talking about sexual trauma

Our civilizations are traumatized by sexual violence. A poison we should neutralize by talking


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„Mit 50 fängt man gerade erst an, den Kopf zu heben“ – Interview mit der Autorin Anne Lorient

Wenn ich Anne in Paris sehe und wir uns länger unterhalten, fragen wir uns immer wieder, warum wir überlebten, einiges hinbekommen haben im Leben, und andere nicht. Wir haben noch nie eine Antwort gefunden, aber ich denke immer, wenn Anne es geschafft hat, bei dem, was sie durchgemacht hat, ist fast alles möglich. Also höchste Zeit, meinen Teil dazu beizutragen, sie und ihr Buch ein bisschen bekannter zu machen. In Frankreich ist es immerhin Schullektüre!

Ich suchte Zuflucht im Nirgendwo“ – lautet der Titel Deines Buchs. Klingt nicht nach einer erfolgversprechenden Strategie.

Strategie? Wer auf der Straße landet, ist nicht mehr in der Lage, in Strategien zu denken. Die Not hat das Denken ausgeschaltet. Nicht finanzielle Not, sondern psychische Ausnahmezustände. Ich bin mit 18 vor meinem Bruder geflüchtet, und einer Familie und Umgebung, die mich und meine Schwester ihm auslieferte. Meine Tante, bei der ich unterkommen wollte, hat mich nicht aufgenommen, und gleich in der ersten Nacht, die ich auf der Straße verbrachte, wurde ich vergewaltigt. Wieder, auch hier; es schien kein Entrinnen zu geben. Danach konnte ich lange nicht sprechen. Meine Stimmer versagte mir den Dienst. Wie hätte ich da Arbeit, Hilfe, eine Wohnung suchen sollen?

Die meisten Leute verstehen nicht, wieso Menschen auf der Straße landen. Schließlich leben wir in einem Sozialstaat, denken sie, also haben die Obdachlosen es wohl nicht anders gewollt.

Das ist sehr bequem, und falsch. Niemand lebt freiwillig auf der Straße. Das Leben dort ist gefährlich, man wird bestohlen, vergewaltigt. Ich weiß nicht, wie oft ich vergewaltigt wurde. Niemand will das. Aber ich war erst stumm, und dann so verängstigt, dass ich niemandem mehr getraut habe. Ich hatte dann einen Partner, und ein Kind, und ich hatte Angst, dass die Behörden uns unser Kind wegnehmen könnten, wenn ich mich an sie wende.

Aber viele Jahre später hast Du dieses Buch geschrieben. Es ist in Frankreich sogar Schullektüre geworden.

11 Jahre waren zwischen dem Ende der Obdachlosigkeit und dem Erscheinen des Buchs. Da ist viel Wasser die Seine runtergeflossen! Aus dem ursprünglichen Manuskript wurde so vieles gestrichen. „Zu hart, zu roh“, fand der Verlag. Die Wahrheit ist nicht verkäuflich. Aber ja, viele Leser*innen finden es so schon schwer zu lesen.

Als ich damals als Jugendliche in der Schule erzählte, dass mein großer Bruder mich missbraucht, wollte niemand was davon hören. Das darf einfach nicht mehr sein. Deswegen gehe ich, die sich nie auf einen Elternabend getraut hat, in Schulen und spreche über sexuellen Missbrauch. Wenn es gerade wieder schwierig ist für mich, kann ich mir sagen, dass ich nicht umsonst Missbrauch, Gewalt und Obdachlosigkeit überlebt habe.

Hat die Veröffentlichung des Buchs Dein Leben verändert?

In mehrerer Hinsicht. Einmal war es ein wichtiger Prozess, die Worte zu finden für das, was mit mir geschehen ist. Es war eine Art Therapie.

Dann hat es zu Begegnungen mit anderen Betroffenen geführt, und schließlich auch mit Politikerinnen, die etwas ändern wollen. Ich dachte ja lange, ich sei die einzige, der so etwas zugestoßen ist! Es war einerseits traurig, natürlich, aber auch sehr befreiend zu erkennen, wie gewöhnlich mein Schicksal ist. Und ich habe wirklich den Eindruck, dass sich etwas verändert. Inzwischen haben auch Prominente wie Vanessa Springora oder Camille Kouschner das Thema angepackt und ausgepackt. Es ist nicht mehr möglich, das Ausmaß der Gewalt zu verdecken, der Kinder ausgeliefert waren und sind.

