talking about sexual trauma

Our civilizations are traumatized by sexual violence. A poison we should neutralize by talking


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Statt Beten und Fasten: Was die katholische Kirche TUN muss. In den Gemeinden.

Wovon wir aber leider noch weit entfernt sind.

Interview hier (Text):

https://www.ndr.de/kultur/Astrid-Mayer-zur-Missbrauchsstudie-der-katholischen-Kirche,journal1468.html

(Radio-Interview):

https://www.ndr.de/ndrkultur/Ich-fuehle-mich-schikaniert-und-ausgegrenzt,audio441558.html

 

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Bischof Fürst und die Missbrauchs-Kommission von 2002: Eine Täterschutz-Kommission

Die katholische Kirche reagiert hektisch auf die Krise nun auch in Deutschland, ausgelöst durch die Veröffentlichungen der Mindestzahlen, was sexuellen Missbrauch durch Kleriker angeht. Wieder werden Scham und Bedauern ausgedrückt, zum Beten aufgefordert, und – einige waschen auch ihre Hände in Unschuld. So Bischof Fürst in einer Meldung der katholischen Nachrichten-Agentur vom 17. 9. 2018. Ich zitiere: „“Die württembergische Diözese sei die bundesweit erste gewesen, die bereits im Jahr 2002 eine unabhängige Expertenkommission eingesetzt habe“. Ich hatte 2005 mit dieser Kommission eine niederschmetternde (im wörtlichen Sinn zu nehmen) Begegnung. Diese Kommission war eine Täterschutz-Kommission, die mich mit meinem Anliegen ungespitzt in den Boden gehauen hat.

Dass nun zur Rechtfertigung auf dieses Kommission verwiesen wird, empfinde ich als Hohn. Der jetzigen Vorsitzenden, die ehemalige CDU-Familien-Ministerin Monika Scholz, ist sehr wohl bekannt, wie destruktiv deren Arbeit für mich damals war, und wie unprofessionell vorgegangen wurde. Bzw. durchaus professionell: Im Sinne des Täterschutzes. Die Retraumatisierung des Opfers wurde billigend in Kauf genommen. Vermutlich wurde an meinen möglichen Zustand kein Gedanke verschwendet. Der Furor, mit dem der Justiziar Rheus damals seine Institution verteidigte, war auch 2011 noch nicht vergangen, als er für meine öffentliche Diskreditierung sorgte, und noch vor Gericht seine unsägliche, frei erfundene und durch nichts untermauerte Version der Geschehnisse von sich gab. Der Richter musste ihn ermahnen, das zu unterlassen.

Justiziar Rheus ist noch immer in der Kommission; der Geschäftsführer ist ebenfalls ein Kirchenjurist. Diese Kommission wird auf der Homepage der Gemeinde als „unabhängig“ bezeichnet! http://www.drs.de/rat-und-hilfe/hilfe-bei-missbrauch.html Das ist schlicht eine Lüge. Die Mehrheit der Mitglieder sind Kirchenangestellte, unter ihnen viele Juristen: http://www.drs.de/rat-und-hilfe/hilfe-bei-missbrauch/kommission-sexueller-missbrauch.html?L=892. Eine unabhängige, Betroffene unterstützende Kommission, die professionell arbeitet, sieht anders aus. Mir wurde übrigens damals nicht mitgeteilt, dass es eine Missbrauchs-Kommission gebe. Wozu auch? Sie war nicht für mich, zu meiner Unterstützung da, sondern zum Schutz der Institution. Ihre Existenz entdeckte ich 2010 bei Recherchen.

Wie die Kommission 2005 vorging, habe ich hier beschrieben: https://talkingaboutsexualtrauma.wordpress.com/2018/08/29/was-passierte-nachdem-ich-den-pfarrer-angezeigt-hatte-oder-wie-es-nicht-gehen-kann/

Ich wüsste gerne, wie sich die damaligen Mitglieder der Kommission zum Vorgehen von Justiziar Rheus positionieren. Ich finde, man schuldet mir eine Erklärung. 2010 war ein Kinderarzt Mitglied der Kommission: Wußte er, wie opferfeindlich vorgegangen wurde? Hat er das mitgetragen?

