talking about sexual trauma

Our civilizations are traumatized by sexual violence. A poison we should neutralize by talking


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„Mit 50 fängt man gerade erst an, den Kopf zu heben“ – Interview mit der Autorin Anne Lorient

Wenn ich Anne in Paris sehe und wir uns länger unterhalten, fragen wir uns immer wieder, warum wir überlebten, einiges hinbekommen haben im Leben, und andere nicht. Wir haben noch nie eine Antwort gefunden, aber ich denke immer, wenn Anne es geschafft hat, bei dem, was sie durchgemacht hat, ist fast alles möglich. Also höchste Zeit, meinen Teil dazu beizutragen, sie und ihr Buch ein bisschen bekannter zu machen. In Frankreich ist es immerhin Schullektüre!

Ich suchte Zuflucht im Nirgendwo“ – lautet der Titel Deines Buchs. Klingt nicht nach einer erfolgversprechenden Strategie.

Strategie? Wer auf der Straße landet, ist nicht mehr in der Lage, in Strategien zu denken. Die Not hat das Denken ausgeschaltet. Nicht finanzielle Not, sondern psychische Ausnahmezustände. Ich bin mit 18 vor meinem Bruder geflüchtet, und einer Familie und Umgebung, die mich und meine Schwester ihm auslieferte. Meine Tante, bei der ich unterkommen wollte, hat mich nicht aufgenommen, und gleich in der ersten Nacht, die ich auf der Straße verbrachte, wurde ich vergewaltigt. Wieder, auch hier; es schien kein Entrinnen zu geben. Danach konnte ich lange nicht sprechen. Meine Stimmer versagte mir den Dienst. Wie hätte ich da Arbeit, Hilfe, eine Wohnung suchen sollen?

Die meisten Leute verstehen nicht, wieso Menschen auf der Straße landen. Schließlich leben wir in einem Sozialstaat, denken sie, also haben die Obdachlosen es wohl nicht anders gewollt.

Das ist sehr bequem, und falsch. Niemand lebt freiwillig auf der Straße. Das Leben dort ist gefährlich, man wird bestohlen, vergewaltigt. Ich weiß nicht, wie oft ich vergewaltigt wurde. Niemand will das. Aber ich war erst stumm, und dann so verängstigt, dass ich niemandem mehr getraut habe. Ich hatte dann einen Partner, und ein Kind, und ich hatte Angst, dass die Behörden uns unser Kind wegnehmen könnten, wenn ich mich an sie wende.

Aber viele Jahre später hast Du dieses Buch geschrieben. Es ist in Frankreich sogar Schullektüre geworden.

11 Jahre waren zwischen dem Ende der Obdachlosigkeit und dem Erscheinen des Buchs. Da ist viel Wasser die Seine runtergeflossen! Aus dem ursprünglichen Manuskript wurde so vieles gestrichen. „Zu hart, zu roh“, fand der Verlag. Die Wahrheit ist nicht verkäuflich. Aber ja, viele Leser*innen finden es so schon schwer zu lesen.

Als ich damals als Jugendliche in der Schule erzählte, dass mein großer Bruder mich missbraucht, wollte niemand was davon hören. Das darf einfach nicht mehr sein. Deswegen gehe ich, die sich nie auf einen Elternabend getraut hat, in Schulen und spreche über sexuellen Missbrauch. Wenn es gerade wieder schwierig ist für mich, kann ich mir sagen, dass ich nicht umsonst Missbrauch, Gewalt und Obdachlosigkeit überlebt habe.

Hat die Veröffentlichung des Buchs Dein Leben verändert?

In mehrerer Hinsicht. Einmal war es ein wichtiger Prozess, die Worte zu finden für das, was mit mir geschehen ist. Es war eine Art Therapie.

Dann hat es zu Begegnungen mit anderen Betroffenen geführt, und schließlich auch mit Politikerinnen, die etwas ändern wollen. Ich dachte ja lange, ich sei die einzige, der so etwas zugestoßen ist! Es war einerseits traurig, natürlich, aber auch sehr befreiend zu erkennen, wie gewöhnlich mein Schicksal ist. Und ich habe wirklich den Eindruck, dass sich etwas verändert. Inzwischen haben auch Prominente wie Vanessa Springora oder Camille Kouschner das Thema angepackt und ausgepackt. Es ist nicht mehr möglich, das Ausmaß der Gewalt zu verdecken, der Kinder ausgeliefert waren und sind.

Fällt es Dir schwer, an der Öffentlichkeit zu sein?