Fällt es Dir schwer, an der Öffentlichkeit zu sein?

Mal so, mal so. Gerade habe ich eine Anfrage abgelehnt, auf einem Kongress zum Thema „Inzest“ zu sprechen, obwohl da einige Menschen sein werden, die ich auch gerne treffen würde. Aber gerade ist es mir zuviel. Ich möchte in diesem Rahmen, wo hauptsächlich Wissenschaftler*innen sind, kein Zeugnis ablegen. Ich fühle mich verletzlich; vielleicht liegt es auch an der langen Pause, die durch Corona entstanden ist. Aber grundsätzlich ist mir die Vernetzung sehr wichtig. Nur mit vereinten Kräften können wir etwas bewirken.

Du bewirkst etwas, berührst Menschen. Eine Poetin hat sogar ein Gedicht über Dich geschrieben.

Bloß gut, dass sie es auf der Veranstaltung vorgelesen hat, als ich gerade backstage war! Ich hätte womöglich geheult.

Ich habe diese offene Seite, es sieht so aus, als können ich gut mit Menschen.

Andererseits trage ich immer noch das Dunkel, die Wildnis in mir. Es gibt Tage, da drängt es mich wieder dorthin. Dann isoliere ich mich, wandere ziellos herum, versinke wieder in Wortlosigkeit. Es ist eine seltsame Sucht, die mich gelegentlich heimsucht, nicht ungefährlich. Meine Schwester findet nicht mehr aus ihr zurück. Verloren. Mich halten zwei Menschen, denen ich versprochen habe, zurück zu kommen. Die nach mir schauen, wenn ich zu verschwinden versuche.

Vor Kurzem hast Du einen Preis für den Verein gewonnen, den Du gegründet hast. Er unterstützt Familien, die auf der Straße leben.

Darauf bin ich auch stolz, damit können wir ganz konkret Hilfe leisten. Aber es gibt eben auch die Momente, wo ich sehe: Ich kann diesem Kind nicht helfen, vom missbrauchenden Vater loszukommen. Oder die Brigade für familiäre Unterstützung in einem schwierigen Viertel wurde einfach dicht gemacht, entgegen aller Versprechen, man wolle kein Kind alleine lassen. Deswegen ist es mir wichtig, mit Politikerinnen zusammen zu arbeiten.

Was wünschst Du Dir noch?

Von meinen Geschwistern ist mein Bruder, der Täter, derjenige, dem es am besten geht – er hat Familie, ein gutes Auskommen. Er hat sich in seiner Machtposition eingerichtet, als er gemerkt hat, dass niemand sich um mich und meine Schwester schert. Er hat uns dann auch an seine Kumpels verkauft. Und er ist bis heute unantastbar. Das einzige, was ich tun kann, ist mit dafür sorgen, dass es Kindern heute nicht mehr so geht wie mir, als ich z.B. in der Schule bei Lehrer*innen Hilfe suchte. Es sieht so aus, als hätten viele Menschen mehr Angst vor uns Opfern als vor den Tätern. Das sollte sich dringend ändern.

Fragst Du Dich auch manchmal, was aus Dir geworden wäre, wenn Du nicht so sehr mit Überleben beschäftigt gewesen wärst?

Sicher, auch wenn es ziemlich sinnlos ist. Welche Berge hätten wir versetzen können? So aber fängt man mit 50 gerade mal an, den Kopf zu heben.

Anne Lorient, Ich suchte Zuflucht im Nirgendwo

PS: Entschuldigt die Werbung; ich kann sie nicht beeinflussen und verdiene daran auch nichts.