Die „Anerkennungszahlung“ habe ich stets als sehr niedrig angesetztes Schmerzensgeld für die mir angetanen  Retraumatisierungen (2005 und 2010) betrachtet. Aufarbeitung ist so etwas nicht. Es ist Institutionenschutz.

 


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Was passierte, nachdem ich den Pfarrer angezeigt hatte oder: Wie es NICHT gehen kann

Dieser Blog ist keine Klagemauer, meine Geschichte hielt ich schon immer für banal (im Sinne von gewöhnlich). Aus gegebenem Anlass – dem offenen Brief an die Kirchengemeinden – möchte ich aber hier schildern, wie es mir, Opfer eines übergriffigen Pfarrers, erging, als ich mich nach 32 Jahren endlich entschloss, den Pfarrer bei seiner Kirche anzuzeigen. Es war das Einzige, was ich noch tun konnte, denn seine Übergriffe – Gefummel bis zur manuellen und genitalen Vergewaltigung im Jahr 1973 – verjährten bereits an meinem 18. Geburtstag. Da hatte ich zwar Erinnerungen, verharmloste sie aber völlig.

Ich habe Pfarrer Niedermeier, der bis zu seiner Rente in Unterboihingen bei Stuttgart tätig war, 2005 bei der Kirche angezeigt. Ich hoffte auf Mitgefühl und Unterstützung. Sehr naiv, ich weiß, ‚Tschuldigung. Was ich bekam, waren Briefe, die mir sagten, man befrage jetzt den Pfarrgemeinderat und den Pfarrer. Dann, dass diese von nichts wüßten und dass das alles ohnehin nicht sein könne. Dann, ich möge die Vorwürfe zurückziehen. Keinerlei Angebote für Unterstützung natürlich. Erster Teil der Viktimisierung.  Weiterlesen


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Offener Brief an Kirchengemeinden, die von sexuellem Missbrauch durch Priester oder Mitarbeiter betroffen sind

Die weltweit erste Untersuchung sexueller Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche durch eine staatliche Stelle hat Erschreckendes zutage gefördert: Es wurde missbraucht, verharmlost und vertuscht bis in die höchsten Ebenen.  Leider gibt es keinen Grund zu glauben, dass das in Deutschland anders aussähe. Entsprechend werden Whistle-Blower – und das sind Missbrauchs-Opfer, die von der Kirche Rechenschaft und Genugtuung verlangen – von den deutschen Kirchen behandelt. Von evangelischer wie katholischer Kirche.

Opfer sexueller Gewalt durch Kirchen-Angehörige sind auch in Deutschland Bittsteller, die abgewehrt und mit heimlichen Zahlungen abgespeist werden, damit die Geschehnisse anschließend wieder mit dem Mantel des Schweigens verhüllt werden können. Das muss ein Ende haben. Die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch durch Priester und kirchliche Mitarbeiter muss in eine neue Phase treten. Sie braucht die aktive und proaktive Mitarbeit der Gemeinden und aktuellen Priester, Diakone und engagierten Laien.

Die Berichte Betroffener zeigen überall opferfeindliche Muster. Das hat u.a. das öffentliche Hearing „Kirchen und ihre Verantwortung zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“ am 27. Juni 2018 gezeigt.* Nur Menschen mit starken Nerven, viel Energie und Unterstützung können sich auf diesen aufreibenden und harten Weg machen, von der Kirche Genugtuung zu fordern, wenn sie als Kinder von Mitarbeitern  der Kirche sexualisiert misshandelt wurden. Die meisten Menschen nehmen lieber Abstand, und das ist kirchlicherseits auch so gewollt.

Die bisherigen „Prozesse“, die die Kirche eher den Betroffenen als den Tätern gemacht, kann und muss man als kollektive Retraumatisierung der Opfer bezeichnen: Unbeantwortete Briefe, „Verhöre“, bei denen z.T. Staatsanwälte im Ruhestand eingesetzt werden, Juristen in den kirchlichen Missbrauchs-Kommissionen (deren Mitglieder meist mit dem Thema sexuelle Gewalt nicht vertraut sind), Weitergabe von Daten an Täter. Und dann – nur, wenn Verschleppung und Abwehr nicht funktionierten – eine heimliche „Anerkennungszahlung“ lächerlichen Ausmaßes. Eine sekundäre Viktimisierung der Opfer ist so fast vorprogrammiert.