Mal so, mal so. Gerade habe ich eine Anfrage abgelehnt, auf einem Kongress zum Thema „Inzest“ zu sprechen, obwohl da einige Menschen sein werden, die ich auch gerne treffen würde. Aber gerade ist es mir zuviel. Ich möchte in diesem Rahmen, wo hauptsächlich Wissenschaftler*innen sind, kein Zeugnis ablegen. Ich fühle mich verletzlich; vielleicht liegt es auch an der langen Pause, die durch Corona entstanden ist. Aber grundsätzlich ist mir die Vernetzung sehr wichtig. Nur mit vereinten Kräften können wir etwas bewirken.

Du bewirkst etwas, berührst Menschen. Eine Poetin hat sogar ein Gedicht über Dich geschrieben.

Bloß gut, dass sie es auf der Veranstaltung vorgelesen hat, als ich gerade backstage war! Ich hätte womöglich geheult.

Ich habe diese offene Seite, es sieht so aus, als können ich gut mit Menschen.

Andererseits trage ich immer noch das Dunkel, die Wildnis in mir. Es gibt Tage, da drängt es mich wieder dorthin. Dann isoliere ich mich, wandere ziellos herum, versinke wieder in Wortlosigkeit. Es ist eine seltsame Sucht, die mich gelegentlich heimsucht, nicht ungefährlich. Meine Schwester findet nicht mehr aus ihr zurück. Verloren. Mich halten zwei Menschen, denen ich versprochen habe, zurück zu kommen. Die nach mir schauen, wenn ich zu verschwinden versuche.

Vor Kurzem hast Du einen Preis für den Verein gewonnen, den Du gegründet hast. Er unterstützt Familien, die auf der Straße leben.

Darauf bin ich auch stolz, damit können wir ganz konkret Hilfe leisten. Aber es gibt eben auch die Momente, wo ich sehe: Ich kann diesem Kind nicht helfen, vom missbrauchenden Vater loszukommen. Oder die Brigade für familiäre Unterstützung in einem schwierigen Viertel wurde einfach dicht gemacht, entgegen aller Versprechen, man wolle kein Kind alleine lassen. Deswegen ist es mir wichtig, mit Politikerinnen zusammen zu arbeiten.

Was wünschst Du Dir noch?

Von meinen Geschwistern ist mein Bruder, der Täter, derjenige, dem es am besten geht – er hat Familie, ein gutes Auskommen. Er hat sich in seiner Machtposition eingerichtet, als er gemerkt hat, dass niemand sich um mich und meine Schwester schert. Er hat uns dann auch an seine Kumpels verkauft. Und er ist bis heute unantastbar. Das einzige, was ich tun kann, ist mit dafür sorgen, dass es Kindern heute nicht mehr so geht wie mir, als ich z.B. in der Schule bei Lehrer*innen Hilfe suchte. Es sieht so aus, als hätten viele Menschen mehr Angst vor uns Opfern als vor den Tätern. Das sollte sich dringend ändern.

Fragst Du Dich auch manchmal, was aus Dir geworden wäre, wenn Du nicht so sehr mit Überleben beschäftigt gewesen wärst?

Sicher, auch wenn es ziemlich sinnlos ist. Welche Berge hätten wir versetzen können? So aber fängt man mit 50 gerade mal an, den Kopf zu heben.

Anne Lorient, Ich suchte Zuflucht im Nirgendwo

PS: Entschuldigt die Werbung; ich kann sie nicht beeinflussen und verdiene daran auch nichts.


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Zu den Verletzlichen gehören dürfen

Ich bin empfänglich für den Charme der Serien, die in eine längst vergangene britische High Society einen vermeintlich ruhigen Gang der Dinge, eine Genauigkeit der menschlichen Beziehungen und Kommunikation projizieren, in viel Grün und sanftes Licht getaucht. Coming of Age junger Frauen unter privilegierten Bedingungen, wie sie die wenigsten von uns hatten; Gewalterfahrung gehört strikt nicht zu den Erzählungen. Eine Welt, in der ich die Sehnsucht danach erleben kann, es möge anders gewesen sein, und Träume darüber, wie es gewesen sein könnte.

Verletzlich sein dürfen.

Welch ein Luxus. Mit großen Augen und leisem Neid den Erzählungen von Menschen lauschen, für die Verrat keine Grunderfahrung ist. Das weite Feld von Schmerz, Angst, Wut, die nachvollziehbar, formulierbar und ineinander überführbar und auch wieder aufzulösen sind. Wo die Kommunikation bestehen bleibt und Versöhnung möglich ist. Dieses weite Feld, das bei uns erodiert, karg und kahl ist, zumindest unterm Gras, das mittlerweile wieder darüber gewachsen sein mag. Selbstverständlich haben wir das alles mittlerweile trainiert: Gefühle erkennen, annehmen, einordnen und so kommunizieren, dass es die Beziehung nicht strapaziert, sondern lebendig hält.