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An den Ettaler Abt Barnabas, der für die in den Kellern seiner Abtei Gefoltereten außer einem „Heilgespräch“ nichts übrig hat

Schön, dass wieder ein Mythos aufgeklärt wurde: Die „vorbildliche“ Aufarbeitung von Missbrauch im Kloster Ettal. Irgendwie wurden die Kellergeschosse wohl ausgespart? Wir wissen es nicht, denn der Bericht wurde nie veröffentlicht. Was allein daran vorbildlich sein soll, erschließt sich mir nicht. Vielleicht ist vorbildlicher, dass die Opfer selbst sich als „zufrieden“ erklären, zumindest die, die sich öffentlich äußern. Man munkelt, der Berichterstatter und der Auftraggeber seien mittlerweile befreundet und hätten so manchen Urlaub miteinander verbracht; s. hier:

@spiegelstelle „Prof. Heiner Keupp berichtete 2019 auf einer Tagung in Berlin, er habe sich mit Barnabas Bögle befreundet. Die Benediktinerabtei #Ettal kann man nicht losgelöst von #Münsterschwarzach und #MariaLaach betrachten. Es handelt sich um ein Netzwerk von Ordensleuten und Laien.“

Aber gut: Honni soit qui mal y pense.

Wir wissen jetzt wie auch immer, dass da was Wichtiges fehlte, das Schlimmste und Verwerflichste (zufällig?), also muss man wohl von vorne anfangen. Gehen wir davon aus, dass es fehlte, weil es nicht vorstellbar war. Wie auch immer; Abt Barnabas ist Opfern und Öffentlichkeit etwas schuldig. Bisher scheint er es schuldig bleiben zu wollen; er wird, wie Kardinal Marx es ausdrückt, für die Kirche überhaupt, Hilfe von außen brauchen, denn: Er kann es nicht.

Die verschacherten und gefolterten Heimkinder haben Menschen, die sie unterstützen; denn das brauchen wir Missbrauchs-Überlebenden, wenn wir uns mit der Täter-Institution auseinander setzen; deswegen vernetzen wir uns auch. Die Gefahr der Retraumatisierung ist so groß. Einer dieser Unterstützer hat Abt Barnabas folgenden Brief geschrieben, den ich hier dokumentiere.

Sehr geehrter Abt Barnabas, Sie haben auf mein unten platziertes Mail vom 26. Juli des Jahres nicht reagiert. Auch auf weitere Aufforderungen zu antworten sind Sie nicht eingegangen. Unsere Recherchegruppe, bestehend aus Jörg Jagers und mir, hatte Ihnen außerdem das Angebot gemacht, die von uns erarbeiteten und recherchierten Materialien zu den Missbräuchen an Heimkindern, die in den Klosterkellern geschahen,  vorzulegen. Auch darauf erfolgte keine Reaktion. Damit haben Sie entschieden, dass dieses Mail nun seinen Weg in die Öffentlichkeit nimmt.

Mit freundlichen Grüßen
Vladimir Kadavy 


Sehr geehrter Abt Barnabas,

am Montag, nach dem Erscheinen des Buch-2-Beitrages in der SZ vom 30.1.2021 suchten Sie über Jörg Jaegers Kontakt zu unserer Gruppe. Zustande kam am Dienstag Nachmittag, dem 2. Februar,  ein kurzes  Telefonat von fünf Minuten, Ihre Worte dabei sind in etwa so zu resümieren:

Wenn die Betroffenen sich vorstellen könnten, dass von einem Gespräch mit Ihnen eine für sie  heilende Wirkung ausgeht, dann seien Sie zu diesem Gespräch bereit.

Sie machen die Wirkung dessen, was Sie „Heilung“ nennen, vom guten Willen und der Bereitschaft der zu Heilenden abhängig.  Die in Ettals Kellern Missbrauchten und Gefolterten bedürfen der Heilung, die Sie anbieten. Ein großartiger, von Demut zeugender Gedanke: Der gute Wille der Opfer und der Glaube an Ihre heilenden Worte führen zum happy ending. Ich war zunächst baff und ließ mir von Herrn Jaegers  nochmals den Wortlaut bestätigen.

Weitere Punkte, die Herr Jaegers noch ansprechen wollte, waren nicht zu besprechen.
Sie haben  Ihre Botschaft  verkündet und beendeten das Gespräch. Ein weiter führender Dialog und Meinungstausch lag wohl nicht in Ihrer Absicht.

Sie sind sich offenbar nicht darüber im Klaren, wie Ihr Heilungsangebot bei bei den drei Missbrauchten angekommen ist. Warum in einem Klosterkeller gefolterte und getriggerte Menschen  Energie und den Willen und Bereitschaft mobilisieren sollen, sich der heilenden  Wirkung Ihrer Worte zu überlassen, bleibt Ihr Geheimnis. Ich gratuliere Ihnen zu dem starken Glauben an die Kraft Ihrer Worte. Die  Empörung, die sie angesichts eines solchen Angebots verspürten, können Sie wohl nicht nachvollziehen. Es sei denn, es war anders und Sie wollten nur provozieren.

