talking about sexual trauma

Our civilizations are traumatized by sexual violence. A poison we should neutralize by talking


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Was „Überleben“ (und endlich einfach leben) wirklich bedeutet

Neulich fragte mich mal wieder jemand: „Geht das denn nie vorbei“? Jemand, die mir nahe steht, wohlgemerkt. Sie hatte mich in einer triggernden Situation erlebt, der ich mich nicht rechtzeitig entzogen hatte.

Dochdoch, wenn ich lange genug lebe, wird es vorbei gehen. Wenn ich früher hätte anfangen dürfen, mich mit all dem zu befassen, statt es Jahrzehnte lang verdrängen zu müssen, wäre ich noch weiter als jetzt (und ich bin schon sehr zufrieden). Heilung ist möglich. Aber darum geht es nicht.

Mich wird man nie loswerden, und wenn ich zehnmal endlich ohne mit der Wimper zu zucken einen katholischen Gottesdienst über mich ergehen lassen kann, ohne Angst- oder Heulanfälle zu bekommen (was jetzt nicht wirklich mein vorrangiges Lebensziel ist).

Es ist schließlich noch lange nicht vorbei. Ich zitiere die amerikanische Feministin Leah Lakshmi Pieptzna-Samarasinha, die ihre Kindheit und Jugend so beschreibt: „Ich wußte immer, dass es eine Welt gab, in der alles in Ordnung war; und die Welt, die WIR kannten: Wir Mädchen, die durch den Schulhof gingen und völlig aus unseren Körpern gebeamt waren; in engen Kleidern und Make-Up oder in Hoodies und Schlabber-Look. Wir konnten nirgendwo hingehen, außer endlich großwerden und zum Teufel endlich entkommen. Wenn du es einem Verwandten erzählt hättest, wärest Du angeschrieen worden, hättest Du es jemand anderem erzählt, hätte man dich ignoriert, dann angeschrieen, oder ins Heim geschickt. Wo es weiter passiert wäre, aber schlimmer.“

Wem kommt das nicht bekannt vor? Wer ist sicher, dass es heute GANZ ANDERS wäre? Weiterlesen

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Mehr koordinierte Wut, mehr Politik: Das wünsche ich mir für 2017

Unsere „Wutbanken“, wie der Philosoph Peter Sloterdijk das angesammelte Potential von Menschen nennt, die sich gegen Misstände und Unterdrückung wehren möchten, sind gut gefüllt – oder? Oder sind Missbrauchsopfer resigniert, fertig, völlig zurückgezogen, auf Hilfe und Führung wartend?

Viele sind das wohl, machen wir uns nichts vor. Wir leben in einer Umgebung, die dafür sorgt, dass man das Thema sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche; Schweigen und Leiden der Überlebenden, möglichst nicht thematisiert. Sekundäre Viktimisierung droht mit all ihren Folgen; Bestrafung und Beschämung der Opfer: Wer möchte sich dem schon aussetzen? Wir sind Freaks (wörtlich übersetzt: Etwas, was anderen Angst macht).

Trotzdem gibt es viele Orte, an denen man etwas tun kann: Das Thema an die Schule der Kinder, an die Vereine, in denen sie sind, herantragen. Fragen, ob es Schutzkonzepte gibt. Um Präventions-Veranstaltungen bitten (da gibt es genügend Ansprechpartner, die so etwas kompetent anbieten; z.B. Wildwasser und Tauwetter). In der eigenen Familie, im eigenen Freundes- und Bekanntenkreis wach sein, hinhören, Überlebenden zuhören und sie dadurch unterstützen. Das reicht oft völlig: Bereit sein, hinzusehen und zuzuhören.

Politik ist das noch nicht. Die kann erst kommen, wenn das Sprechen über das Thema  Weiterlesen


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Was wir „Schmuddelkinder“ so leisten

Mal wieder das Thema sekundäre Viktimisierung: Clara Danida erzählt von ihren Erlebnissen als Aktivistin in der SPD, und beschreibt dabei nicht nur den alltäglichen Sexismus, sondern auch, was einer / einem droht, wenn er oder sie es wagt, über sexuelle Gewalterfahrungen zu sprechen.

http://kleinerdrei.org/2016/10/sexismusinparteien-kein-cdu-problem/

Über Sexismus wird immerhin gesprochen. Über Sekundär-Viktimisierung hingegen? Das ist noch gefährlicher. Also wissen die wenigsten auch nur, was der Ausdruck überhaupt bedeutet. Nämlich: Bis zur Unkenntlichkeit mit Projektionen und Vorurteilen überhäuft zu werden, Ängste, Aggressionen, Abwehr auszulösen, nicht mehr ernst genommen und ausgegrenzt zu werden. Sich angreifbar zu machen. Jede Aussage in die Richtung kann gegen Sie verwendet werden. Und wird es irgendwann, wenn es hart auf hart kommt. Wer sexuelle Gewalt erfahren hat, hat in fast allen menschlichen Zivilisationen die Rolle des Schmuddelkinds.

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Sekundäre Viktimisierung – wozu?

Opfer einer Straftat bzw. eines Verbrechens zu werden ist schlimm genug. Die meisten Opfer können sich des Mitgefühls und der Strafverfolgung sicher sein. Außer diejenigen, die Opfer von Sexualverbrechen werden. Außer sie sind tot, das macht es einfacher: Man muss nicht mehr mit ihnen umgehen.

Das klingt zynisch, soll aber nur deutlich machen, was sekundäre Viktimisierung bedeutet: Dass man, einmal Opfer geworden, weiterhin immer wieder Opfer wird, nämlich der Ängste und Projektionen unserer Mitmenschen. Frauen, die vergewaltigt wurden, haben ein schlechtes Image – das haben Studien in Deutschland und in der Slovakei ergeben. Man schreibt ihnen negative Eigenschaften zu. Die meisten Menschen weichen dem Thema sexuelle Gewalt aus. Man behält die Erfahrung also besser für sich und behält auch seine Wut über die diesbezüglichen Zustände in der Welt besser für sich. Es herrscht da eine merkwürdige Blindheit, die sehr viele Menschen sich gerne erhalten möchten. Die Frage ist doch wohl, warum das so ist. Wenn sich Einbrüche häufen, wollen die meisten Leute ja sehr wohl wissen, woran das liegt.

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