In Beziehung bleiben. Auch wenn die Gefühle Schmerz, Zorn, Angst da sein mögen – vertrauen, dass das weder uns selbst noch die Beziehung zum oder zur anderen schädigt. Oder vielmehr: So tun, so handeln und kommunizieren, als würden wir darauf vertrauen.

Das ist natürlich auch Selbstverrat: Wie und warum sollten wir darauf vertrauen? Unsere Erfahrungen sind ja andere. Wir mussten vor Schmerz aus der Haut fahren und unseren Körper verlassen, für Wut wurden wir mit Ausschluss bestraft, Angst und Terror mussten wir irgendwo einsperren, tief, um weiterleben zu können.

Wir sind nicht geistesgegenwärtig, gelassen bei uns selbst, wenn wir in Konflikten sind. Unserer Erfahrung nach können wir nicht auf Nachsicht, Verständnis, Mitmenschlichkeit hoffen. Und schon gar nicht darauf, dass uns jemand in unserer Not sieht. Wir sind vor den Hunden gegangen.

Sexuelle Gewalt ist mir in diesen Serien nicht begegnet. Das ist mir ja auch recht. Ich schaue sie mir an und fühle mich wie eine Außerirdische. Oder eine Jurtenbewohnerin, die eine Kathedrale betritt, zuverlässiges, gepflegtes Gemäuer, einschüchternd.

Die idealisierte britische High Society (hier: Downtown Abbey) wird mit Traumata immerhin im Zusammenhag mit dem Krieg konfrontiert: „Shellshock“. Eine der Hauptpersonen sagt etwas, das sich viele Überlebende leider immer wieder denken: Wir Schwerverletzten und Verstümmelten, leider haben wir keine Kugel abbekommen, die uns sauber aus dem Leben befördert hat. Wir müssen weiterleben, so schwer es sein mag. Und der Vorgesetzte dieses einen Bombenangriff Überlebenden sagt das genau so: Ihre Gebete wurden nicht erhört, sie möchten wenn denn getroffen werden, dann so, dass sie nicht überleben. Bei einem anständigen, unterhaltsamen Krimi, sind die Opfer schließlich auch tot.

Die Dienstboten der Serie legen überwiegend weniger dieses brutalen Pragmatismus an den Tag. Selbst machtlos, dürfen sie Mitgefühl haben; selbst getroffen sein durch tote, traumatisierte Angehörige. „Du bist nicht der einzige Verletzte, der hier herumläuft“, weist seine Vorgesetzte einen der Kriegsrückkehrer zurecht. Aber er, der einzige als Person präsente Überlebende, wird später mit zwei Monaten Lohnfortzahlung entlassen. Wenn es ihm besser gehen, er wieder Arbeit suchen können sollte, darf er auf ein gutes Zeugnis hoffen, trotz allem.

In der Zwischenzeit gibt es einmal in der Woche eine Suppenküche.

Zerstörung, Angst, Horror brechen zwar durch den Krieg auch in die Upper Class ein, aber nur gedämpft. Das Schloss nimmt eine Art Reha-Klinik für Offziere auf – es kommen also zum Einen die Privilegierten und zum anderen die schon einigermaßen wieder Zusammengeflickten. Den erwachsenen Töchtern der Familie, die sich erklärtermaßen etwas langweilen, gereicht das zur ersehnten Emanzipation. Die Traktor fahrende der höheren Töchter mutiert leider bald zur Rollenerwartungen erfüllenden Krankenschwester.

Jedenfalls stört das keineswegs das zelebrierte Gefühl von füreinander da sein und das Akzeptieren menschlicher Schwächen allenthalben. Die Härten der Hierarchien bleiben weichgezeichnet; keine Spur der schonungslosen Innensicht des Kazuo Ishiguro auf die seelischen Verformungen durch Unterwerfung bei einem englischen Butler („was vom Tage übrig blieb“). Der Patriarch ist integer und mitfühlend, durch Argumente zu überzeugen, kein Unmensch, der andere unterdrückt, um seine privilegierte Stellung zu erhalten. Es gibt ein paar renitente Dienstboten, aber derjenige, der Marx liest, ist ein politisch nicht organisierter Hitzkopf, der von den Kolleginnen schnell unschädlich gemacht wird.

Gegen tröstliche Märchen ist nichts einzuwenden.

Es ist aber auch nicht so, dass sie helfen, mich weniger fremd zu fühlen.

Nicht schön ist auch die Mischung aus Neid und Verachtung für die kleinen Sorgen, die in mir aufsteigt. Für die Aufs und Abs, das Alles in Allem Aufgehobensein in einer familiären und gesellschaftlichen Struktur. Und die Scham über das Fremdsein und den Neid und die Verachtung. Am Ende fliegt er ja auch raus, der Traumatisierte mit seinen Alpträumen und seinem nächtlichen Geschrei.