Zumindest stellt sich noch eine grundsätzliche, tiefgründigere Frage: Kann man Menschen, die an Selbstüberhöhung und/oder  Hybris der Demut leiden, ebenfalls einer heilenden Wirkung zuführen? Verwirrt die frische  Bergluft die Wahrnehmung oder führt sie in lichte Höhen, denen andere nicht folgen wollen? Anders gefragt: Brauchen Sie nicht selber Beistand?

Seit Februar sind Sie auf Tauchstation, von Ihnen keine Impulse. Der Verdacht  verstärkt sich:  Sie reagieren nicht, Sie wollen es aussitzen. Stattdessen verbreiten Sie, verführt von Ihrem  Wahrnehmungsbedürfnis,  erstaunliche Ansichten über die Interessen unserer Gruppe, darunter die Behauptung, es gehe uns nur um den schnöden Mammon.

Mit dieser Behauptung haben Sie nur ins Blaue gezielt, aber nicht ins Schwarze getroffen. Die  Rolle des Geldes in dieser causa  einzuschätzen überlassen Sie uns, gegen Ihre öffentlichen  Spekulationen dazu verwahren wir uns.

Sie ermessen nicht die Überlebensinteressen  einiger, die fünf Jahre oder länger andauernde  sexuelle und physische Exzesse des benediktinischen Personals und anderer Täter wie durch ein Wunder überlebt haben. Wir reden von den drei uns bekannten Überlebenden, deren Schicksal wir dokumentiert haben. Von den anderen, die außerdem noch in den Ettaler  Klosterverliesen gefangen, sexuell und physisch missbraucht wurden und inzwischen verstorben sind, ganz zu schweigen.  Oder denen, die noch so traumatisiert sind und neben sich stehen (man nennt es: dissoziiert sind) und sich nicht melden werden. Mit entsprechender Abrichtung und Zuarbeitung des Paritätischen Heimpersonals und transportierender Nonnen haben sich Mönche Ihres Klosters in den Sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in schändlicher Weise an diesen drei und noch anderen vergangen. Ein Gemeinschaftswerk, eine  Kooperation zwischen weltlicher und kirchlicher Institution zur Vermehrung von Geld und Lust. Immer wenn die Kloster-Zöglinge nicht verfügbar waren, wurden Heimkinder herbeigeschafft, übrigens nicht nur während der Ferien. Gerne auch zu hohen christlichen Feiertagen.

Stattdessen wollen Sie  die Überlebenden mit Ihrem Segen erquicken und, ganz entscheidend, bevor Gespräche stattfinden, wollen Sie vorab mit ihnen ein Friedensfest feiern: Heile heile Segen. Wie im Kinderreim. Lasset uns von Eurer Versöhnung mit Uns sprechen, bevor wir Euch Teilhabe an Unserer Verantwortung und  Schuld gewähren. Denn unser Eingeständnis an Schuld und Verantwortung ist Gnade. Seid dankbar. Ist Ihnen nicht bewusst, dass es ankommt wie ein christlicher Reflex zur Vermeidung von größeren Ausgaben?

Sind die Opfer eingestimmt worden, verstärkt dies den Segen und schont die Kassen. So die benediktinische Kalkulation: Kinder schänden, Zeit schinden, Kassen schonen – geht nur mit Versöhnungskonzil.

Weiteres zu Ihrem Verdacht, es gehe ums Geld. Die Sache mit dem  Mammon bedarf weiter gehender Klärung.

Dabei und zunächst spielt das Wieviel durchaus eine Rolle. Diesmal geht es nicht um die Söhne der bayerischen Eliten, deren spätere Biografien von den mönchischen Abartigkeiten zur Genüge determiniert waren, Sie kennen ja die IPP-Studie und das der Studie vorausgegangene Buch der beiden SZ-Autoren Stadler und Obermeyer  („Bruder, was hast du getan?“). Die Exettaler, missbraucht und gedemütigt und gezeichnet für den Rest ihres Lebens, aber ganz anders aufgefangen und eingebettet, sind meist  gestützt durch Abstammung, Wohlstand und Privilegien ihrer Familien. Davon kann im Falle der Heimkinder aus Feldafing keine Rede sein. Die treiben alleine durchs All und konnten durch Jaegers und mich zumindest ihre Sprachlosigkeit überwinden.

