talking about sexual trauma

Our civilizations are traumatized by sexual violence. A poison we should neutralize by talking


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„Ich finde, das wird verdammt selten gewürdigt“

Ab und zu bekomme ich Hinweise von anderen Missbrauchs-Betroffenen, die sich für Aufarbeitung engagieren. Hier ging es um den Hoexter-Prozess (wie glaubwürdig die Opfermasche des Angeklagten ist, sei mal dahingestellt), und ich fand folgende Überlegungen, die Angelika in diesem Zusammenhang formulierte, bedenkenswert:

„Ich hoffe, ein paar von den Verantwortlichen, mit denen wir seit Jahren um Aufklärung, Wiedergutmachung und Aufarbeitung ringen, lesen diesen Artikel und danken dem Fliegenden Spaghettimonster, dass die meisten Betroffene NICHT an Anderen wiederholen, was man ihnen in der Kindheit einmal angetan hatte. Ich finde, das wird verdammt selten gewürdigt. Viele von uns haben große Teile der Lebenszeit, enorme Energie und viel Geld in die Auseinandersetzung mit dem gesteckt, was andere Menschen zu verantworten hatten. Etliche tun viel mehr für andere Menschen, als sie von denen zurückbekommen. Es gibt viele Nicht-Betroffene, die es sich statt dessen im Leben bequem machen. Ob sowas sinnvoll und erfüllend ist, sei dahin gestellt. Aber es ist wohl vergleichsweise easy.“

Ist so. Und mit etwas Glück haben wir wohl etliche schwere und schwerere Stunden mehr als Nicht-Betroffene; aber vielleicht auch eine intensiver genossene Lebensfreude. Was mich betrifft auch die beruhigende Einstellung: So schlimm wie damals wird’s nie wieder, und es wird immer besser, je weiter weg ich davon komme.


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„Wenn einer von uns stirbt. . .

. . . geh ich nach Paris“. Welch ein rätselhafter Filmtitel. In diesem Dokumentarfilm erzählt der Filmemacher Jan Schmitt die Geschichte seiner Mutter. Die sich umbrachte, weil sie mit all dem Erlittenen nicht mehr leben konnte oder wollte – jahrelang als Kind und Jugendliche die Beute eines Jesuitenpaters gewesen zu sein, einschließlich zweier während ihrer Teenager-Zeit geborener Kinder, eines tot, und eines im vom Täter vermittelten Heim zur Welt gebracht und zur Adoption freigegeben. Und auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

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Tehanu, Leben statt. . .

. . . überleben. Alles drin. Wer das gelesen (und verstanden) hat, kann nicht mehr viel falsch machen. Tehanu ist der Roman der Science-Ficition-Autorin Ursula K. LeGuin, in dem sie das Thema „sexuelle Gewalt, Ursachen und Wirkungen“ am explizitesten thematisiert.

Und dennoch eine schöne, eine tröstliche Geschichte. Gerade weil sie in einer geographisch wie zeitlich fernen Welt spielt – es ist im weitesten Sinne ein Fantasy-Roman – ist es sehr erhellend, wie sie die Entstehung von Gewalt und den Umgang mit Opfern beschreibt.

„Warum tun wir, was wir tun?“ ist eine Frage, die im Roman zweimal auftaucht – und sie meint einmal das Schreckliche, was Menschen tun, und einmal das Festhalten am stetigen Handeln für ein menschenwürdiges Leben. Auch wenn es manchmal aussichtslos scheint oder wie das Pflegen einer winzigen Insel in einem Meer aus Chaos und Elend.

Eine Frau findet ein halbtotes, kleines Mädchen, schwerst – auch sexuell – misshandelt. Weiterlesen


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Ich verlasse den Betroffenenbeirat…       

. . . des ergänzenden Hilfesystems. So wie ich das erlebt habe, erfährt das Hilfesystem für institutionell Betroffene (also Menschen, die innerhalb von Schule oder Verein oder Krankenhaus z.B. Opfer sexueller Gewalt wurden) keine wirkliche Unterstützung seitens der Politik, noch vonseiten der Institutionen. Es wird Ende April auslaufen, ohne man sich im geringsten darum bemüht hätten, bekannt zu machen, dass hier eine Möglichkeit besteht, Hilfe zu bekommen. Die Abteilung, die den Fonds verwaltet (dem Familienministerium zugeordnet) halte ich für unterbesetzt, sie muss schauen, wie sie das System trotz mangelnder Unterstützung am Laufen hält. Etliche Institutionen, die in den Hilfefonds eingezahlt haben (Bundesländer, Kirchen, Sportvereine), freuen sich schon auf das Geld, das wegen der ganz kurzen Laufzeit des Fonds und der unterlassenen Information potentieller Nutzer nicht ausgezahlt werden wird.

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Die Serie „kontaminierte Hochliteratur“

Heute: Der Idiot, von Dostojewski. Sexuelle Gewalt kommt ja übrigens auch in der Hochliteratur (wie in guten Familien oder in ehrwürdigen Institutionen) nicht vor. Niemals! Zumindest nach Meinung der allermeisten Literaturwissenschaftler/innen. Sollte jemand jemanden kennen, der aus der Reihe tanzt, würde ich ihn oder sie gerne kennenlernen. Jedenfalls wurde über „der Idiot“ von Dostojewskij viel geschrieben, aber nichts über die Tatsache, dass er das Pech hatte (oder auch von einer inneren Logik getrieben wurde), eine Frau zu lieben, die von ihrem Stiefvater sexuell misshandelt wurde. Die Dynamik einer solchen Beziehung hat Dostojewskij sehr genau beschrieben, bewundernswert wie immer, wenn er über die seelischen Abgründe im Menschen schreibt. Es gibt sicher viele junge Frauen in unserem Land, die die Handlungsweise der Nastassja gut nachvollziehen können. Und ich will gar nicht wissen, wieviele Beziehungen und Ehen hier und heute von unausgesprochener, früher erlittener sexueller Gewalt ge- und zerstört werden.

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