Bei allem Verständnis.


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An den Ettaler Abt Barnabas, der für die in den Kellern seiner Abtei Gefoltereten außer einem „Heilgespräch“ nichts übrig hat

Schön, dass wieder ein Mythos aufgeklärt wurde: Die „vorbildliche“ Aufarbeitung von Missbrauch im Kloster Ettal. Irgendwie wurden die Kellergeschosse wohl ausgespart? Wir wissen es nicht, denn der Bericht wurde nie veröffentlicht. Was allein daran vorbildlich sein soll, erschließt sich mir nicht. Vielleicht ist vorbildlicher, dass die Opfer selbst sich als „zufrieden“ erklären, zumindest die, die sich öffentlich äußern. Man munkelt, der Berichterstatter und der Auftraggeber seien mittlerweile befreundet und hätten so manchen Urlaub miteinander verbracht; s. hier:

@spiegelstelle „Prof. Heiner Keupp berichtete 2019 auf einer Tagung in Berlin, er habe sich mit Barnabas Bögle befreundet. Die Benediktinerabtei #Ettal kann man nicht losgelöst von #Münsterschwarzach und #MariaLaach betrachten. Es handelt sich um ein Netzwerk von Ordensleuten und Laien.“

Aber gut: Honni soit qui mal y pense.

Wir wissen jetzt wie auch immer, dass da was Wichtiges fehlte, das Schlimmste und Verwerflichste (zufällig?), also muss man wohl von vorne anfangen. Gehen wir davon aus, dass es fehlte, weil es nicht vorstellbar war. Wie auch immer; Abt Barnabas ist Opfern und Öffentlichkeit etwas schuldig. Bisher scheint er es schuldig bleiben zu wollen; er wird, wie Kardinal Marx es ausdrückt, für die Kirche überhaupt, Hilfe von außen brauchen, denn: Er kann es nicht.

Die verschacherten und gefolterten Heimkinder haben Menschen, die sie unterstützen; denn das brauchen wir Missbrauchs-Überlebenden, wenn wir uns mit der Täter-Institution auseinander setzen; deswegen vernetzen wir uns auch. Die Gefahr der Retraumatisierung ist so groß. Einer dieser Unterstützer hat Abt Barnabas folgenden Brief geschrieben, den ich hier dokumentiere.

Sehr geehrter Abt Barnabas, Sie haben auf mein unten platziertes Mail vom 26. Juli des Jahres nicht reagiert. Auch auf weitere Aufforderungen zu antworten sind Sie nicht eingegangen. Unsere Recherchegruppe, bestehend aus Jörg Jagers und mir, hatte Ihnen außerdem das Angebot gemacht, die von uns erarbeiteten und recherchierten Materialien zu den Missbräuchen an Heimkindern, die in den Klosterkellern geschahen,  vorzulegen. Auch darauf erfolgte keine Reaktion. Damit haben Sie entschieden, dass dieses Mail nun seinen Weg in die Öffentlichkeit nimmt.

Mit freundlichen Grüßen
Vladimir Kadavy 


Sehr geehrter Abt Barnabas,

am Montag, nach dem Erscheinen des Buch-2-Beitrages in der SZ vom 30.1.2021 suchten Sie über Jörg Jaegers Kontakt zu unserer Gruppe. Zustande kam am Dienstag Nachmittag, dem 2. Februar,  ein kurzes  Telefonat von fünf Minuten, Ihre Worte dabei sind in etwa so zu resümieren:

Wenn die Betroffenen sich vorstellen könnten, dass von einem Gespräch mit Ihnen eine für sie  heilende Wirkung ausgeht, dann seien Sie zu diesem Gespräch bereit.

Sie machen die Wirkung dessen, was Sie „Heilung“ nennen, vom guten Willen und der Bereitschaft der zu Heilenden abhängig.  Die in Ettals Kellern Missbrauchten und Gefolterten bedürfen der Heilung, die Sie anbieten. Ein großartiger, von Demut zeugender Gedanke: Der gute Wille der Opfer und der Glaube an Ihre heilenden Worte führen zum happy ending. Ich war zunächst baff und ließ mir von Herrn Jaegers  nochmals den Wortlaut bestätigen.

Weitere Punkte, die Herr Jaegers noch ansprechen wollte, waren nicht zu besprechen.
Sie haben  Ihre Botschaft  verkündet und beendeten das Gespräch. Ein weiter führender Dialog und Meinungstausch lag wohl nicht in Ihrer Absicht.

