talking about sexual trauma

Our civilizations are traumatized by sexual violence. A poison we should neutralize by talking

Tehanu, Leben statt. . .

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. . . überleben. Alles drin. Wer das gelesen (und verstanden) hat, kann nicht mehr viel falsch machen. Tehanu ist der Roman der Science-Ficition-Autorin Ursula K. LeGuin, in dem sie das Thema „sexuelle Gewalt, Ursachen und Wirkungen“ am explizitesten thematisiert.

Und dennoch eine schöne, eine tröstliche Geschichte. Gerade weil sie in einer geographisch wie zeitlich fernen Welt spielt – es ist im weitesten Sinne ein Fantasy-Roman – ist es sehr erhellend, wie sie die Entstehung von Gewalt und den Umgang mit Opfern beschreibt.

„Warum tun wir, was wir tun?“ ist eine Frage, die im Roman zweimal auftaucht – und sie meint einmal das Schreckliche, was Menschen tun, und einmal das Festhalten am stetigen Handeln für ein menschenwürdiges Leben. Auch wenn es manchmal aussichtslos scheint oder wie das Pflegen einer winzigen Insel in einem Meer aus Chaos und Elend.

Eine Frau findet ein halbtotes, kleines Mädchen, schwerst – auch sexuell – misshandelt. Sie zieht es aus dem Feuer, in dem es bewußtlos liegt und die Hälfte seines Gesichts und eine Hand verliert. Sie nimmt es zu sich: „Ihr sollt sie nicht haben“, sagt sie, und meint die Mächte der Dunkelheit deren Priesterin sie als Kind und Jugendliche sein musste, Priesterin eines obskuren Kultes in Le Guins Fantasy-Welt.

Mit unendlicher Geduld und Einfühlsamkeit versucht die Frau – Tenar – das Vertrauen des Mädchens zu gewinnen und sie ins Leben zurück zu holen.

Natürlich kommen der misshandelnde Vater und seine Freunde wieder und möchten das Mädchen zurück haben. Und bestrafen. Ein Jugendamt gibt es in Le Guins Welt nicht, und das ist durchaus klärend. Das hilft nämlich bekanntermaßen in solchen Fällen sehr selten, und da ist es besser, man schaut sich mal an, was ohne regelnde Autoritäten passiert.

Das sei hier nicht verraten (das Buch gibt es leider, glaube ich, nicht ins Deutsche übersetzt). Manchmal sind die Theorien von Le Guin zu den Gründen für die Ausübung sexueller Gewalt ein wenig durchsichtig an feministische Theorien angelehnt (die ja auch viel für sich haben). Aber weil sie eine Erzählerin und Dichterin ist, geht sie viel weiter als irgendwelche Theorien, und da wird es interessant.

Um den Todes-Kult und seine Destruktivität geht es bereits im zweiten Band der „Earthsea“-Tetralogie (also vierbändige Abfolge lose miteinander verknüpfter Romane). Ein Mädchen, zur Priesterin der dunklen Macht, der „Namenlosen“ erkoren, lernt zu hassen und zu töten, sich in eine erbarmungslose autoritäre Struktur innerlich wie äußerlich einzufügen und zu ihrem Instrument zu werden. Sie wird gerettet. Und taucht im vierten Band als Tenar wieder auf.

Ich mag das an Le Guins Erzählungen und Romanen: Die finsteren, destruktiven Seiten des Menschen kommen vor, sie haben viel Macht, zerstören auch Menschen. Aber diejenigen, die das Leben und einige Menschen zu lieben wagen, machen immer irgendwie weiter. Dass es auch ganz anders sein kann, weiß ich (zu gut). Deswegen möchte ich lieber darüber lesen, wie es trotzdem weitergehen kann.

Im vierten Band, „Tehanu“, ist es diese Gerettete, die wiederum rettet. Oder zumindest damit anfängt, und dann übernehmen andere, und auch so merkwürdige Gestalten wie Drachen. Ich hab’s wirklich nicht mit Drachen, aber bei Le Guin lasse ich sie mir gefallen. Was denn nun werden soll mit all den durch Gewalt Schwerbeschädigten (hier und heute, bei und unter uns) weiß ich nach der Lektüre immer noch nicht. Sie können natürlich nicht alle die Ursprache lernen und Zauberer werden. Vielleicht ist es ja, was Le Guin gemacht hat, irgendwie.

Sie hat übrigens sehr genau beobachtet, wie Opfer wahrgenommen und alleine durch die Wahrnehmung diskriminiert werden. Der Sohn der „Retterin“ bringt es auf den Punkt: „Was hat sie getan, um so auszusehen?“, fragt er, weil das Mädchen wegen der verbrannten Gesichtshälfte so furchtbar aussieht. Auch in Le Guins Welt werden die Opfer gerne als die Schuldigen gesehen. Und man fürchtet sie. Als sei Unglück ansteckend.

Was mir klar macht, dass ich dieses Ausstoßen der Opfer als eine anthropologische Konstante ansehe. Dem Menschen biologisch angeboren, und nie wirklich abtrainiert. Vielleicht ist das ja ganz und gar ungerecht. Aber es scheint sich durch die Zeiten und die Gesellschaften durchzuziehen.

Übrigens habe ich kurz nachgeschaut, wie der Roman rezipiert wurde. Von sexueller Gewalt ist sehr, sehr selten die Rede. Im Wikipedia-Artikel zum Roman kommen die beiden Begriffe nicht einmal vor.

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