Die  finanzielle Leistung des Klosters an seine ehemaligen Internatszöglinge hat meinem Empfinden nach bestenfalls symbolischen Charakter. Die gezahlten Beträge (je 7000,— €? Oder auch weniger?) drücken diesen Symbolismus adäquat aus.

Dass das Kloster diesmal  in einer anderen Verantwortung steckt, die zumindest finanziell  über den oben geschilderten Symbolgehalt  hinaus reicht, ließe sich ohne Mediatoren  vermitteln. Dass unbeschadet der Höhe des geleisteten Betrages eine Versöhnungserwartung aber  nicht bedient werden  kann: Diese  Kröte müssen Sie schlucken. Auch wenn Sie persönlich keine Schuld haben, als Abt tragen Sie Verantwortung. Das Kloster soll zahlen, basta. Keine Zahlungsbedingungen. Keine Umarmungen vor Kameras. Keine Instrumentalisierung der Interessen der Täterorganisation durch die Medien. Punkt. Es gibt vergebungslose Taten. Trost möge man sich bei Gott holen, nicht bei den Opfern. Das ist stillos.

Ich erwarte von Ihnen eine zeitnahe Antwort.

Mit freundlichen Grüßen

Vladimir Kadavy

PS: Für die Werbung unter dem Artikel bitte ich um Entschuldigung – ich kann sie nicht abstellen und verdiene auch nichts an ihr.


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„Wir alle müssen im Alltag hinschauen, zuhören und nachfragen“

Dixit unser Bundespräsident Walter Steinmeier, bei einem Treffen mit Vertretern des „Nationalen Rates gegen sexuelleGewalt an Kindern und Jugendlichen“ in Berlin.

https://www.sueddeutsche.de/politik/kinderpornografie-sexuelle-gewalt-kindsmissbrauch-frank-walter-steinmeier-bundespraesident-digitale-medien-kinder-1.5338406

Sein Wort in unser aller Ohren. Ich bin froh, dass auch er das gesagt hat; wir Betroffenen sagen das schon länger.

Wir sagen es nicht nur, wir probieren es aus, Menschen so weit zu bringen. Ich seit so etwa 15 Jahren. Ein Spaß ist das ja nicht. Eines kann ich sagen: Mit Aufrufen ist es nicht getan. Aber sie sind ein Anfang, kein Zweifel.

Am Tag von Steinmeiers Rede stoße ich auf Twitter auf diesen Tweet, in dem eine Betroffene formuliert, wie ihre Gesprächspartner*innen von ihr verlangen, sie möge ihre Sichtweise auf die erlebte Sexuelle Gewalt ändern.

https://mobile.twitter.com/drcalmwarrior/status/1410157217664454656
Und wenn nicht unsere Sichtweise, dann wenigstens unsere Erzählungen.

Diese Einwürfe reichen von „Das war bestimmt alles nur ein Missverständnis“ über „so schlimm war es nun auch wieder nicht“ zu „sich so viel damit zu befassen, tut nicht gut“.

Wenn ich so zurück sehe, sehe ich auch Fortschritte. Ich sehe aber auch Beharren. Die Schweigegebote, sagen wir mal, werden subtiler. Sie müssen sich mehr Mühe geben. So einfach ist es nicht mehr. Oder? Doch. Ist es. Es schweigen ja die allerüberwiegende Mehrheit der von Missbrauch in Kindheit oder Jugend Betroffenen. Damit schaden sie sich selbst, machen sich Leben und Gemüt schwer. Sie tun es wohl kaum aus Dummheit oder Faulheit. Und das muss aufhören. Wir sind Millionen. Millionen, denen es sehr viel besser gehen könnte, wenn man aufhören würde, zu tabuisieren, was uns geschehen ist.