Sie sind sich offenbar nicht darüber im Klaren, wie Ihr Heilungsangebot bei bei den drei Missbrauchten angekommen ist. Warum in einem Klosterkeller gefolterte und getriggerte Menschen  Energie und den Willen und Bereitschaft mobilisieren sollen, sich der heilenden  Wirkung Ihrer Worte zu überlassen, bleibt Ihr Geheimnis. Ich gratuliere Ihnen zu dem starken Glauben an die Kraft Ihrer Worte. Die  Empörung, die sie angesichts eines solchen Angebots verspürten, können Sie wohl nicht nachvollziehen. Es sei denn, es war anders und Sie wollten nur provozieren.

Zumindest stellt sich noch eine grundsätzliche, tiefgründigere Frage: Kann man Menschen, die an Selbstüberhöhung und/oder  Hybris der Demut leiden, ebenfalls einer heilenden Wirkung zuführen? Verwirrt die frische  Bergluft die Wahrnehmung oder führt sie in lichte Höhen, denen andere nicht folgen wollen? Anders gefragt: Brauchen Sie nicht selber Beistand?

Seit Februar sind Sie auf Tauchstation, von Ihnen keine Impulse. Der Verdacht  verstärkt sich:  Sie reagieren nicht, Sie wollen es aussitzen. Stattdessen verbreiten Sie, verführt von Ihrem  Wahrnehmungsbedürfnis,  erstaunliche Ansichten über die Interessen unserer Gruppe, darunter die Behauptung, es gehe uns nur um den schnöden Mammon.

Mit dieser Behauptung haben Sie nur ins Blaue gezielt, aber nicht ins Schwarze getroffen. Die  Rolle des Geldes in dieser causa  einzuschätzen überlassen Sie uns, gegen Ihre öffentlichen  Spekulationen dazu verwahren wir uns.

Sie ermessen nicht die Überlebensinteressen  einiger, die fünf Jahre oder länger andauernde  sexuelle und physische Exzesse des benediktinischen Personals und anderer Täter wie durch ein Wunder überlebt haben. Wir reden von den drei uns bekannten Überlebenden, deren Schicksal wir dokumentiert haben. Von den anderen, die außerdem noch in den Ettaler  Klosterverliesen gefangen, sexuell und physisch missbraucht wurden und inzwischen verstorben sind, ganz zu schweigen.  Oder denen, die noch so traumatisiert sind und neben sich stehen (man nennt es: dissoziiert sind) und sich nicht melden werden. Mit entsprechender Abrichtung und Zuarbeitung des Paritätischen Heimpersonals und transportierender Nonnen haben sich Mönche Ihres Klosters in den Sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in schändlicher Weise an diesen drei und noch anderen vergangen. Ein Gemeinschaftswerk, eine  Kooperation zwischen weltlicher und kirchlicher Institution zur Vermehrung von Geld und Lust. Immer wenn die Kloster-Zöglinge nicht verfügbar waren, wurden Heimkinder herbeigeschafft, übrigens nicht nur während der Ferien. Gerne auch zu hohen christlichen Feiertagen.

Stattdessen wollen Sie  die Überlebenden mit Ihrem Segen erquicken und, ganz entscheidend, bevor Gespräche stattfinden, wollen Sie vorab mit ihnen ein Friedensfest feiern: Heile heile Segen. Wie im Kinderreim. Lasset uns von Eurer Versöhnung mit Uns sprechen, bevor wir Euch Teilhabe an Unserer Verantwortung und  Schuld gewähren. Denn unser Eingeständnis an Schuld und Verantwortung ist Gnade. Seid dankbar. Ist Ihnen nicht bewusst, dass es ankommt wie ein christlicher Reflex zur Vermeidung von größeren Ausgaben?

Sind die Opfer eingestimmt worden, verstärkt dies den Segen und schont die Kassen. So die benediktinische Kalkulation: Kinder schänden, Zeit schinden, Kassen schonen – geht nur mit Versöhnungskonzil.

Weiteres zu Ihrem Verdacht, es gehe ums Geld. Die Sache mit dem  Mammon bedarf weiter gehender Klärung.

Dabei und zunächst spielt das Wieviel durchaus eine Rolle. Diesmal geht es nicht um die Söhne der bayerischen Eliten, deren spätere Biografien von den mönchischen Abartigkeiten zur Genüge determiniert waren, Sie kennen ja die IPP-Studie und das der Studie vorausgegangene Buch der beiden SZ-Autoren Stadler und Obermeyer  („Bruder, was hast du getan?“). Die Exettaler, missbraucht und gedemütigt und gezeichnet für den Rest ihres Lebens, aber ganz anders aufgefangen und eingebettet, sind meist  gestützt durch Abstammung, Wohlstand und Privilegien ihrer Familien. Davon kann im Falle der Heimkinder aus Feldafing keine Rede sein. Die treiben alleine durchs All und konnten durch Jaegers und mich zumindest ihre Sprachlosigkeit überwinden.

