über ihren Körper über sich ergehen lassen, bei den Jungen sind es mehr als ein Drittel. Über Mädchen werden Gerüchte verbreitet. Porno-Konsum ist, vor allem unter Jungen, weit verbreitet, zehn Prozent der Mädchen wurden sexuell belästigt, und drei Prozent der Jungen.  Weiterlesen