talking about sexual trauma

Our civilizations are traumatized by sexual violence. A poison we should neutralize by talking


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Elefanten-Safari (1) – Wir sind nicht nur Opfer „unserer“ Täter

Hinweise, groß wie Elefanten – und niemand wollte sie bemerken. „Olympische Mentalgymnastik“ sei betrieben worden, schreibt der Journalist Carl Wilson, um jahrzehntelang über die Hinweise auf sexuelle Gewalt durch Michael Jackson hinwegzusehen. Erst als Jackson tot war, durften die Opfer auf Gehör hoffen. Ob sich das inzwischen geändert hat?

https://slate.com/culture/2019/02/michael-jackson-leaving-neverland-cancel-culture-metoo.html

Wie ist das heute, mit den Elefanten? Sie werden weiter gerne ignoriert. Warum? Weil wir halt nicht diejenigen sein wollen, die den Elefanten wahrnehmen. Denn was würde das über uns sagen?

Warum wir lieber blind bleiben.

Das erste Mal, dass ich den Elefanten bewusst wahrnahm, muss irgendwann in der zwölften Klasse gewesen sein, im Philosophie-Unterricht. Wir lasen diesen Text von Platon, in dem er schreibt, die „Knabenliebe“ sei der Beginn der Philosophie; oder der Weisheit. Ich saß da und wartete darauf, dass irgendwer nachfragte, wie die Aussage gemeint sei, und wieso „Knabenliebe“; aus dem Text geht ja durchaus hervor, dass es um Sex geht. Niemand. Dann doch der Lehrer? Man ahnt es: Auch der nicht.

Philosophie war mit mein Lieblingsfach, aber ich – damals erst vage ahnend, dass ich leider wusste, wie sich „Knabenliebe“ für die Opfer anfühlt – konnte mich für den Text nicht mehr interessieren. Ich wartete. Ich warte noch heute. Manchmal träumte ich, dass ich in diese Schule zurückkehrte, in den Klassenraum, irgendetwas suchend.

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Wahrheit oder Tod – ein Roman, in dem es schon zu spät ist („The Gathering“)

75000 Euro Literaturpreis für ein Buch, das sich bis zur Vergabe des Booker-Preises gerade mal 3250 mal verkaufte – das ist eine kleine Sensation. Damals, 2009, freute sich Anne Enright denn auch, sich ein neues, schickes Kleid für die Verleihung kaufen zu können, und sicher auch darüber, sich gegen Ian McEwan durchgesetzt zu haben, dessen Roman gerade mit Keira Knightley in Hollywood verfilmt wurde.

Anne Enright ist die zweite Irin, die innerhalb von drei Jahren mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde. Die Insel bringt – war es der wirtschaftliche Boom? – interessante literarische Gewächse hervor. Enrights Roman »The gathering« ist, wie sie selbst sagt, »das Gegenteil von einem Hollywood-Heuler«, womit sie vielleicht die erbarmungslose Genauigkeit meint, mit der sie Sex genau so wie tote Körper oder eine vom Aufziehen von zwölf Kindern ausgezehrte Frau beschreibt.

Wer an leichter Unterhaltung interessiert ist, dürfte sich schwer tun mit dem Roman über eine 39jährige, die der Selbstmord ihres Bruders mit Fragen konfrontiert, die so existentiell sind, dass nichts anderes in ihrem bisher bürgerlichen Leben zählt, als ihnen nachzugehen. Von Trauer und Erinnerungen bedrängt, schlägt sie sich die Nächte um die Ohren und kapselt sich von ihrer Familie ab.

Wer aber etwas erfahren will über die Fundamente, die zwischenmenschliche Beziehungen und damit unser Leben bestimmen, wenn man Liebe und Verantwortung, materielle Abhängigkeiten, Sex und Tod unsentimental aber nicht gefühlskalt betrachtet, der ist bei Anne Enright richtig.

Die Ich-Erzählerin und Hauptperson heißt Veronica und ist eines der zwölf Kinder der ausgezehrten Frau. Veronica ist also Trägerin des genauen Blicks und der schonungslosen Wahrnehmung der Autorin. Allerdings haben den offenbar erst der Tod ihres Bruders aktiviert, denn für eine Modejournalistin, die nach der Geburt der Kinder zur pflichtbewussten Hausfrau und Mutter mutiert, wäre eine derartige Gabe eine Behinderung.

Außerdem hat sie als Kind etwas gesehen, das sie nicht wahrnehmen durfte: Den sexuellen Missbrauch ihres Bruders durch den Vermieter ihrer Großmutter. Der Buchtitel »The gathering«, hier als »Familientreffen« übersetzt, bedeutet zugleich: »Versammeln«, und in diesem Roman werden nicht hauptsächlich Familienmitglieder versammelt, sondern vor allem Fakten zu Zusammenhängen gefügt, damit sich Veronica nicht nur den Tod ihres Bruders sondern auch ihr eigenes Leben erklären kann.

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