Die  finanzielle Leistung des Klosters an seine ehemaligen Internatszöglinge hat meinem Empfinden nach bestenfalls symbolischen Charakter. Die gezahlten Beträge (je 7000,— €? Oder auch weniger?) drücken diesen Symbolismus adäquat aus.

Dass das Kloster diesmal  in einer anderen Verantwortung steckt, die zumindest finanziell  über den oben geschilderten Symbolgehalt  hinaus reicht, ließe sich ohne Mediatoren  vermitteln. Dass unbeschadet der Höhe des geleisteten Betrages eine Versöhnungserwartung aber  nicht bedient werden  kann: Diese  Kröte müssen Sie schlucken. Auch wenn Sie persönlich keine Schuld haben, als Abt tragen Sie Verantwortung. Das Kloster soll zahlen, basta. Keine Zahlungsbedingungen. Keine Umarmungen vor Kameras. Keine Instrumentalisierung der Interessen der Täterorganisation durch die Medien. Punkt. Es gibt vergebungslose Taten. Trost möge man sich bei Gott holen, nicht bei den Opfern. Das ist stillos.

Ich erwarte von Ihnen eine zeitnahe Antwort.

Mit freundlichen Grüßen

Vladimir Kadavy

PS: Für die Werbung unter dem Artikel bitte ich um Entschuldigung – ich kann sie nicht abstellen und verdiene auch nichts an ihr.


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„Wir alle müssen im Alltag hinschauen, zuhören und nachfragen“

Dixit unser Bundespräsident Walter Steinmeier, bei einem Treffen mit Vertretern des „Nationalen Rates gegen sexuelleGewalt an Kindern und Jugendlichen“ in Berlin.

https://www.sueddeutsche.de/politik/kinderpornografie-sexuelle-gewalt-kindsmissbrauch-frank-walter-steinmeier-bundespraesident-digitale-medien-kinder-1.5338406

Sein Wort in unser aller Ohren. Ich bin froh, dass auch er das gesagt hat; wir Betroffenen sagen das schon länger.

Wir sagen es nicht nur, wir probieren es aus, Menschen so weit zu bringen. Ich seit so etwa 15 Jahren. Ein Spaß ist das ja nicht. Eines kann ich sagen: Mit Aufrufen ist es nicht getan. Aber sie sind ein Anfang, kein Zweifel.

Am Tag von Steinmeiers Rede stoße ich auf Twitter auf diesen Tweet, in dem eine Betroffene formuliert, wie ihre Gesprächspartner*innen von ihr verlangen, sie möge ihre Sichtweise auf die erlebte Sexuelle Gewalt ändern.

https://mobile.twitter.com/drcalmwarrior/status/1410157217664454656
Und wenn nicht unsere Sichtweise, dann wenigstens unsere Erzählungen.

Diese Einwürfe reichen von „Das war bestimmt alles nur ein Missverständnis“ über „so schlimm war es nun auch wieder nicht“ zu „sich so viel damit zu befassen, tut nicht gut“.

Wenn ich so zurück sehe, sehe ich auch Fortschritte. Ich sehe aber auch Beharren. Die Schweigegebote, sagen wir mal, werden subtiler. Sie müssen sich mehr Mühe geben. So einfach ist es nicht mehr. Oder? Doch. Ist es. Es schweigen ja die allerüberwiegende Mehrheit der von Missbrauch in Kindheit oder Jugend Betroffenen. Damit schaden sie sich selbst, machen sich Leben und Gemüt schwer. Sie tun es wohl kaum aus Dummheit oder Faulheit. Und das muss aufhören. Wir sind Millionen. Millionen, denen es sehr viel besser gehen könnte, wenn man aufhören würde, zu tabuisieren, was uns geschehen ist.

Nein. Es ist keine Frage besser Therapien, jedenfalls nicht nur und nicht einmal hauptsächlich, wie auch hier jemand formuliert:

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Elefanten-Safari (1) – Wir sind nicht nur Opfer „unserer“ Täter

Hinweise, groß wie Elefanten – und niemand wollte sie bemerken. „Olympische Mentalgymnastik“ sei betrieben worden, schreibt der Journalist Carl Wilson, um jahrzehntelang über die Hinweise auf sexuelle Gewalt durch Michael Jackson hinwegzusehen. Erst als Jackson tot war, durften die Opfer auf Gehör hoffen. Ob sich das inzwischen geändert hat?

https://slate.com/culture/2019/02/michael-jackson-leaving-neverland-cancel-culture-metoo.html

Wie ist das heute, mit den Elefanten? Sie werden weiter gerne ignoriert. Warum? Weil wir halt nicht diejenigen sein wollen, die den Elefanten wahrnehmen. Denn was würde das über uns sagen?