Nein. Es ist keine Frage besser Therapien, jedenfalls nicht nur und nicht einmal hauptsächlich, wie auch hier jemand formuliert:

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Elefanten-Safari (1) – Wir sind nicht nur Opfer „unserer“ Täter

Hinweise, groß wie Elefanten – und niemand wollte sie bemerken. „Olympische Mentalgymnastik“ sei betrieben worden, schreibt der Journalist Carl Wilson, um jahrzehntelang über die Hinweise auf sexuelle Gewalt durch Michael Jackson hinwegzusehen. Erst als Jackson tot war, durften die Opfer auf Gehör hoffen. Ob sich das inzwischen geändert hat?

https://slate.com/culture/2019/02/michael-jackson-leaving-neverland-cancel-culture-metoo.html

Wie ist das heute, mit den Elefanten? Sie werden weiter gerne ignoriert. Warum? Weil wir halt nicht diejenigen sein wollen, die den Elefanten wahrnehmen. Denn was würde das über uns sagen?

Warum wir lieber blind bleiben.

Das erste Mal, dass ich den Elefanten bewusst wahrnahm, muss irgendwann in der zwölften Klasse gewesen sein, im Philosophie-Unterricht. Wir lasen diesen Text von Platon, in dem er schreibt, die „Knabenliebe“ sei der Beginn der Philosophie; oder der Weisheit. Ich saß da und wartete darauf, dass irgendwer nachfragte, wie die Aussage gemeint sei, und wieso „Knabenliebe“; aus dem Text geht ja durchaus hervor, dass es um Sex geht. Niemand. Dann doch der Lehrer? Man ahnt es: Auch der nicht.

Philosophie war mit mein Lieblingsfach, aber ich – damals erst vage ahnend, dass ich leider wusste, wie sich „Knabenliebe“ für die Opfer anfühlt – konnte mich für den Text nicht mehr interessieren. Ich wartete. Ich warte noch heute. Manchmal träumte ich, dass ich in diese Schule zurückkehrte, in den Klassenraum, irgendetwas suchend.

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Somatic Experiencing – eine Annäherung

„Mit der bequemen Abkürzung PTBS – Posttraumatisches Belastungs-Syndrom, die im Dienste wissenschaftlicher Leidenschaftslosigkeit steht, hat man die archetypische Reaktion auf Gemetzel von ihren rasenden Ursprüngen künstlich abgeschnitten“.

„Für Traumatisierte ist es nicht in Ordnung, sich so zu fühlen, wie sie sich fühlen, weil ihr Körper für sie zum Bewahrer von Schrecken und Entsetzen geworden ist.“

(Peter Levine, Sprache ohne Worte. Münschen 2010,  S. 175)

Die meisten von Krankenkassen finanzierten Therapien setzen über den Intellekt an, beim Denken. Es wird Ursachenforschung betrieben und / oder an konkreten Verhaltensweisen gearbeitet, meist über Gespräche, manchmal auch mit konkreten Übungen. Der Körper bleibt allermeist außen vor. Diese Ansätze sind hilfreich aber in den vergangenen Jahren hatte ich den Eindruck, dass sie bei mir an ihre Grenzen gestoßen sind. Also habe ich mich mit „Somatic Experiencing“ beschäftigt, zunächst durch Lektüre, und hatte jetzt auch einige Sitzungen bei einer erfahrenen Therapeutin.  Von der Lektüre und meinen Erfahrungen werde ich ein wenig berichten.

Nach der Lektüre von Levine, einem der wichtigsten Forscher und Vertreter des Ansatzes „Somatic Experiencing“ würde ich sagen: In meinem Kopf herrscht gute Ordnung. Die Leitlinie „gewaltfrei und in förderlichen, konstruktiven Beziehungen leben (privat und sonst auch)“ führt sehr weit, auch in der Betrachtung der gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen. Da ist dann vieles in Frage zu stellen und zu ändern. Das führt weit.

Das gelingen zu sehen, vermittelt ein Gefühl von Stärke und Selbstbestimmtheit.

In meinem Körper hingegen herrscht ziemliches Chaos. Der Wechsel zwischen Stress und Ruhe ist völlig durcheinander, schier ein Ding der Unmöglichkeit; früher gab es nur durch Zusammenbrechen nach totalem Auspowern Ruhe; und Entspannung bedeutete (und bedeutet oftmals heute noch): Zeit für weitere Trauma-Verarbeitung; sobald auch nur ein wenig Zeit und Energie da ist, drängt alles mögliche hoch. Was dann nicht erholsam, sondern total anstrengend ist. Weiterlesen


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Post-traumatisches Syndrom und Schul-Medizin

Ich hab’s geschafft. Die Woche davor war grauenhaft. Panik-Attacken, Flashbacks. Ging nach dem Vorgespräch los (eine Woche vor der geplanten Darmspiegelung, die eine wichtige Vorsorge-Untersuchung ist).