Schöne Worte, „Scham und Trauer“ oder päpstliche Briefe helfen nicht. Es braucht:

  • Eine zentrale Dokumentation der Missbrauchsfälle, öffentlich zugänglich.
  • Unabhängige Missbrauchs-Kommissionen, die nach Standards arbeiten
  • Die Suche nach weiteren Opfern, wenn sich eine Gemeinde als betroffen erweist
  • Konkrete Angebote der Unterstützung (statt Diskreditierung und Diskriminierung!) an diese – alles andere ist unterlassene Hilfeleistung!
  • Angemessene Entschädigungen
  • Den ehrlichen Willen zu Aufklärung der Taten und Unterstützung der Betroffenen

Dazu müssen zuerst die bisher anerkannten Opfer erneut gehört werden, und zwar mit Unterstützung unabhängiger Mediatoren/innen. Die Fälle gehören auf die Homepage der Gemeinden, mit Angabe einer UNABHÄNGIGEN Stelle, an die sich weitere Opfer wenden können, und Hilfsangeboten. Die Gemeinde-Mitglieder brauchen Hilfe in Form von Seelsorge und Unterstützung von außen, um die Tatsache zu verarbeiten, dass ihre Spiritualität von einem Kindes-Missbraucher ebenfalls missbraucht wurde.  Sie können sonst die Geschehnisse nicht wahrhaben und müssen Opfer weiter ausgrenzen.

Wir fordern Taten statt Worte. Endlich.

Informationen zum Hearing: https://www.aufarbeitungskommission.de/meldung-27-06-2018-kirchen-und-ihre-verantwortung-zur-aufarbeitung-sexuellen-kindesmissbrauchs/

Der vollständige Bericht der Grand Jury aus Pennsylvania ist hier zu finden: https://content-static.ydr.com/documents/pa-grand-jury-clergy.pdf

Rückfragen und Rückmeldungen an:   nicht-die-einzige@web.de

 

Unterschrieben von:

 

Kerstin Claus, Mitglied im Betroffenenrat

Tina Dewes, Betroffenenbeirat ergänzendes Hilfesystem EHS/FSM und Hannah Stiftung

Christian Fischer, Initiative Ehemaliger Johanneum Homburg

Bernd Held, Initiative Ehemaliger Johanneum Homburg

Matthias Katsch, ECKIGER TISCH e.V.

Prof. Heiner Keupp, Mitglied der Unabhängigen Aufarbeitungskommission

Anselm Kohn, Initiative Missbrauch in Ahrensburg

Matthias Mala, Schriftsteller

Astrid Mayer, Betroffene Gemeinde Unterboihingen im Bistum Rottenburg-Stuttgart

Hans-Martin Münch

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, Opfer von sexualisierter Misshandlung im familiären Umfeld, ehrenamtliche Mitarbeit beim Fonds Sexueller Missbrauch

Winfried Ponsens, Mitglied im Betroffenenbeirat des EHS, Geschäftsführer MoJoRed (Missbrauchsopfer Collegium Josephinum Bonn und Redemptoristen e. V. )

Alexander Probst, Betroffener „Domspatzen“

Hermann Schell, „Schafsbriefe“

Heiko Schnitzler ECKIGER TISCH BONN e.V.

Thomas Schnitzler, Betroffener Bistum Trier

Gottfried Schoedl, Domspatzen / Etterzhausen

Henning Stein, Betroffenenbeirat ergänzendes Hilfesystem EHS/FSM

Jürgen Sterk, Betroffener Bistum Freiburg

Sylvia Witte, Betroffene Redemptoristen, 1. Vorsitzende MoJoRed e.V. und Mitglied im Betroffenenbeirat EHS/FSM

Detlev Zander, Betroffener und Sprecher von „Missbrauch in der Brüdergemeinde Korntal“

 

Brief wurde am 3. September an Presse und versch. kirchliche Stellen verschickt.