Warum wir lieber blind bleiben.

Das erste Mal, dass ich den Elefanten bewusst wahrnahm, muss irgendwann in der zwölften Klasse gewesen sein, im Philosophie-Unterricht. Wir lasen diesen Text von Platon, in dem er schreibt, die „Knabenliebe“ sei der Beginn der Philosophie; oder der Weisheit. Ich saß da und wartete darauf, dass irgendwer nachfragte, wie die Aussage gemeint sei, und wieso „Knabenliebe“; aus dem Text geht ja durchaus hervor, dass es um Sex geht. Niemand. Dann doch der Lehrer? Man ahnt es: Auch der nicht.

Philosophie war mit mein Lieblingsfach, aber ich – damals erst vage ahnend, dass ich leider wusste, wie sich „Knabenliebe“ für die Opfer anfühlt – konnte mich für den Text nicht mehr interessieren. Ich wartete. Ich warte noch heute. Manchmal träumte ich, dass ich in diese Schule zurückkehrte, in den Klassenraum, irgendetwas suchend.

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Wahrheit oder Tod – ein Roman, in dem es schon zu spät ist („The Gathering“)

75000 Euro Literaturpreis für ein Buch, das sich bis zur Vergabe des Booker-Preises gerade mal 3250 mal verkaufte – das ist eine kleine Sensation. Damals, 2009, freute sich Anne Enright denn auch, sich ein neues, schickes Kleid für die Verleihung kaufen zu können, und sicher auch darüber, sich gegen Ian McEwan durchgesetzt zu haben, dessen Roman gerade mit Keira Knightley in Hollywood verfilmt wurde.

Anne Enright ist die zweite Irin, die innerhalb von drei Jahren mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde. Die Insel bringt – war es der wirtschaftliche Boom? – interessante literarische Gewächse hervor. Enrights Roman »The gathering« ist, wie sie selbst sagt, »das Gegenteil von einem Hollywood-Heuler«, womit sie vielleicht die erbarmungslose Genauigkeit meint, mit der sie Sex genau so wie tote Körper oder eine vom Aufziehen von zwölf Kindern ausgezehrte Frau beschreibt.

Wer an leichter Unterhaltung interessiert ist, dürfte sich schwer tun mit dem Roman über eine 39jährige, die der Selbstmord ihres Bruders mit Fragen konfrontiert, die so existentiell sind, dass nichts anderes in ihrem bisher bürgerlichen Leben zählt, als ihnen nachzugehen. Von Trauer und Erinnerungen bedrängt, schlägt sie sich die Nächte um die Ohren und kapselt sich von ihrer Familie ab.

Wer aber etwas erfahren will über die Fundamente, die zwischenmenschliche Beziehungen und damit unser Leben bestimmen, wenn man Liebe und Verantwortung, materielle Abhängigkeiten, Sex und Tod unsentimental aber nicht gefühlskalt betrachtet, der ist bei Anne Enright richtig.

Die Ich-Erzählerin und Hauptperson heißt Veronica und ist eines der zwölf Kinder der ausgezehrten Frau. Veronica ist also Trägerin des genauen Blicks und der schonungslosen Wahrnehmung der Autorin. Allerdings haben den offenbar erst der Tod ihres Bruders aktiviert, denn für eine Modejournalistin, die nach der Geburt der Kinder zur pflichtbewussten Hausfrau und Mutter mutiert, wäre eine derartige Gabe eine Behinderung.

Außerdem hat sie als Kind etwas gesehen, das sie nicht wahrnehmen durfte: Den sexuellen Missbrauch ihres Bruders durch den Vermieter ihrer Großmutter. Der Buchtitel »The gathering«, hier als »Familientreffen« übersetzt, bedeutet zugleich: »Versammeln«, und in diesem Roman werden nicht hauptsächlich Familienmitglieder versammelt, sondern vor allem Fakten zu Zusammenhängen gefügt, damit sich Veronica nicht nur den Tod ihres Bruders sondern auch ihr eigenes Leben erklären kann.

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Warum Kardinal Marx das Bundesverdienstkreuz nicht verdient

Pastoralreferent im Bistum Trier und selbst Betroffener von Missbrauch, hat Werner Huffer-Killian seit 20 Jahren mit dem heutigen Kardinal und Erzbischof des Erzbistums München-Freising zu tun gehabt und zusammen gearbeitet. Er hat dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier anlässlich der geplanten Verleihung eines Bundesverdienstkreuzes an seinen ehemaligen Dienstherrn geschrieben. Seine Bitte: Walter Steinmeier möge sich das nochmal überlegen. Den Brief darf ich hier allen Interessierten zur Lektüre vorstellen.