Ich war darauf nicht vorbereitet. Weder meine Hausärztin noch der Gastro-Entrologe, mit dem ich das Vorgespräch hatte, hatten mich darauf vorbereitet.

Wir sind ja auch nur zehn Prozent aller potentiellen Patienten. Die zehn Prozent der Deutschen, die als Kinder oder Jugendliche sexuellen Übergriffen ausgesetzt wurden.

Mit wievielen Ärztinnen oder Ärzten habe ich versucht, darüber zu reden? Zu schauen, ob sie bereit und in der Lage sind, bei meiner Behandlung und gesundheitlichen Betreuung die Traumatisierungen mit ihren Folgen mit zu bedenken?

Ich fürchte, das Ergebnis meiner Bemühungen lautet: Die meisten haben schlicht keine Ahnung. Viele von ihnen sind freundliche Menschen, die sich bemühen, so gut es ihre knapp bemessene Zeit gestattet (Gespräche zu führen wird Medizinern sehr schlecht vergütet). Auf Kenntnis-Reichtung bin ich aber nicht gerade gestoßen. Weiterlesen


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Leben und Lieben einer Traumatisierten: „Heart Berries“ von Therese Mailhot

Sie hat getan, was ich (als Traumatisierte) vermieden habe, oder versucht habe zu vermeiden: Liebesbeziehungen eingehen, Kinder bekommen, solange das Trauma unentdeckt und unaufgearbeitet ist. Therese Mailhot, eine Kanadierin indianischer Herkunft, hat darüber ein „Memoir“ geschrieben (korrekt so geschrieben, auf Englisch; das Werk ist bisher nicht übersetzt). Ihr Erstling wurde viel gelobt, es ist ein schmales Bändchen, und ja, es kommt mir vieles sehr bekannt vor. Die Destruktivität, die in nahen Beziehungen steckt, die extremen Stimmungsschwankungen, die Zumutung, als die frau sich ihren Mitmenschen gegenüber fühlt (und die sie durch das Elend in ihr auch immer mal wieder ist).

Ja, es ist eine aufwühlende Lektüre, das empfinden auch Menschen so, die nicht durch die Trauma-Hölle gegangen sind. Und die meisten sind schwer beeindruckt und zollen der Autorin Respekt:

https://www.goodreads.com/book/show/35840657-heart-berries?ac=1&from_search=true

Damit habe ich vielleicht das beschrieben, was für mich an diesem Buch am wichtigsten ist: Dass es Menschen erreicht, trotz der Trostlosigkeit, der Abgründe, der Destruktivität, die das Buch beschreibt. Der Trick mag ein wenig billig sein – eine Liebesgeschichte (wenn dieses Auf und Ab starker und widersprüchlicher Gefühle denn so genannt werden kann) führt durch den Band – Therese ist schwierig, der Freund trotzdem hingerissen, dann kann er nicht mehr, Trennung, sie kommen aber nicht voneinander los, zeugen betrunken ein Kind. Na ja. Ich las das, und dachte: Schon gut, dass ich versucht habe, das zu vermeiden. Auch wenn ich’s nicht ganz geschafft habe, ein Kind habe ich immerhin nicht reingezogen. Weiterlesen


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„False Memory Syndrom“ – eine Entgegnung