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„Die Anzeige hat die Familie letztlich geheilt“

Betroffene, die gegen ihre Missbraucher/innen vorgehen, das Schweigen brechen, womöglich Anzeige erstatten. . . das Weiterschreiben fällt schwer. Was passiert, ist ja aber bekannt: Das Opfer wird aus der Struktur ausgeschlossen. Die Familie wendet sich ab, wenn Täter oder Täterin ein Familienmitglied ist, der oder die Betroffene wird aus der Kirchengemeinde ausgeschlossen, wenn es der Pfarrer war. Die Solidarität, so unfassbar das eigentlich ist, gilt meist den Tätern/innen.

Aber das muss nicht so bleiben. Viele begreifen es erst wirklich, wenn der oder die Missbraucher/in vor Gericht und im Gefängnis gelandet ist. Bei Carla haben sich die Fronten dann ganz allmählich verändert. Ein paar Jahre später „stimmt“ die Welt wieder, und auch ihre Geschwister stehen zu ihr – und nicht zum Vater. Sowas gibt’s! Und die Bekräftigung der Gesellschaft, in Form eines Gerichtsurteils, trägt dazu bei. Das kommt jedenfalls im Interview mit Carla (die eigentlich anders heißt) heraus:  Weiterlesen


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Living with the Stigma

When I discovered the Stigma, a kind of sign on my forehead, telling I am person that has been abused, is damaged, done – in some way. . . When I discovered this feeling, I put it away as being irrational and not connected to reality. „Nobody sees it, and I am worth as much as anyone else“.

Well. Now and then, life reminded me of the fact, that some people are able to sense my damages and weaknesses, and can be tempted to use them. Which is kind of „normal“; you find manipulative people everywhere, and I know how to defend myself.

The feeling of being „different“ remains, though. Strangely, it was a book which is generally supposed to explain us why Trump became president, that shed light on all these confused but persistent feelings, and made clearer to me what they mean: Quite a lot, actually. It’s not a good idea to try to push them aside and dismiss them as „irrational“. On the contrary. And the problem is neither the „sexual“ aspect of the violence (of which this blog is talking), nor the shame. The real problem consists in the enormous difficulties to trust whomever, and to insert into structures, in which trust is the key currency. For traumatized people, trusting someone is a challenge comparable to that of a bumbler wanting to talk. What is evident and easy for the others, costs us a lot of reflection, strategic thinking and – effort. Again and again.  Weiterlesen


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Leben mit dem Stigma

Diese Mal auf der Stirn: Wurde missbraucht – ist beschädigt, fertig: Als mir vor Jahren klarwurde, dass ich das zu tragen glaubte, habe ich das als „irrational“ und nicht real weggeschoben. Unsinn, es sieht niemand dieses Stigma, und ich bin so viel wert wie andere.

Nun. Ab und zu erinnerte mich das Leben daran, dass es Menschen gibt, die es wahrnehmen (also meine Schäden und damit Empfindlichkeiten), und meine Schwächen auszunützen versuchen. Was ja „normal“ ist. Manipulative Menschen gibt es überall, und ich weiß mich zu wehren.

Das Gefühl, „anders“ zu sein, bleibt. Ausgerechnet ein Buch, das uns angeblich die Trumpmania in den USA erklären soll, das Weihnachtsgeschenk eines Freundes, hat mir die ganze Dimension all dieser diffusen und hartnäckigen Gefühle beleuchtet und mir deutlicher gemacht, was an ihnen ist. Nämlich eine Menge. Da gibt’s gar nichts wegzuschieben. Alle mal herschauen. Das Problem ist überhaupt nicht das „sexuelle“ und dass man sich schämt. Das Problem besteht vor allem in den enormen Schwierigkeiten, zu vertrauen, und sich in Strukturen einzubringen, in denen Vertrauen die Leitwährung ist. Zu vertrauen stellt für uns nämlich eine Leistung dar, ähnlich wie für den Stotterer das Sprechen: Was andere selbstverständlich und ohne den geringsten Aufwand tun, kostet uns Überlegung, strategisches Denken und – Überwindung. Wieder und wieder, und immer aufs Neue.  Weiterlesen