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Auszug der verlorenen Töchter

Die Wüste erwartet uns

Wenn wir uns aus der Oase schleppen

Um das Kuckucksküken

Endlich auszuhungern

Voller Entsetzen

Die Unseren zurücklassend

Die wir nicht retten können

Mit dem Mark unseres Herzens nicht,

das wir als Atzung hingaben

Den Mund so voll Schatten,

dass uns der Kiefer stockt

bringen wir das Herz zum Schweigen,

und tasten nach unserer Zunge

Quittieren den Dienst

von niemandem erhört,

erklären für herrenlos

den bislang unerhobenen

Bleimantel aus Schuld

Wieder und wieder

befragen wir die windgetriebenen

Muster im Sand

nach etwas wie Gesetz

Krempeln die Ärmel hoch

zählen unsere Male

Niederlage um Niederlage

schreiben alle Hoffnung ab

und beginnen mit der Revision

downsizen unsere Folterknechte

Vater Mutter Kind

auf ihre Erbärmlichkeit

Erkennen

das Gebot der Schmerzen

nicht mehr an.

Dieses Gesdicht ist inspiriert von Rilkes Gedicht „Auszug des verlorenen Sohnes“.

http://rainer-maria-rilke.de/080013verlorenersohn.html


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Wegmarken

Mein Mantelsaum

Hat Dunkelheit getankt

Durchschwingt Abgründe

Mopt an den Stürzen entlang,

auf denen noch kaum Staub liegt

Der gestandene Mann, der

Immer noch sechsjährig

Seiner ohnmächtig getrunkenen Mutter

das Gesicht aus der Kloschüssel zieht

Wieder und wieder

Angst Angst Angst

Schreit es aus

Apokalyptischen Visionen im Angesicht

Des üblichen Schreibens des Arbeitsamts

Aus den rituellen Überstunden

Gelegentlich

Schlingt Todesangst mich ein

Rülpst mich wieder hoch

Die Beine schlingern etwas

Ich bade meine Blicke

In Sternenhaufen

Der Himmel ist klar


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Somatic Experiencing – eine Annäherung

„Mit der bequemen Abkürzung PTBS – Posttraumatisches Belastungs-Syndrom, die im Dienste wissenschaftlicher Leidenschaftslosigkeit steht, hat man die archetypische Reaktion auf Gemetzel von ihren rasenden Ursprüngen künstlich abgeschnitten“.

„Für Traumatisierte ist es nicht in Ordnung, sich so zu fühlen, wie sie sich fühlen, weil ihr Körper für sie zum Bewahrer von Schrecken und Entsetzen geworden ist.“

(Peter Levine, Sprache ohne Worte. Münschen 2010,  S. 175)

Die meisten von Krankenkassen finanzierten Therapien setzen über den Intellekt an, beim Denken. Es wird Ursachenforschung betrieben und / oder an konkreten Verhaltensweisen gearbeitet, meist über Gespräche, manchmal auch mit konkreten Übungen. Der Körper bleibt allermeist außen vor. Diese Ansätze sind hilfreich aber in den vergangenen Jahren hatte ich den Eindruck, dass sie bei mir an ihre Grenzen gestoßen sind. Also habe ich mich mit „Somatic Experiencing“ beschäftigt, zunächst durch Lektüre, und hatte jetzt auch einige Sitzungen bei einer erfahrenen Therapeutin.  Von der Lektüre und meinen Erfahrungen werde ich ein wenig berichten.

Nach der Lektüre von Levine, einem der wichtigsten Forscher und Vertreter des Ansatzes „Somatic Experiencing“ würde ich sagen: In meinem Kopf herrscht gute Ordnung. Die Leitlinie „gewaltfrei und in förderlichen, konstruktiven Beziehungen leben (privat und sonst auch)“ führt sehr weit, auch in der Betrachtung der gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen. Da ist dann vieles in Frage zu stellen und zu ändern. Das führt weit.

Das gelingen zu sehen, vermittelt ein Gefühl von Stärke und Selbstbestimmtheit.

In meinem Körper hingegen herrscht ziemliches Chaos. Der Wechsel zwischen Stress und Ruhe ist völlig durcheinander, schier ein Ding der Unmöglichkeit; früher gab es nur durch Zusammenbrechen nach totalem Auspowern Ruhe; und Entspannung bedeutete (und bedeutet oftmals heute noch): Zeit für weitere Trauma-Verarbeitung; sobald auch nur ein wenig Zeit und Energie da ist, drängt alles mögliche hoch. Was dann nicht erholsam, sondern total anstrengend ist. Weiterlesen