Es ist eines dieser Ungeheuer von Loch Ness der Presse-Landschaft: Das False-Memory-Syndrom. Aus welcher Ecke es jeweils lanciert wird, dürfte das Wissenswerteste sein, was diese Artikel angeht. Eine geneigte Leserin dieses Blogs hat mir erlaubt, ihren Kommentar an den „Spiegel“ dazu hier zu veröffentlichen.
Wieso eigentlich jetzt gerade das wieder? Merkwürdigerweise kam ja gerade eine weitere interessante Meldung:
Ein Schelm, wer da irgendetwas denkt?
Sehr geehrte Damen und Herren,
mit Entsetzen habe ich den Artikel „Wenn die Tochter dem Vater plötzlich Missbrauch vorwirft“ von Jutta Jüttner gelesen. Selten habe ich im Spiegel oder Spiegel Online einen Artikel gelesen, der ein derart sensibles Thema so einseitig und schlecht recherchiert darstellt.
Dieses „Syndrom“ ist nämlich keinesfalls unumstritten, es ist auch nicht wissenschaftlich anerkannt. Außerdem wird es häufig benutzt, um TäterInnen zu schützen und Opfer sexuellen Missbrauchs zu diskreditieren. Wird so ein Thema dennoch journalistisch aufbereitet, dann erwarte ich, dass die Kritikpunkte und Ungereimtheiten des „Syndroms“ benannt und diskutiert werden. Dies ist leider nicht geschehen.
Im Folgenden führe ich einzelne Kritikpunkte aus:

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„Aufklärung“ predigen und Vertuschung praktizieren

Man hatte wohl gehofft, der Redakteur werde mich nicht finden. Acht Jahre lang hatte die Diözese Rottenburg-Stuttgart es geschafft, vor der Öffentlichkeit zu verbergen, dass der Pfarrer der Gemeinde Unterboihingen (mindestens) ein Kommunionkind missbraucht hatte. Und noch acht Jahre später versuchte man einem den Fall neu recherchierenden Journalisten weiszumachen, man habe mir die „Anerkennungs-Zahlung“ quasi aus Mitleid zukommen lassen – weil man gemerkt habe, dass mir „etwas Schlimmes“ passiert sei. Das Auffinden von Kindernacktbildern im Nachlass des Pfarrers wurde einfach verschwiegen.

So geht es weiter mit Vertuschung; es werden Veranstaltungen zu Prävention gemacht, und gleichzeitig wird Aufklärung verhindert, Gläubige werden belogen, damit die Glaubwürdigkeit von Opfern weiterhin fragwürdig bleibt. In Ulm sitze ich mit zwei Mitgliedern einer Missbrauchs-Kommission auf dem Podium, die auf meinen Bericht, wie mich ihr Vorgehen 2005 traumatisierte, mit steinernen Gesichtern reagieren. Weiterlesen


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. . . und in den „Niederungen“ der Kirchengemeinden – passiert: Nichts

Wie eigentlich ist es um die angebliche Bereitschaft bestellt, Betroffene in den Aufarbeitungs-Prozess einzubinden? Veranstaltungen zum Thema Kirche und Missbrauch; Prävention und (womöglich!) Aufarbeitung, gibt es derzeit tatsächlich. Sie bieten Kirchen-Funktionären eine willkommene Bühne, um Kirchenvolk und Publikum zu beruhigen und vom angeblich so vorbildlichen Engagement gegen sexuelle Gewalt zu berichten. Weit und breit keine Betroffenen auf den Podien. Nur ein Beispiel:

https://www.tagblatt.de/Nachrichten/Verdraengung-oder-Aufklaerung-409781.html

Da rutschen dem Herrn Generalvikar (er ist der Stellvertreter des Bischofs) schon mal so Worte heraus, wie: „Viele Opfer sind gestorben“. Viel wichtiger sei, was getan wird, damit es nicht wieder passiert. Der gleiche zweitmächtigste Mann der Diözese behauptet auch, die Opfer wollten gar keine Aufarbeitung.

https://www.tagblatt.de/Nachrichten/Verdraengung-oder-Aufklaerung-409781.html

Es ist ja niemand da, um zu widersprechen. Und der- oder diejenige würde sich vermutlich sehr einsam fühlen.

Für eine Podiumsdiskussion in Ulm waren die Veranstalter so mutig, eine Betroffene aufs Podium zu bitten. Die ursprüngliche Idee war, Orgelspiel die Stimme der Betroffenen symbolisieren zu lassen. Man wollte „Oh Haupt voll Blut und Wunden“ spielen lassen. Am Ende setzten sich die Veranstalter durch. Aber die Betroffene musste in einer Kirche (für sie ein Tatort), und mit einer Person auf dem Podium, die sie verleumdet und ihre Glaubwürdigkeit angezweifelt hatte, ihre eigene Stimme erheben. Weiterlesen